# taz.de -- Kampagne gegen Vergesellschaftung: Mit „Fakten“ gegen Fakten
> Unternehmens- und Vermieterverbände planen eine große Kampagne gegen die
> Vergesellschaftung in Berlin. Start ist Ende Juli, die taz hat sie schon
> vorher gesehen.
(IMG) Bild: Maren Kern, Vorständin beim BBU, beim Landesparteitag der Berliner CDU 2018
„Coming soon“ steht auf der ansonsten noch schwarzen Website
berlin-denkt-weiter.de. Ende Juli soll sich das ändern: Dann werden hier
Botschaften gegen die [1][Vergesellschaftung der Bestände privater
Wohnungskonzerne] zu finden sein. Und nicht nur hier. Mit einer großen
Kampagne mit Werbung im öffentlichen Raum und auf Social Media, mit
Zeitungsanzeigen, Flyern und vorgefertigten Interviews wollen sich
Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände bis zum Tag der
[2][Abgeordnetenhauswahl] einmischen. Damit stellen sie sich insbesondere
gegen Linkspartei und Grüne, die für die Vergesellschaftung eintreten.
Laut einer der taz vorliegenden Präsentation, die als „vertraulich/nur zur
internen Information“ markiert ist, stehen hinter der Kampagne gegen die
Umsetzung des Volksentscheids die Industrie- und Handelskammer, die
Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, der Verein Berliner Kaufleute und
Industrieller und die Handwerkskammer. Inoffiziell, aber prägend beteiligt
ist zudem der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU),
dem neben städtischen Vermietern und Genossenschaften auch private Konzerne
wie Vonovia und Covivio angehören.
Angesprochen und mobilisiert werden sollen im Berliner Wahlkampf all jene,
die einer Vergesellschaftung bereits ablehnend gegenüberstehen, sowie
„Unentschlossene“, denen „fundierte Fakten an die Hand“ gegeben werden
sollen. Die Ansprache soll „die Sorgen vieler Menschen“ über mangelhafte
Infrastruktur und steigende Mieten aufgreifen und ein „positives
Zukunftsbild der Stadt“ zeichnen. Da heißt es dann beispielsweise auf einer
Werbetafel: „Für 36 Milliarden Euro kann man 225.000 bestehende Wohnungen
verstaatlichen. Oder einfach 150.000 neue bauen.“ In einer Onlineanzeige
wird argumentiert: „Für 36 Milliarden Euro könnte ganz Berlin bis 2060
kostenlos Bus fahren“.
Dass eine Vergesellschaftung keine Verstaatlichung ist, weil die Bestände
von einer demokratisch kontrollierten Gesellschaft öffentlichen Rechts
übernommen werden sollen, fällt bei diesen Fakten allerdings unter den
Tisch. Ebenso, dass laut Grundgesetz die Entschädigungshöhe aus einem
Interessenausgleich zwischen den Unternehmen und der Allgemeinheit
ermittelt werden soll daher keineswegs der Marktwert zu entrichten ist.
## Angst schüren bei Genossenschaften
„Soft Launch“ der Kampagne war bereits im Juni. Hier wurden
Mitgliedsunternehmen des BBU auf einer Informationsveranstaltung
eingeschworen. Mit einer danach verschickten, der taz vorliegenden Mail von
BBU-Vorständin Maren Kern wurde die Kampagnenpräsentation zur Verfügung
gestellt, gedacht als „Unterstützung für Ihre
Mitglieder-/Vertreterversammlungen oder Aufsichtsratssitzungen“. Auch die
gemeinsame [3][Initiative von vier Berliner Banken], allesamt ebenfalls
Mitglieder des BBU, im Rahmen derer Gutachten gegen die Vergesellschaftung
präsentiert wurden, dürfte dazu gehören.
Teil der Öffentlichkeitsarbeit ist zudem ein Interview mit Maren Kern für
die „Internetseiten und/oder Mitgliederzeitschriften“ der
Wohnungsbaugenossenschaften. Ein entsprechender Musterbeitrag liegt der taz
vor. Kern zieht darin in Zweifel, dass Genossenschaften mit mehr als 3.000
Wohnungen von einer Vergesellschaftung ausgenommen werden können. Sie
fragt: „Was heißt das aber, wenn meine eigene Genossenschaft plötzlich doch
verstaatlicht würde: Was passiert mit meiner Wohnung? Mit meiner
Mitgliedschaft? Was wird aus meinen Genossenschaftsanteilen – also meinem
Geld?“
Unerwähnt bleibt: Laut der vom Senat eingesetzten Expertenkommission zur
Vergesellschaftung ist die Ausnahme von Genossenschaften problemlos
möglich. Im [4][Gesetzentwurf] von Deutsche Wohnen & Co enteignen sind
entsprechende Ausnahmeregelungen für landeseigene, kirchliche und
gemeinwirtschaftliche Unternehmen sowie Genossenschaften definiert.
Mit der Botschaft von Maren Kern sind derweil nicht alle Genossenschaften
einverstanden: Die Initiative „Die Genossenschafter*innen“, die sich 2020
als Reaktion auf die [5][Kampagnen des BBU gegen Mietendeckel und
Vergesellschaftung] gründete und eine stärkere Ausrichtung auf das
Gemeinwohl einfordert, ruft sogar zum Protest gegen den parlamentarischen
BBU-Abend an diesem Mittwoch auf.
Mitgründer Günter Piening sagt, es sei ein „Skandal, wie Maren Kern sich
vor den Karren des profitgetriebenen Immobiliensektors spannen lässt und
erneut Ängste in den Genossenschaften schürt, um die Interessen der
Immobilienwirtschaft durchzusetzen“. Kern streue „Falschinformationen“ und
verunsichere die Genossenschaftsmitglieder. Dies sei „manipulativ und
verantwortungslos“. Piening fordert, der BBU „sollte auf die Sachebene
zurückkehren“, sagt aber zugleich: „Es ist höchste Zeit, über Alternativen
zum BBU nachzudenken.“
7 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Deutsche-Wohnen--Co-enteignen/!t5764694
(DIR) [2] /Schwerpunkt-Wahlen-in-Berlin/!t5106764
(DIR) [3] /Initiative-gegen-Vergesellschaftung/!6187723
(DIR) [4] /Gesetz-von-Deutsche-Wohnen-enteignen/!6112510
(DIR) [5] /Kritik-am-Wohnungsverband-BBU/!5909459
## AUTOREN
(DIR) Erik Peter
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