# taz.de -- Käthe Kruse in der Berlinischen Galerie: Von A wie „Abstiegsangst“ bis Z wie „Zuwanderungsrekord“
       
       > Als Künstlerin ordnet Käthe Kruse die Welt. Das zeigt auch die große
       > Werkschau des einstigen Mitglieds der Anarcho-Musikgruppe „Die tödliche
       > Doris“.
       
 (IMG) Bild: Käthe Kruse macht Wörterbilder, aus der Serie „Jetzt ist alles gut“ von 2024
       
       Wenn stimmt, was Wolf Vostell 1961 formuliert, nämlich „Kunst ist Leben,
       Leben ist Kunst“; wenn zudem stimmt, was der Volksmund seit jeher weiß,
       nämlich „Ordnung ist das halbe Leben“ – ist Ordnung dann nicht auch Kunst?
       Und umgekehrt?
       
       In der Kunst Käthe Kruses, der die Berlinische Galerie unter dem Titel
       „Jetzt ist alles gut“ eine Werkschau widmet, berühren sich diese Bereiche.
       Sie werden evaluiert, kategorisiert, nummeriert – und neu strukturiert:
       Bereits Kruses erste eigenständige Arbeit nach sieben Jahren mit der
       Künstlergruppe „Die tödliche Doris“, gegründet 1980 von Wolfgang Müller und
       Nikolaus Utermöhlen, beschäftigt sich mit dem Ordnen. „Der geregelte
       Zustand“ von 1986 „regelt“ eine Sammlung von Automatenfotos, die Müller und
       Utermöhlen einst fanden. Auf 30 mit der Schreibmaschine vollgeschriebenen
       Blättern werden verwaschene Kopien der Fotos einer hochkomplizierten,
       absichtlich nebulös formulierten „Überordnung“ aus Seriennummern, Gruppen
       und Beschreibungen zugewiesen: „Serie 17, Nr. 3, Gruppe A, zwei Frauen
       sitzen auf einem Tisch, schauen in eine Karte. Ich kann Teile ihrer Körper
       sehen: zwei Beine, eine Hand und zwei Köpfe.“ Die sachlichen Schilderungen
       erinnern an eine Auktion, doch im gleichen Ton werden in den eng getippten
       Zeilen Rückschlüsse eingestreut: „Ich glaube die Frauen wollen einen Ort
       auf der Welt finden, an dem sie ihre Ferien verbringen können. Das wird
       immer schwieriger. Kennst du einen Platz, an dem noch Frieden herrscht, und
       keine Kontamination?“
       
       Jenes Ordnen, das Käthe Kruse mit Farben, mit Garn, selbst mit Worten
       betreibt, wie in ihrer großartigen Serie „Von Abstiegsangst bis
       Zuwanderungsrekord“, die Worte aus Schlagzeilen zwischen 2015 und 2020
       erschienener Tageszeitungen zu alphabetischen „Wörterbildern“ zusammenfügt,
       ist dabei stets politisch: Dadurch, dass die Worte aus einem Zusammenhang
       herausgenommen und in einen neuen überführt wurden, kommt ihre eigentliche
       Bedeutung zutage. Sie belegen den Anstieg von rechtsradikalen Haltungen und
       Ereignissen in der Gesellschaft, die sich naturgemäß in Schlagzeilen
       spiegelt. „Drohungen, Diktatur, Dramatik“ liest man auf einem Bild,
       „Todeszone, Trauma, Terrorattacke“ auf einem anderen.
       
       Für die Schau hat Kruse siebzehn Wörterbilder gehängt, jedes repräsentiert
       einen Buchstaben. Fügt man sie zusammen, liest man die Frage, die man einer
       Gesellschaft ebenso stellen kann wie seinem Gegenüber: „Wie geht es dir
       jetzt“ – und eine weitere „Überordnung“ ist entstanden. Kruses Ordnung, ihr
       Regeln hat Kreativität erschaffen. Und die Antwort auf ihre Frage ist der
       Name der Ausstellung.
       
       ## Die Ex-Hausbesetzerin
       
       Im Kataloginterview spricht Kruse von ihrer Bewunderung für [1][die
       Konzeptkünstlerin Hanne Darboven]. Im Vergleich mit deren penibel-manischen
       Ziffernbildern sind Kruses Arbeiten jedoch – trotz und wegen der
       politischen Ebene – hoffnungsvoller, humorvoller. Als 1958 geborene
       Ex-Hausbesetzerin und Wahlberlinerin brechen sich in ihrem Werk auch
       Popkultur und Feminismus Bahn – davon zeugen Beschäftigung mit
       „hauswirtschaftlichen“ und damit traditionell weibliche besetzten
       Materialien (Knüpfteppiche, Nähgarne). Vor allem mit der auch als
       Bandkollektiv funktionierenden „Die tödliche Doris“ hatte Kruse sich immer
       wieder akustischer Kunst gewidmet. Die Vinylplatte als Medium, das nicht
       nur Kunst wiedergibt, sondern Kunst ist, zieht sich durch ihre Arbeiten: In
       der Berlinischen Galerie sind sechs Kofferplattenspieler zu sehen, auf
       denen mit Ölfarbe bemalte Scheiben liegen – Kruse hat die Platten mit dem
       klassischsten aller Künstlerwergzeuge, der Farbe, unhörbar gemacht.
       [2][„Die tödliche Doris“ kreierte bereits Mitte der 80er] eine „imaginäre“
       Platte, die nur entsteht, wenn man zwei Platten der Gruppe gleichzeitig
       hört – diese Arbeit ist ebenfalls zu sehen. Die mit Leder bezogenen
       Instrumente, zu denen neben Kruses Schlagzeug eine Gitarre, ein Bass, eine
       Geige und eine Klarinette gehören und auf denen Kruse zuweilen gemeinsam
       mit ihren Töchtern performt, treiben die Unhörbarkeit auf die Spitze: Man
       kann sie noch spielen, doch sie sind fast stumm.
       
       Um den Urheberkomplex aufzubereiten, ist am Anfang der Ausstellung der Film
       „Der Vertrag“ von 2013 zu sehen: Nackt sitzt Kruse an einem Tisch und liest
       eine Vereinbarung vor, die den Umgang der Gruppenmitglieder der „tödlichen
       Doris“ mit den gemeinsamen Werken regelt. Auch das Zeigen gemeinsamer Kunst
       in einer Käthe Kruse-Soloschau hat also seine Ordnung – ein Glück.
       
       16 Mar 2025
       
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