# taz.de -- Kampagne „Berlin Kodex“: „Wenn's dir nicht gefällt, zieh doch nach Bielefeld“
       
       > Eine Kampagne eines Wirtschaftsverbands zur Wahl? Klingt nervig. Doch der
       > „Berlin Kodex“ ruft zu ruppiger Toleranz auf und trifft damit einen Nerv.
       
 (IMG) Bild: Teilnehmerin des Lesbisch-Schwulen Stadtfestes
       
       Ein Szenario: „Im Edeka drängelt einer vor. Du erkennst, dass es Brad Pitt
       ist.“ Was also tun? A: „Ich lasse ihn selbstverständlich vor und frag nach
       einem Autogramm.“ B: „Und wenn es Jesus selbst ist: soll sich hinten
       anstellen.“ C: „Ich mecker leise und mach heimlich ein Foto.“ Die Antwort,
       na klar: B, wie Berlin. Wo sonst hat man so wenig Ehrfurcht vor
       Wichtigtuern, wo sonst lässt man alle ihr Ding machen, solange man nicht
       persönlich betroffen ist? So sehen es auch drei Viertel aller
       Teilnehmer:innen, die auf [1][berlin-kodex.de] die Frage beantwort haben.
       
       Berlin Kodex ist eine Kampagne der Stiftung AusserGewöhnlich, ein
       Wirtschaftsnetzwerk, das 300 Berliner Unternehmen vereint. Mit der Website,
       Plakaten und einem gleichnamigen Buch mischen sich die
       Wirtschaftsvertreter:innen nun in den Wahlkampf ein. Dabei geht es
       nicht um Lobbyismus für weniger Steuern oder die [2][Verhinderung der
       Vergesellschaftung], sondern um den Zusammenhalt der Stadt.
       
       Innenstadt gegen Außenstadt, Auto- gegen Fahrradfahrer:innen, links-grünes
       Lebensgefühl gegen hohe Zustimmungswerte für die AfD – tatsächlich nehmen
       die Konflikte zu. Dagegen versucht die Kampagne, eine Art
       klassenübergreifendes Stadtgefühl zu stilisieren: „Soziale Medien,
       Populismus und Polarisierung lassen uns glauben, wir seien Feinde. Dabei
       teilen wir von der Sonnenallee bis zum Nikolassee dieselben ungeschriebenen
       Gesetze des Zusammenlebens.“
       
       Welche das sind, beantwortet der „Berlin Kodex“ gleich selbst: Auf der
       Liste stehen neun Punkte, von Direktheit über Streitkultur bis Integrität.
       Im Buch findet sich zu jedem Wert ein eigenes Kapitel, mit Geschichten aus
       der Vergangenheit und dem wahren Leben, Sinnsprüchen und Quizfragen. Da
       heißt es dann zur Berliner Schnauze etwa: „In Berlin musst du nicht
       freundlich sein. Du musst klar sein.“
       
       ## Richtige Klischees
       
       Das mag alles klischeehaft anmuten, aber es trifft den richtigen Ton.
       Besonders gilt das für die behauptete und eingeforderte Toleranz der
       Berliner:innen, die auch im Mittelpunkt der Plakatkampagne steht. Darauf
       stehen Fragen wie: „Sind wir zu tolerant?“ oder „Haben wir zu viele
       Fremde?“. Einen Berlin-Ausweis bekommen dann auch nur diejenigen, die das
       Quiz mit der richtigen Mischung aus Ruppigkeit und Toleranz beantworten.
       Etwa die Reaktion darauf, dass im Park „ein Typ wegen seiner knappen,
       pinken Glitzer-Hose angemacht“ wird? „Wenn dir seine Hose nicht gefällt,
       zieh doch nach Bielefeld.“
       
       Es geht also um ein Lebensgefühl, das schon Friedrich der Große mit Blick
       auf die Religionsfreiheit beschrieb: „Jeder soll nach seiner Fasson selig
       werden.“ Der Berlin-Kodex will an das Gefühl anknüpfen, betont die
       Wissenschaftlichkeit ihrer Image-Kampagne: So seien Menschen mit starker
       lokaler Identität „resilienter gegen extremistische Rekrutierung“. „Eigene
       Werte“ würden zu bewussteren (Wahl-)Entscheidungen führen.
       
       Man mag das glauben oder für Selbstüberschätzung halten. Andererseits: ’Ne
       Prise Selbstüberschätzung ist auch ein Berliner Wert.
       
       19 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://berlin-kodex.de/
 (DIR) [2] /Kampagne-gegen-Vergesellschaftung/!6193994
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erik Peter
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Toleranz
 (DIR) Berlin
 (DIR) Klischee
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Deutsche Wohnen & Co enteignen
 (DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
 (DIR) Literatur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kampagne gegen Vergesellschaftung: Mit „Fakten“ gegen Fakten
       
       Unternehmens- und Vermieterverbände planen eine große Kampagne gegen die
       Vergesellschaftung in Berlin. Start ist Ende Juli, die taz hat sie schon
       vorher gesehen.
       
 (DIR) Doku „Berlin Utopiekadaver“: Die Freiheit wird geräumt
       
       Wider klischeehafte Zuschreibungen von steinewerfenden Chaoten. Eine Doku
       über Berlins linke Szene kommt den Menschen ungewöhnlich nahe.
       
 (DIR) Berlin als Ort der Literatur: Wo der Laptop steht
       
       Vom Sehnsuchtsort zur Selbstverständlichkeit: Ist Berlin auserzählt? Eine
       Momentaufnahme. Zugleich ein Rückblick auf die Literatur dieses Jahres.