# taz.de -- Bandshirts kaufen: Mein Kopf ist wie eine Plastiktüte
       
       > Die Kolumnistin geht Bandshirts shoppen und stellt sich die Frage: Darf
       > man den Merch einer Band kaufen, deren Musik man kaum kennt?
       
 (IMG) Bild: X-Ray Spex, v.l.n.r.: Jak Airport, Poly Styrene, B. P. Hurding, Paul Dean, Lora Logic, 1980
       
       Diesen Freitag ist es endlich so weit. Ich habe frei und der Laden, den ich
       schon länger besuchen will, hat gleichzeitig geöffnet, was bei
       Öffnungszeiten von 12 bis 15 Uhr gar nicht so selbstverständlich ist.
       Jedenfalls freue ich mich schon seit Tagen auf diesen Besuch. Gleich nach
       dem Aufwachen habe ich sogar eine Liste mit Namen erstellt, nach denen ich
       später suchen möchte, um meinem Normcore einen pfiffigen Kontrapunkt zu
       geben. Und so stiefle ich an dem besagten Freitag also bestens vorbereitet
       in den Laden für Bandshirts.
       
       Ihr habt richtig gehört: Bandshirts. Mir ist schon klar, wie absurd das in
       den Ohren eines Musiknerds klingen mag. Denn was soll ich mit dem T-Shirt
       einer Band, auf deren Konzert ich gar nicht war, nein, noch schlimmer,
       deren Musik ich vielleicht noch nicht mal richtig kenne, aber das T-Shirt
       ästhetisch interessant finde? Ja, tragen natürlich, lieber Sebastian oder
       Florian, in deiner Cheap-Monday-Röhrenjeans. Denn ob da jetzt [1][Nirvana]
       oder [2][Camp David] draufsteht, ist im großen Sell-out der Subkulturen ja
       sowieso längst Jacke wie Hose, auch wenn ich verstehe, dass es dein kleines
       Indie-Herz schmerzt.
       
       Ich also rein in den Laden und schon schnappt die Falle zu. Ein
       verschlissener Teppichboden, schwarze Wände, an den Kleiderstangen hängen
       farbenfrohe T-Shirts von Fruit of the Loom, über allem ein leichtes Odeur
       von Bier und Zigarettenqualm. Der Ladenbesitzer, ein anmutiger
       Grauhaarmann, ganz in rebellischem Schwarz gekleidet, kommt sogleich auf
       mich zu und fragt, ob ich die Band kennen würde, deren T-Shirt ich da
       gerade in den Händen halte. Augenblicklich gefriert mir das Blut. „Alles,
       nur das nicht!“, schießt es mir durch den Kopf, wäre ich doch bloß zu H&M
       gegangen.
       
       ## Ich kenne einen einzigen Song
       
       Was bin ich nur für ein Dummie! Ich hätte wissen müssen, was mir blüht.
       Immerhin habe ich mal als fachfremde Redakteurin bei einem Musikmagazin
       gearbeitet und kenne diese Art von Battle, bei dem man sich mit Bands wie
       mit Bällen abschießt und nur dann ein Mensch ist, wenn man wenigstens von
       einer Band die gesamte Diskografie einschließlich der B-Seiten aufsagen
       kann.
       
       „Streng dich an!“, feuert mich meine innere Eislaufmutter an, aber in
       meinem Kopf tanzen bloß die Schlümpfe mit DJ Bobo zusammen den Ententanz.
       Dann entdecke ich ein T-Shirt von X-Ray Spex an der Wand. Es hängt dort wie
       ein wertvolles Ausstellungsstück über der Verkaufstheke, darauf zu sehen
       [3][die Sängerin Poly Styrene] mit einem Pilotenhelm, darunter eine
       Plastiktüte und der Spruch „My Mind Is Like A Plastic Bag“.
       
       Ich sage: „Cooool!“ Der Verkäufer fragt jetzt ziemlich beeindruckt: „Kennst
       du die?“ Ich nicke vielsagend, obwohl ich nur einen einzigen Song von denen
       in meiner Playlist habe, glaube ich, insofern: Kennen, nun ja. Er holt das
       T-Shirt mit feuchten Augen von der Wand und reicht es mir. Ich probiere es
       an, aber ob ich es tragen werde? Egal, möge ein Funke der Rebellion auf
       mich überspringen.
       
       Der Mann legt es seufzend auf die Theke und streicht es glatt, so als ob er
       es ein letztes Mal streicheln würde. Und während ich ihn dabei beobachte,
       bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Er ist ein sympathischer Mensch, soll
       ich ihm jetzt wirklich sein Heiligtum entreißen? Aber mein Kopf ist längst
       wie eine Plastiktüte, und deshalb suche ich mir gleich auch noch zwei
       Motive aus einer Mappe mit Aufdrucken aus: einen Gremlin und eine Katze,
       aus deren Augen rote Strahlen kommen. Meine Güte! Kann mir heute bitte
       jemand mein Portemonnaie wegnehmen?
       
       5 Jun 2026
       
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       weiter. Er unterstützt mit dem Erlös gemeinnützige Organisationen.