# taz.de -- Jubiläum in der Friedensbewegung: „Manche sehen Militarismus nicht mehr als negativen Begriff“
> Die Informationsstelle Militarisierung feiert ihr 30. Jubiläum. Anders
> als andere Initiativen ist sie an der Bewertung des Ukrainekriegs nicht
> zerbrochen.
(IMG) Bild: Ostermarsch in München 2023: Ganz vorn mit dabei Tobias Pflüger, Mitbegründer der Informationsstelle Militarisierung (3.v.r.)
Am Anfang stand die Aufstellung des Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr
im baden-württembergischen Calw. Die Schaffung der Sondereinheit, die ab
1996 für den Kampf hinter feindlichen Linien ausgebildet wurde, sorgte für
Protest bei einer Gruppe Aktivist*innen in der benachbarten Unistadt
Tübingen. „Unsere Hoffnung war, dass wir ein paar Mal warnen und dass sich
das Thema dann erledigt“, sagt Claudia Haydt heute. Das Kommando
Spezialkräfte (KSK) existiert [1][trotz der dort offen zutage getretenen
rechtsextremen] und [2][putschistischen Bestrebungen] weiterhin. Und so
setzt auch Haydt ihre Arbeit fort, die sich längst nicht mehr nur um die
Sondereinheit dreht.
Sie ist eine der Mitgründerinnen der Informationsstelle Militarisierung
(IMI), die am Samstag in Tübingen ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Aus
einem Büro in einem soziokulturellen Zentrum in der Stadt organisieren
heute 4 bis 5 ehrenamtliche Mitarbeitende die politische Arbeit der Gruppe.
Die IMI sieht sich an der „Schnittstelle zwischen Wissenschaft und
Bewegung“; ihr Engagement konzentriert sich auf Analysen, die von einzelnen
Waffensystemen bis zu außenpolitischen Strategien reichen.
Dafür gibt die Initiative alle drei Monate ein etwa 70-seitiges Magazin
heraus und veranstaltet Diskussionsforen. Es gibt Studien, die von
deutschen Drohnenentwicklungen bis zum Milliardengrab der Umstellung der
Bundeswehr auf ein funktionierendes Digitalfunksystem reichen. Hinzu kommen
tägliche Kurzmeldungen, für die Fachmagazine durchforstet werden, um
aktuelle Beschaffungsprojekte zu beleuchten.
Alle Publikationen veröffentlicht die IMI umsonst, finanziert wird die
Arbeit von etwa 600 Spender*innen, die jährlich durchschnittlich einen
Beitrag von etwa 160 Euro bezahlen. Auf die Unabhängigkeit, die durch die
finanzielle Eigenständigkeit entsteht, ist man bei der IMI stolz – ebenso
darauf, dass die Zahl der Mitglieder nach eigenen Angaben kontinuierlich,
wenn auch langsam, wächst.
## Umstellung der Bundeswehr im Schatten der Öffentlichkeit
Die Webseite der IMI ist längst zu einem frei zugänglichen Internetarchiv
der Sicherheitspolitik und des Antimilitarismus in Deutschland geworden;
hier lässt sich nachvollziehen, wie die Bundeswehr mit immer neuen Aufgaben
überladen wurde, die von der Territorialverteidigung im Kalten Krieg zu der
Aufstellung einer überforderten Einsatzarmee führten. Auch die
Rückbesinnung auf die Territorialverteidigung in Zeiten des Ukrainekriegs
und die Machtprojektion von Kanzler Friedrich Merz (CDU), [3][der die
Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee in Europa“ ausbauen
möchte], lässt sich dort nachvollziehen.
Claudia Haydt war zum Beginn ihrer Arbeit bei der IMI noch Mitglied der
Grünen. Wegen der Entscheidung Deutschlands zur Beteilgung am
Jugoslawien-Krieg unter Rot-Grün im Jahr 1999, kehrte sie der Partei den
Rücken. Heute ist sie bei der Linkspartei aktiv. Auch Tobias Pflüger gehört
zu den Gründern der Initiative, er saß für die Linke von 2017 bis 2021 im
Bundestag.
In einem Beitrag auf der IMI-Webseite aus dem Jahr 2001 schreibt Pflüger,
dass „der NATO-Krieg gegen Jugoslawien ein Grundmuster zukünftiger Kriege
und damit auch der Bundeswehr“ geliefert habe. Die Standortschließungen der
Bundeswehr Anfang der 2000er-Jahre sah er in diesem Zusammenhang nicht als
„Sparmaßnahmen“, wie sie landläufig bezeichnet wurden. Sie hätten vielmehr
eine „qualitative Aufrüstung“ bedeutet, weil sie den Weg der deutschen
Armee zu einer weltweit tätigen Einsatzarmee bereiten sollten.
So sieht es auch Christoph Marischka, der wie Claudia Haydt im Vorstand der
Initiative sitzt. Die Neuaufstellung der Bundeswehr habe sich jenseits
einer größeren gesellschaftlichen Debatte vollzogen, sagt er. Dies sei der
zentrale Unterschied zwischen der Arbeit der IMI in ihren Anfangsjahren
gegenüber heute. „Unsere Arbeit bestand auch darin, Schnipsel aus der
Lokalpresse zu bündeln, die uns Leute zugeschickt haben, die in der Nähe
von Rüstungsstandorten gewohnt haben.“
Anders als andere Initiativen aus der Friedensbewegung ist die IMI nicht an
der Bewertung des Ukrainekriegs zerbrochen. „Wir waren immer diejenigen,
die imperialistische Tendenzen auf allen Seiten kritisiert haben“, sagt
Marischka. So sei es nie eine Frage gewesen, den Angriff Russlands auf die
Ukraine vehement zu kritisieren. Um die „zwei bis drei“ Austritte aus der
Initiative, die es damals gegeben habe, sei es ihm „auch nicht schade“.
Ohnehin habe die IMI auch bei der Kritik der Nato-Osterweiterung nie ein
Blatt vor den Mund genommen.
Etwas anders habe es bei der Bewertung des Kriegs in Gaza ausgesehen. Hier
habe sich in der Initiative erstmals ein Generationenkonflikt aufgetan,
weil jüngere Mitglieder mit Vorwürfen des Völkermords gegen Israel oder
denen eines Apartheidstaats, Worte gewählt hätten, die Älteren
„schwergefallen“ seien. „Ich würde trotzdem sagen, dass wir es geschafft
haben, in diesen Diskussionen miteinander solidarisch umzugehen“, sagt
Marischka. Zumal es stets eine große Einigkeit darüber gegeben habe, dass
man Israel als aktiver Kriegspartei keine Waffen aus Deutschland liefern
dürfe.
Im Gegensatz zu den Anfangsjahren sieht IMI-Gründerin Haydt einen weiteren
Unterschied, wenn sie heute über ihrer Arbeit spricht. Sie müsse erst mal
erklären, dass die Initiative ein friedenspolitisches Ziel verfolge.
„Anders als in den 90er Jahren ist das Wort Militarismus für manche gar
kein negativer Begriff mehr“, sagt sie.
6 Aug 2026
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