# taz.de -- Streitgespräch über Aufrüstung: „Europa sollte stärker werden als Russland.“ – „Da widerspreche ich.“
       
       > Ist die Warnung vor einem Angriff auf Nato-Gebiet alarmistisch? Müssen
       > wir so massiv aufrüsten? Ein Streitgespräch mit Carlo Masala und Max
       > Mutschler.
       
 (IMG) Bild: Carlo Masala und Max Mutschler
       
       taz: Herr Masala, Herr Mutschler, muss Deutschland aufrüsten? 
       
       Carlo Masala: Ja, die Bundeswehr wurde in den letzten 30 Jahren sträflich
       vernachlässigt. Waffen, die im Rahmen des Nato-integrierten
       Planungsprozesses angeschafft werden sollten, fehlen.
       
       Max Mutschler: Die Bundeswehr wurde nicht kaputtgespart. Es ist dort viel
       Geld reingeflossen, auch wenn die Mittel ineffizient verwendet wurden. Wenn
       man bei den französischen Militärausgaben die Kosten für Nuklearwaffen
       abzieht, waren die Etats in etwa gleich. Und die französische Armee ist
       nicht zu schlecht ausgerüstet.
       
       Masala: Das französische und auch das britische Militär sind ebenfalls
       kaputtgespart worden. Es gibt in der Bundeswehr Panzerbrigaden, die nicht
       genug Panzer haben. Deutschland muss deshalb aufrüsten. Oder besser:
       ausrüsten. Die Bundeswehr muss bekommen, was sie braucht.
       
       Mutschler: Gut, Deutschland muss in bestimmten Bereichen Fähigkeitslücken
       füllen. Aber es muss nicht so massiv aufrüsten, wie es sich jetzt andeutet.
       Friedrich Merz will, dass Deutschland die größte konventionelle Armee in
       Europa hat.
       
       Masala: Den Satz halte ich für falsch, schon weil unklar ist, wie man
       stärkste konventionelle Streitkräfte misst. Deutschland darf laut
       Zwei-plus-Vier-Vertrag höchstens 350.000 Soldaten haben. Was, wenn die
       polnische Armee größer ist? Und wie groß ist der Kampfwert eines
       Leopard-2-Kampfpanzers im Verhältnis zu den südkoreanischen Panzern, die
       die polnische Armee hat? Der Satz ruft nationale Rivalitäten auf und ist
       deshalb unglücklich. „Wir wollen die modernste Armee Europas haben“, wäre
       klüger gewesen.
       
       taz: Deutschland investiert massiv in Rüstung und wird 2029 mehr als 150
       Milliarden für Verteidigung ausgeben. Ist das zu viel? 
       
       Masala: Erstmal ist Verteidigungshaushalt nicht gleich Rüstung. Vier
       Fünftel flossen bislang in Personal und Materialerhaltung, nur ein kleiner
       Teil wurde für Waffenkäufe verwandt. Deutschland hat sich auf dem
       Nato-Gipfel vor zwei Jahren verpflichtet, 3,5 Prozent vom
       Bruttoinlandsprodukt bis 2032 für Verteidigung auszugeben. Das ist der
       politische Fakt.
       
       Mutschler: Das war ein Fehler. Es ist grundsätzlich besser zu fragen, was
       wir brauchen als sich an abstrakten Zahlen zu orientieren.
       
       Masala: Ja, die Fixierung auf das 2- oder 3,5-Prozent-Ziel ist
       kritikwürdig. Als die Nato-Staaten sich auf das 2-Prozent-Ziel verständigt
       hatten, tauchten in einigen Staaten die Pensionen von Soldaten im
       Verteidigungshaushalt auf. Insofern teile ich die Kritik an den
       Prozentzahlen.
       
       taz: Verschwenden wir Geld? 
       
       Masala: Bei Rüstung ist Geldverschwendung immer ein Problem. Wir kreieren
       gerade mit Rheinmetall einen Rüstungsgiganten und entscheiden uns oft,
       deutsche Firmen zu beauftragen, obwohl Produkte auf dem internationalen
       Markt günstiger wären. Das kann man Verschwendung nennen. Auch Geld auf ein
       dysfunktionales Beschaffungssystem zu schmeißen, macht das System nicht
       funktional.
       
       Mutschler: Ja, es gibt viel zu wenig Anreize für die Industrie,
       Effizienzgewinne durch Kooperation zu erzielen. Da hapert es.
       
       taz: Sehen Sie die Gefahr, dass in Deutschland mit der Aufrüstung der
       Militarismus wiederkehrt? 
       
       Masala: Das halte ich für totalen Quatsch. Wir bekommen ja noch nicht mal
       die Wiedereinführung der Wehrpflicht hin. Ich sehe keine Militarisierung
       der Gesellschaft, in dem Sinne, dass das Militärische hierzulande
       kulturprägend wird.
       
       Mutschler: Das sehe ich auch nicht. Aber wenn es Frankreich oder Polen so
       wahrnehmen würden, wäre der Schaden schon da. Wir reden viel zu oft über
       Panzer, Flugzeuge und Milliarden fürs Militär. Aber wir müssen tatsächlich
       eher über politische Solidarität und Zusammenhalt in Europa sprechen.
       
       Masala: In Polen können Sie mit antideutscher Stimmung innenpolitisch immer
       Punkte machen. Frankreich hat dagegen Angst, dass seine eigene
       Rüstungsindustrie von dem Kuchen nichts abbekommt.
       
       Mutschler: Das ist der Punkt. Sobald es um die industriellen Interessen
       geht, ist es mit der europäischen Solidarität nicht mehr weit her. Das zu
       verändern, wäre für mich die eigentliche Zeitenwende. Wir müssen gar nicht
       von einer europäischen Armee reden. Aber es fehlt die Bereitschaft,
       wirtschaftlich auch mal die eigenen Interessen zurückzustellen.
       
       taz: Die Aufrüstung wird von den Staaten in Europa als Mittel benutzt, um
       die Wirtschaft anzukurbeln. Liegt darin ein Risiko? 
       
       Masala: Ich bin kein Ökonom, aber die Studien, die ich kenne, gehen von
       einem Wirtschaftswachstum von maximal 0,7 Prozent durch die
       Rüstungsindustrie aus. Da werden halt mal 5.000 Jobs in Niedersachsen
       gerettet, weil Rheinmetall Leute, die bei VW gearbeitet haben, übernimmt.
       Aber das hat Grenzen. Die meisten Rüstungsgüter werden als Einzelstücke
       gefertigt. Die Möglichkeiten, auf Masse zu gehen, sind begrenzt.
       
       Mutschler: Ich sehe das problematischer. Wenn die Rüstungsindustrie
       Schwächen in anderen Wirtschaftsbereichen ausgleichen muss, schaffen wir
       neue Abhängigkeiten. Wenn immer mehr Wertschöpfung an Waffenproduktion
       hängt, wird es schwierig, diese Bereiche wieder herunterzufahren – etwa um
       europäisch Waffen einzukaufen oder zu einem späteren Zeitpunkt abzurüsten.
       Dann werden wieder mehr Rüstungsgüter in zwielichtige Drittländer
       exportiert, um die produzierten Güter loszuwerden.
       
       Masala: Sie übertreiben. Die Rüstungsindustrie ist volkswirtschaftlich
       betrachtet ein kleiner Teil der deutschen Industrie und wird es auch
       bleiben. Es gibt Ökonomen, die sagen, dass die russische Kriegswirtschaft
       einem Friedensschluss mit der Ukraine entgegenwirkt, weil da so viele
       Interessen drinstecken. Von so einem Zustand sind wir in Deutschland
       meilenweit entfernt.
       
       taz: Der zentrale Grund für die Aufrüstung ist die Bedrohung aus Russland.
       Wie wahrscheinlich ist ein russischer Angriff auf Nato-Gebiet? 
       
       Mutschler: Russland ist eine sicherheitspolitische Bedrohung für
       Deutschland und die Nato. Aber sie ist geringer als es häufig behauptet
       wird. Es gibt in Russland Planspiele für Angriffe. In den meisten
       Szenarien, [1][auch in dem, das Herr Masala in seinem Buch skizziert hat,]
       gibt es einen Überraschungsangriff. Ich halte Angriffe auf Riga oder
       Vilnius nicht für unmöglich, aber für unwahrscheinlich; auch weil es den
       Überraschungseffekt nicht mehr gäbe. Wir müssen zwar Szenarien entwickeln,
       aber wir sollten sie nicht als Prognosen oder wahrscheinlich eintretenden
       Fall missverstehen. Es gibt keinen Grund für Alarmismus.
       
       taz: Herr Masala, sind wir zu alarmistisch? 
       
       Masala: Der frühere Chef des Bundesnachrichtendiensts, Bruno Kahl, hat
       gesagt, dass es Hinweise gibt, dass Kreise in Moskau den militärischen
       Beistand der Nato, testen wollen. Das ist eine Bedrohung. Diese Bedrohung
       zu benennen, ist nicht alarmistisch, sondern realistisch. Das bedeutet
       nicht, dass Russland die baltischen Staaten erobern wird, dass
       Panzerdivisionen aus Belarus die polnische Grenze durchbrechen und Warschau
       erobern wollen. Das würde das russische Regime vielleicht gerne tun, aber
       es ist klug genug zu wissen, dass in einem solchen Fall die Nato wohl
       geschlossen reagieren wird. Realistischer sind militärische Provokationen,
       mit denen Moskau zeigen kann, dass die Nato nicht kollektiv antwortet. Wir
       müssen also die Abschreckung so erhöhen, dass selbst das aus der russischen
       Perspektive zu risikoreich ist.
       
       Mutschler: So weit sind wir da nicht auseinander. Es gibt auf die Bedrohung
       aus Russland zwei Arten von Abschreckung. Wir drohen mit Vergeltung, mit
       Präzisionsschlägen ins russische Hinterland. Das ist deterrence by
       punishment. Diese Strategie ist riskant, weil sie im Zweifel zu einer
       maximalen Eskalation mit Atomwaffen führen könnte. Deshalb sollte die Nato
       [2][mehr auf deterrence by denial] setzen…
       
       taz: Das heißt? 
       
       Mutschler: Wir lassen es militärisch nicht zu, dass der Gegner ein Gebiet
       überhaupt erst betreten kann. Wenn die Verteidiger gut vorbereitet sind,
       sind Angriffe auf größere Städte, die in kurzer Zeit erobert werden sollen,
       wenig erfolgversprechend. Die Nato stärkt derzeit mit der Baltic Defence
       Line [3][und der Brigade Litauen] der Bundeswehr richtigerweise genau diese
       Verteidigungsstrategie. Die Defensive ist im Vorteil. Deshalb ist die
       Gefahr eines russischen Angriffs auf das Baltikum relativ gering.
       
       Masala: Wir brauchen beides, deterrence by punishment und deterrence by
       denial. Denn wir können nie davon ausgehen, dass eine Strategie allein
       funktioniert. Zur Abschreckung gehört die Fähigkeit zu Präzisionsschlägen
       vom europäischen Territorium aus tief in russisches Territorium hinein. Das
       muss mit einer defensiven Sprache einhergehen, damit die Gegenseite das
       nicht als Angriffsdrohung missversteht.
       
       taz: Da ist „stärkste konventionelle Armee in Europa“ nicht die richtige
       Sprache… 
       
       Masala: Nein. Hinzu kommt aber ein Faktor, den wir einkalkulieren müssen:
       der Abzug der USA. Die Amerikaner ziehen bereits jetzt Fähigkeiten aus
       Europa ab. Das ist bis jetzt nicht dramatisch, kann sich aber noch
       steigern. Europa sollte mittelfristig auch ohne US-Fähigkeiten stärker
       werden als Russland. Das wird noch sehr teuer werden. Satelliten und
       Datenaufklärung sind kostspieliger als Panzer oder Fregatten.
       
       Mutschler: Da widerspreche ich grundlegend. Die europäische Nato muss nicht
       stärker sein als Russland. Wenn das unser Ziel ist, produzieren wir
       Instabilität. Dann wird Russland versuchen, wiederum aufzurüsten. In diesem
       Wettlauf wird Russland unterliegen, weil es ökonomisch und technologisch
       nicht mithalten kann. Wenn Russland in diesem Wettlauf immer weiter
       zurückfällt, ist es denkbar, dass es gegen die konventionelle Überlegenheit
       der europäischen Nato stärker auf Chemiewaffen und taktische Atomwaffen
       setzt.
       
       Masala: Die Russen haben ihre Kriterien für den Einsatz von Nuklearwaffen
       ohnehin schon extrem gesenkt. Seit dem Ukrainekrieg ist da kaum noch Luft
       nach unten.
       
       Mutschler: Ein Grund mehr, warum es zu keinem heißen Krieg zwischen Nato
       und Russland kommen darf.
       
       Masala: Natürlich nicht. Deswegen brauchen wir glaubhafte Abschreckung.
       
       Mutschler: Um abzuschrecken, muss die europäische Nato aber nicht stärker
       sein. Sie sollte es auch nicht. Es reicht, über ausgeglichene Fähigkeiten
       zu verfügen. Sicherheit entsteht nur, wenn auch die russische Seite
       annehmen kann, dass ein stabiles Machtgleichgewicht existiert.
       
       Masala: Als langfristige Perspektive teile ich das. Es geht primär darum,
       zu verhindern, dass es zu einem Konflikt kommt. Aber: Was, wenn die
       Abschreckung versagt? Dann muss man diesen militärischen Konflikt
       erfolgreich führen können.
       
       taz: In den 80er Jahren hat die Nato mit dem Doppelbeschluss Aufrüstung mit
       Abrüstungsangeboten verbunden. Kann man davon etwas lernen?
       
       Masala: Derzeit nicht. Es ist falsche Zeit dafür. Bevor wir Angebote zur
       Rüstungskontrolle oder zur Abrüstung machen können, brauchen wir den Aufbau
       eigener militärische Stärke.
       
       Mutschler: Die Lage ist anders an in den 80er Jahren. Aber wir sollten
       trotzdem versuchen, einen Rüstungswettlauf abzubremsen und besonders
       gefährliche Waffensysteme, gerade im Bereich Mittelstreckenwaffen,
       eindämmen. Wir sollten das auch tun, um die Absichten Russlands zu testen.
       
       taz: Die USA werden keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland
       stationieren. Entsteht damit bei Mittelstreckenwaffen ein Übergewicht der
       russischen Seite? 
       
       Mutschler: Wir sind im Bereich Mittelstreckenwaffen auch ohne die
       Stationierung von US-Systemen nicht schutzlos. Die Briten verfügen über
       seegestützte Tomahawk. Die Franzosen haben ähnliche Systeme. Wir haben den
       Taurus, der, von Flugzeugen abgefeuert, Mittelstreckenreichweite haben
       kann. Wir sind jetzt schon in der Lage, hochwertige Ziele in Russland zu
       bedrohen.
       
       Masala: Nur falls man die russische Luftverteidigung überwindet.
       Landbasierte Raketen sind problemloser einsatzfähig. Und die fehlen uns.
       
       Mutschler: Mein Argument ist: Es gibt eine Fähigkeitslücke, aber sie ist
       kleiner als sie manchmal gemacht wird. Wir sollten nicht einseitig auf
       Mittelstreckenwaffen verzichten, aber die Bereitschaft erkennen lassen,
       dass wir Rüstungskontrolle wollen.
       
       taz: Wann könnte Rüstungskontrolle realistisch sein? 
       
       Mutschler: Die Zeit für Rüstungskontrolle kommt, wenn der Krieg in der
       Ukraine vorbei ist.
       
       Masala: Einverstanden. Rüstungskontrolle sollte Teil eines möglichen
       Abkommens sein.
       
       Mutschler: Das Problem ist, dass sich darüber niemand Gedanken macht. Die
       Bundesregierung tut nichts. In der neuen Militärstrategie fehlt
       Rüstungskontrolle als Instrument. Das ist ein Fehler.
       
       Masala: Auch einverstanden. Man muss jetzt an Konzepten arbeiten, die man
       vielleicht in fünf Jahren braucht. Wir rüsten jetzt auf, aber es ist in
       unserem eigenen Interesse eine Stabilisierung auf einem gewissen Niveau zu
       erreichen. Wir sollten nachdenken, wie wir einen Rüstungswettlauf
       verhindern, wenn wir militärisch stark genug sind, um einen Angriff der
       Russischen Föderation abzuschrecken. Danach – und erst danach – kommt der
       nächste Schritt. Ich bin ein Fan der Strategie des Gradualismus, die die
       amerikanische Administration nach der Kubakrise praktiziert hat.
       
       taz: Das heißt? 
       
       Masala: Angebote in kleinen Schritten. Wenn die scheitern, tut uns das
       nicht weh. Wenn sie erfolgreich sind, können wir weiter gehen. Darüber
       sollte man jetzt schon nachdenken.
       
       taz: Gibt es Initiativen in diese Richtung? 
       
       Mutschler: Ich sehe keine einzige. Die fehlende Rüstungskontrolle ist die
       größte Leerstelle in der Sicherheitspolitik. Man könnte bei den
       konventionellen Streitkräften Europas über Obergrenzen für bestimmte
       Waffensysteme nachdenken, angefangen bei den gefährlichsten Waffen. Das
       sind Deep-Precision-Strike-Systeme, die auch atomar bestückbar sein können.
       Niemand möchte einen Atomkrieg in Europa. Dieses gemeinsame Interesse
       könnte man auch in die Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs
       integrieren.
       
       Masala: Die Rüstungskontrolle liegt sowohl im konventionellen Bereich
       [4][als auch bei atomaren Waffen in Trümmern.] Das Problem im aktuellen
       nuklearen Wettlauf ist, dass China die Anzahl seiner Nuklearsprengköpfe
       vergrößert. Die Amerikaner sagen, dass sie zu Abrüstungsgesprächen bereit
       seien, aber die Chinesen dabei haben wollen. Doch China hat immer noch viel
       weniger Atomwaffen als Russland und die USA und will deswegen keine
       Abrüstungsverhandlungen führen. Deshalb ist die Lage blockiert.
       
       taz: Herr Mutschler, die Ukraine scheint mit ihren weitreichenden Angriffen
       den Druck so zu erhöhen, dass Russland ein Interesse bekommen könnte, zu
       verhandeln. [5][War Deutschland zu zögerlich,] was die Lieferung
       weitreichender Waffen angeht? 
       
       Mutschler: Die Sorge war, dass der Krieg mit der Lieferung dieser Waffen
       noch weiter eskaliert und Deutschland aktive Kriegspartei wird. Schwer zu
       sagen, ob es so gekommen wäre. Wohl eher nicht. Russland hat bei den
       anderen Rüstungslieferungen viel gedroht, aber nur mit kleinen Drohnen und
       Sabotage reagiert. Damit konnten wir umgehen. Deshalb: Ja, es wäre besser
       gewesen, wenn wir bei Waffenlieferungen an die Ukraine weniger zögerlich
       gewesen wären.
       
       Masala: Ich teile, was der ehemalige Nato-Militärchef Rob Bauer gesagt hat:
       Wenn wir früher viel mehr geliefert hätten, sähe die militärische Situation
       möglicherweise anders und besser für die Ukraine aus.
       
       Mutschler: Aber die weniger risikoreiche Alternative fruchtet jetzt auch.
       Statt Taurus-Marschflugkörper zu liefern, hat Deutschland die Ukraine beim
       Aufbau eigener Fähigkeiten bei weitreichenden Waffen mit Geld und Material
       unterstützt. Jetzt sehen wir das Ergebnis dieser Politik. Die Angriffe tief
       in Russland haben einen Effekt auf den Krieg in der Ukraine.
       
       taz: Müsste Deutschland jetzt mehr Waffen an die Ukraine liefern? 
       
       Masala: Da fragt sich: Welche? Wir haben ja schon in fast allen
       Waffenkategorien Rüstungsgüter in die Ukraine exportiert. Was die Ukrainer
       weiterhin dringend brauchen, ist Munition. Wir vergessen oft, dass dieser
       Krieg an der Front noch immer massiv von Artillerie unterstützt wird.
       
       Mutschler: Wichtig wäre, dass wir nicht mehr sagen: Entweder wir
       unterstützen die Ukraine militärisch oder wir bemühen uns um Verhandlungen.
       Wir müssen beides machen. Auch da kann man ja fragen, ob intensivere
       Diplomatie früher etwas ausrichten hätte können.
       
       Masala: Es gab genügend diplomatische Versuche. Was immer übersehen wird
       ist: Russland wiederholt andauernd, dass es nicht mit der EU verhandeln
       wird. Denn Wladimir Putin glaubt noch immer, dass Russland den Krieg noch
       gewinnen kann. So lange hilft nur der militärische und ökonomische Druck.
       Die Alternative zum Kämpfen muss besser sein als weiter zu kämpfen. Das
       gilt für Russland, das gilt für die Ukraine auch.
       
       Mutschler: Stimmt. Aber an dieser besseren Alternative muss von beiden
       Enden her gearbeitet werden: mit militärischem Druck und Diplomatie.
       
       7 Jul 2026
       
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