# taz.de -- Wohnen in Berlin: Genossenschaften unter Druck
> Auf dem aufgeheizten Mietmarkt sorgen Genossenschaften für Stabilität und
> sozialen Zusammenhalt. Doch auch sie spüren den Druck des Markts.
(IMG) Bild: Berlins Regierender Bürgermeister bei der Wohnungsgenossenschaft Köpenick Nord
dpa | Die stetig steigenden Mietpreise und der Wohnungsnotstand sind ein
Berliner Dauerthema. Einer aktuellen Studie des Deutschen
Gewerkschaftsbundes zufolge haben sich die Angebotsmieten in der Hauptstadt
in den vergangenen zehn Jahren im Mittel um rund 75 Prozent auf 15,80 Euro
pro Quadratmeter nettokalt erhöht. Der Verband Berlin-Brandenburgischer
Wohnungsunternehmen (BBU) geht für das vergangene Jahr sogar von
durchschnittlichen Angebotsmieten in Höhe von 18,76 Euro pro Quadratmeter
aus.
Wer hingegen in einer der mehr als 190.000 Genossenschaftswohnungen lebt,
die es in Berlin gibt, blieb von dieser Entwicklung bisher verschont. Die
durchschnittlichen Bestandsmieten bei Genossenschaften lagen dem BBU
zufolge im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 6,29 Euro pro Quadratmeter
rund 18,4 Prozent unter dem Niveau des Berliner Mietspiegels. Bei
Neuvermietungen ist die Differenz zu den Angebotsmieten noch viel größer.
Doch auch die Genossenschaften haben mit gestiegenen Baukosten, hohen
Zinsen und Flächenknappheit zu kämpfen. Vertreter der Branche sehen deshalb
die Bedeutung der Gesellschaften für den Berliner Mietmarkt bedroht – und
haben sich mit einem Positionspapier an die Berliner Landespolitik
gewendet. Bei einer Genossenschaftstour durch den Osten der Hauptstadt
übergaben sie das Dokument an den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner,
Finanzsenator Stefan Evers (beide CDU) und Bausenator Christian Gaebler
(SPD).
## Vor allem im Osten vertreten
Rund 200 Genossenschaften gibt es in der Hauptstadt. Sie verwalten knapp 11
Prozent des Berliner Mietwohnungsbestands. Insbesondere in den Ostbezirken
der Stadt sind sie stark vertreten. In Marzahn-Hellersdorf gehört mehr als
jede vierte Mietwohnung einer Genossenschaft. In den westlichen Bezirken
liegt ihr Anteil meist deutlich unter 10 Prozent.
„Das hat auch historische Gründe“, sagt BBU-Vorständin Maren Kern.
Genossenschaften waren in der DDR ein wichtiges Aushängeschild und
Instrument der Wohnungspolitik. Gleichwohl sind viele Berliner
Genossenschaften deutlich älter. Die Charlottenburger
Wohnungsbaugenossenschaft etwa gibt es bereits seit Anfang des 20.
Jahrhunderts. Viele andere blicken ebenfalls auf eine mehr als
hundertjährige Geschichte zurück.
Ihr Anspruch ist neben der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum auch die
soziale Mitgestaltung von Stadtquartieren und Kiezen. „Sie stärken den
Zusammenhalt und die Kommunikation der Menschen mit ihrem Wohnumfeld“, sagt
Henrike Hanke, Vorständin der Wohnungsbaugenossenschaft „Treptow Nord“.
Doch schon länger kann das Angebot an Genossenschaftswohnungen mit der
Nachfrage nicht mehr Schritt halten. Der Leerstand in diesem Segment
verharrte dem BBU zufolge Ende 2025 mit rund 0,9 Prozent deutlich unter dem
Niveau der übrigen BBU-Mitgliedsunternehmen, zu denen noch landeseigene,
kirchliche und private Wohnungsanbieter gehören. „Viele
Wohnungsgenossenschaften können deshalb schon heute keine neuen Mitglieder
mehr aufnehmen“, sagte Vorständin Kern.
Das liegt auch daran, dass die Zahl der neu gebauten
Genossenschaftswohnungen zuletzt stark rückläufig war. „Mit nur noch 178
fertiggestellten Wohnungen fiel die Zahl der Fertigstellungen 2025 auf den
niedrigsten Stand seit 15 Jahren“, heißt es vom BBU. Das seien 60 Prozent
weniger Neubauten als im Vorjahr. „Seit dem bisherigen Höchststand von 840
Fertigstellungen im Jahr 2018 ist die Zahl sogar um fast 80 Prozent
eingebrochen.“
## Es mangelt an Baugrund
Um den Anteil von derzeit rund 11 Prozent am Berliner Mietwohnungsmarkt
dauerhaft zu halten, müssten es aber jährlich mehrere Tausend neuer
Wohnungen sein, heißt es in dem Positionspapier der Branche. Für das
laufende Jahr rechnet der Verband hingegen mit lediglich etwa 160
Fertigstellungen – einem weiteren Rückgang von mehr als 10 Prozent im
Vorjahresvergleich.
Die Gründe seien vielfältig. Neben dem Dauerthema der gestiegenen Bau- und
Finanzierungskosten gehen den Genossenschaften den Angaben zufolge zudem
die Baugrundstücke aus. Viele Vereine hätten in den 90er und 2000er Jahren
viel Baugrund für die spätere Entwicklung kaufen können, sagt Dirk
Enzesberger, kaufmännischer Vorstand der Charlottenburger
Baugenossenschaft. Doch diese Reserven seien inzwischen ausgeschöpft.
In dem Positionspapier fordern die Vereine deshalb die Möglichkeit,
Landesflächen etwa über Mietkaufmodelle zu erstehen. Die Stadt könnte
demnach mit einem Wiederkaufsrecht sicherstellen, dass die Flächen nicht
weiterverkauft werden. Außerdem brauche es mehr Fördermittel für
Genossenschaften, um Bestandswohnungen aufzukaufen.
Trotz des Flächenmangels werden nach wie vor neue Genossenschaften
gegründet. Dazu gehört etwa die Genossenschaft selbstverwalteter Projekte
(GSP), die es seit 2021 gibt. Derzeit baut sie knapp 200 neue Wohnungen in
Holzmodulbauweise in Berlin-Lichtenberg. Die Fläche gehörte einst dem Bund.
Gut die Hälfte sind Sozialwohnungen, der Rest wird frei vermietet, zu etwa
14 Euro pro Quadratmeter, wie Vorstand Andreas Bräuer schildert. Müssten
die Kredite für das Projekt zu heutigen Zinsbedingungen aufgenommen werden,
läge der Quadratmeterpreis ihm zufolge eher bei 20 Euro.
Die Politik gibt sich verständnisvoll mit Blick auf die Sorgen der
Genossenschaften. „Wir haben in Berlin die Chance, durch unsere
Genossenschaften Berlin noch besser zu machen“, betonte Wegner auf der
Projekttour und versprach, sich vor allem die Genehmigungsverfahren
anzuschauen.
3 Jul 2026
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