# taz.de -- Punk-Ausstellung im dänischen Aarhus: Zwei Herzen, eine Radikalität
       
       > „Unruly. The Body in Punk“ ist eine exzellente Ausstellung über die
       > Aktualität von Punk-Ästhetik. Gezeigt wird sie im Aros-Museum in Aarhus.
       
 (IMG) Bild: Es war schockierend, wenn junge Frauen als Punks auftraten. Aus der Serie „The Punks 1976-77“ von Karen Knorr und Olivier Richon
       
       Zwei Fotos einer jungen Frau stechen sofort heraus: Um den Hals trägt sie
       eine feingliedrige Kette, deren lange Stachel nach außen und innen
       gerichtet sind. Zu sehen ist die dänische Künstlerin Nina Sten-Knudsen, die
       den Schmuck 1979 entworfen hat. Ihre Halskette sieht zerstörerisch aus und
       wirkt zugleich zart. Spitz, scharf und sinnlich matt-metallisch glänzend,
       dazu der leicht abwesende Blick. Anziehend und abstoßend. Dadurch wirkt die
       Künstlerin tough und zugleich verletzlich. Die Bilder sind Teil der
       Ausstellung „Unruly. The Body in Punk“ im Aros-Museum der dänischen Stadt
       Aarhus, zusammengestellt [1][von der Berliner Kuratorin Marie Skov].
       
       Nina Sten-Knudsen gehörte zwischen 1976 und 1982 den Künstlervereinigungen
       „De Unge Vilde“ und „King Kong“ in Kopenhagen an, Punk war die
       Hauptinspiration für ihr künstlerisches Werk, das den eigenen Körper und
       die ihn umgebende Stadt immer wieder thematisiert hat. „Zwei Herzen
       schlagen in der Brust von Punk“, schreibt Skov im Ausstellungskatalog.
       „Eines ist nihilistisch und das andere erfinderisch. Beide sind sie in
       ihrer Radikalität romantisch veranlagt.“
       
       130 Exponate hat Skov zusammengetragen, ikonisch gewordene Werke, wie
       Werbegrafiken [2][des Designers Jamie Reid] für die Single „Anarchy in the
       UK“ der Sex Pistols, aber auch Entlegenes, wie Fotos vom „Paere
       Punkfestival“ in Aarhus 1978. Körper sind zentraler Gegenstand im Punk.
       Ihre Funktionen und die Ängste, die damit verbunden sind, werden in Songs
       wie „Protex Blue“ (von The Clash) oder „Orgasm Addict“ (von den Buzzcocks)
       kühl, fast sachlich angesprochen.
       
       ## Notorisch unruhig
       
       Die notorische Unruhe der Musik überträgt sich auf die Haut der HörerInnen
       und schmückt den tribalistischen Kleidungsstil der Punks mit Lederjacken,
       Nieten, Stiefeln, Löchern in T-Shirts, Slogans, Tätowierungen aus. Beim
       Pogotanz prallen ihre Körper wie Dummys aufeinander und setzen die
       kinetische Energie der kurzen, schnellen Songs als Schocktherapie ein. Das
       Klobige, Perverse und Kaputte wird als Ästhetik des Hässlichen eingesetzt
       und bietet Raum für eigene Ideen.
       
       In der Ausstellung zeigen das besonders die Fotos von Karen Knorr und
       Olivier Richon, aufgenommen 1976 und 1977 in Londoner Punkklubs wie
       „Vortex“ und „The Roxy“, alte Lederjacken mit aufgesprühten Parolen,
       Sicherheitsnadeln und Schlossketten als Schmuck, Piercings, Oversize-Hemden
       mit Slogans wie „We ain’t proud“ (sic). Vieles ist selbstgemacht und
       recycelt abgelegte Kleidung aus den Shops der Heilsarmee.
       
       Punk kommt in einem Moment zum Vorschein, als Großstädte in Großbritannien
       und den USA Mitte der 1970er im Niedergang begriffen waren, bankrott,
       dysfunktional, menschenfeindlich, so [3][wie die US-Industriestadt
       Cleveland]: „Man kann hier tun und lassen, was man will. Niemand stört sich
       an einem. Die künstlerische Freiheit führt geradewegs in eine Sackgasse,
       von der aus es kein Zurück gibt. Wer sich ausschließlich mit Buddys aus der
       Highschool auseinandersetzt, stumpft schnell ab“, schreibt die Autorin
       Charlotte Pressler über die damalige Motivlage der Band Human Switchboard
       aus Cleveland.
       
       ## Schwarze Wände, grelle Lichtkegel
       
       In der Aarhuser Ausstellung symbolisieren schwarze Wände, grelle Lichtkegel
       und laute Musik den psychischen Ausnahmezustand, den der Niedergang mit
       sich bringt. Es lässt sich als Statement gegen die klinisch saubere
       Umgebung des Museumsgebäudes lesen. Selbst heute bleibt das archaische
       Gerumpel von Punk ein Fremdkörper im hellen, vollverglasten und weiß
       gestrichenen Ambiente des Aros, dessen Architektur alles im Zentrum von
       Aarhus überstrahlt.
       
       In nächster Nähe findet an einem heißen Sommertag 2026 der sogenannte
       „Studenterkørsel“ statt. Dänische SchülerInnen tragen altmodische weiße
       Oberprimaner-Käppis mit blauen Schirmen und signalisieren so, dass sie das
       Abitur in der Tasche haben, während sie auf altmodischen Pferdewagen
       grölend und saufend durch die Stadt ziehen, zwischendurch bei den
       Elternhäusern Station machen und mit Alkohol abgefüllt werden. Der Druck
       der dänischen Gesellschaft zum Konformismus – hier ist er zum Greifen.
       Hygge hin oder her. Punk war eine weltweite Rebellion gegen Autoritäten,
       auch deshalb ist die Ausstellung „Unruly“ aktuell.
       
       Nach [4][R.D. Laing] entsteht selbstzerstörerisches Handeln durch
       „ontologische Unsicherheit“. Wer unvernünftig handelt, schirme dadurch sein
       „wahres Selbst“ nach außen ab, formulierte der britische Psychoanalytiker
       in den 1970ern. Punk war eine sehr kreative, durchaus befreiende
       psychotische Reaktion auf die gesellschaftliche Apathie des Spießertums im
       Inneren, hervorgerufen durch einen autoritär regierenden Rechtsstaat und
       das weltweite atomare Wettrüsten von außen, dieser „Double Bind“ trägt im
       Alltag zur Entfremdung bei. Er fördert die Zuspitzung. Wie sonst lässt sich
       eine Ästhetik erklären, die etwa die ausgeschnittenen Buchstaben von
       Erpresserbriefen als Bandlogo genutzt hat oder das Layout von
       S&M-Pornomagazinen?
       
       ## Vielköpfige Hydra
       
       In einem Werk der britischen Performancekünstlerin Anne Bean, „Who Speaks
       My Voice“ (circa 1982), ist der Kopf einer Frau mit Fotoausrissen und
       Kontaktabzügen zu einer vielköpfigen Hydra montiert. Deren Münder sind
       aufgerissen, an den geöffneten Lippen hängen Drähte, wie bei Fischen, die
       an Angelhaken zappeln. Der stille Schrecken der „Abject Art“ von Anne Bean
       schockiert auch 45 Jahre nach Entstehung der Collage.
       
       Das Renitente und Widerständige, das der Ausstellungstitel „Unruly“
       suggeriert, löst die Ausstellung ein. Nicht nur die Exponate, auch
       Schattenwürfe, Lichteffekte und brutalistische Stahlgerüstbauten
       transportieren das Abweisende und Monströse im Zusammenspiel mit der Musik,
       den Fotos und Filmen, sodass das Antispektakel des Punks anschaulich wird.
       Skov legt Wert [5][auf die feministische Perspektive des frühen Punks] und
       hat viele Werke von Frauen ausgewählt, etwa von der britischen Künstlerin
       Linder und der Fotografin und Autorin Caroline Coon.
       
       Punk war ein Sammelbecken für AußenseiterInnen [6][wie die Künstlerin Poly
       Styrene], erste afrobritische Punksängerin, von der frühe Fotos und
       Werbeanzeigen für ihre Alben in Aarhus zu sehen sind. Noch heute bestechen
       der Mut und das Selbstbewusstsein der damals 19-jährigen Frau, die im Juli
       1976 ein Konzert der Sex Pistols gesehen hatte und daraufhin selbst die
       Band X-Ray Spex gründete.
       
       ## Den Bass zertrümmern
       
       Verdienstvoll an „Unruly“ ist die Verbindung von ikonischen Werken und
       lokalen Dialekten. Das Foto der Britin Pennie Smith ist weltberühmt. Die
       Fotografin hatte Clash-Bassist Paul Simenon 1979 bei einem Konzert der Band
       in New York abgelichtet, justamente, als er seinen Bass auf den Bühnenboden
       des „Palladium“ drischt. Ihr Foto hat ikonischen Charakter bekommen, weil
       es 1980 zum Cover des Clash-Albums „London Calling“ gemacht wurde. Weniger
       bekannt ist „Der Sänger“ ein Gemälde des Westberliner Malers Helmut
       Middendorf, das er 1981 der Gestik von Pennie Smiths Foto nachempfunden
       hatte. Es zeigt eine Figur, die im Begriff ist, einen Mikroständer zu
       zerlegen.
       
       Leder war die zweite Haut von Punk. Motorradbekleidung wurde dafür
       zweckentfremdet. Auch Fetischaccessoires wurden in die Subkultur
       integriert. Spielerisch gelöst ist das in der Installation „In Leder“:
       Käthe Kruse, Trommlerin der Westberliner Band Die Tödliche Doris, hat ihr
       Schlagzeug komplett mit Wildleder bezogen, inklusive Holzrahmen und Felle
       der Trommeln. Gegenübergestellt sind den Westpunks Werke aus der DDR.
       [7][Fotos und Filme der ostdeutschen Künstlerin Cornelia Schleime] etwa,
       die in den frühen 1980ern von der Stasi ausspioniert wurde und mit
       Ausstellungsverbot belegt war. In Schleimes Fotos werden Verzweiflung und
       Repression behutsam inszeniert: Ein Frauenkopf in einer Plastiktüte im Foto
       „Ich halte doch nicht die Luft an“ (1982). Schleimes gespenstischer
       Super-8-Film „Das Puttennest“ beobachtet zwei Punks, die mit Gitarrenkoffer
       an einer Küste im Herbst posieren. Der Wunsch nach Ausreise schwebt über
       dieser dramatischen Melancholie, die an keiner Stelle aufgesetzt wirkt.
       
       Eine Trouvaille ist der Film „Underdogs“, der ein Konzert der legendären
       [8][Kopenhagener Punkband Sods] und eine Kunstaktion der Performancegruppe
       Billedstofteatret in einem Abbruchhaus in Kopenhagen im April 1980
       dokumentiert. Während des Konzerts performen Schauspieler als Zombies
       somnambul durch Zuschauerreihen, taumeln in Zeitlupe durch ein Treppenhaus,
       mit Telefonhörern, die nicht angeschlossen sind. Mal trinken sie Milch, mal
       spucken sie diese aus. Dazu spielen die damals sehr jungen Sods wie in
       Trance. „Underdogs“ galt als verschollen, bis Skov das Werk im dänischen
       Filmarchiv aufgestöbert hat, restaurieren und digitalisieren ließ.
       
       Bilder, Töne, Grafiken, Gemälde und Körper formen in „Unruly“ ein Geflecht
       des Kompromisslosen, dessen unnachgiebige Konsequenz bewahrt die
       Ausstellung nun für die Ewigkeit.
       
       2 Jul 2026
       
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