# taz.de -- Rekordhitze und Maßnahmen: Kühler Kopf gesucht
> Die Rekordtemperaturen treffen auf eine schlechte Vorbereitung gegen die
> Hitze. Dabei gibt es Ideen und Vorbilder. Nur halt nicht in Deutschland.
(IMG) Bild: Nix gelernt? Vor fünf Jahren hatte das Flüsschen Ahr nach Starkregen über hundert Menschen in den Tod gerissen
Die Nacht von Samstag auf Sonntag war die heißeste, die jemals in
Deutschland gemessen wurde. Kurz zuvor waren am Samstag im
Sachsen-Anhaltinischen Drewitz 41,5 Grad gemessen worden: die höchste
Temperatur in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen.
In Nürnberg und Leipzig fuhren am Sonntag keine Straßenbahnen – der
Straßenbelag heizt sich zu stark auf. Neun Autobahnen sind laut ADAC
streckenweise gar nicht mehr oder nur eingeschränkt befahrbar. Kölner
Krankenhäuser berichten, aufgrund der vielen Notfälle Unterstützung vom
Roten Kreuz, Arbeiter Samariter-Bund und der Feuerwehr zu benötigen.
Katharina Dröge, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, fordert
angesichts der Extremtemperaturen ein „Abkühl-Sofortprogramm, um
Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen zu klimatisieren“.
Ihre Parteifreundin Julia Schneider fordert, fünf Milliarden Euro aus dem
Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz für Klimaanpassung in den
Kommunen dafür zu nutzen.
Fabian Fahl, klimapolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, kritisiert
die Klimapolitik der Bundesregierung. Sie „tut weiter so, als ob man der
Wirtschaft Priorität gegenüber dem Klimaschutz geben könne. Das ist
kurzsichtiger Quatsch.“ Eine Studie des Beratungsinstituts Prognos hatte
kürzlich berechnet, [1][dass jeder Hitzetag die deutsche Wirtschaft 431
Millionen Euro kostet].
## Experte: Kommunen müssen soziale Hilfe organisieren
Umweltschutzverbände betonen, dass Gewässer, begrünte Fassaden und Bäume in
Städten wichtig sind, um Menschen und Tiere gegen die Hitze zu schützen.
„Wer Städte klimaresilient machen will, muss Grünflächen schützen, Bäume
erhalten und Natur wieder mehr Raum geben“, sagt Jörg-Andreas Krüger vom
NABU. Jeder zusätzliche Quadratmeter Grün helfe dabei, die Belastung für
alle zu reduzieren.
Max Bürck-Gemassmer, stellvertretender Vorsitzender der Allianz Klimawandel
und Gesundheit (KLUG), hält Entsiegelung und Baumpflanzungen ebenfalls für
„extrem wichtig“. Auf die Schnelle helfe das bei einer Hitzewelle aber
nicht. Deshalb „müssen die Kommunen eine klare soziale Hilfe-Infrastruktur
aufbauen“, sagt er der taz. Gemeint ist eine geregelte Zusammenarbeit von
Behörden und Sozialverbänden auf Quartiers- nicht nur auf Stadtteilebene.
Dafür brauche es Personal und Geld in den Kommunen sowie verbindliche
Regelungen zum Hitzeschutz, wer bei welcher Hitzewarnstufe welche Aufgaben
wahrnehmen muss. All das fehle in Deutschland noch.
„Fast überall sieht man das gleiche Muster: Wenn es überhaupt
Hitzeaktionspläne in den Kommunen gibt, sind sie selten umfassend und
werden kaum umgesetzt“, sagt Bürck-Gemassmer. Karten mit kühlen Orten, wie
sie viele Städte haben, seien allein zum Beispiel unzureichend. Viele der
aufgelisteten Orte heizten sich bei längeren Hitzewellen auf, ohnehin gebe
es viel zu wenige. „Wir bräuchten eine verpflichtende strukturierte, sozial
gerechte Verteilung von Schutzräumen und ein Netzwerk, um Leute da
hinzubekommen“, fordert er. Wenn die Temperaturen auf 42 bis 45 Grad
steigen, „überlastet das den Transport“, warnt der Arzt.
Überhaupt sei die derzeitige Hitzewelle glimpflich im Vergleich mit dem,
was aufgrund der Erderhitzung immer wahrscheinlicher wird: „Wenn solche
Temperaturen eine Woche oder zehn Tage andauern würden, wird die
medizinische Versorgung überlastet sein.“
## Frankreich macht es besser
Grundvoraussetzung für Hitzeschutz sind laut dem Hitzeexperten finanziell
gut aufgestellte Kommunen. Viele Städte und Gemeinden [2][befinden sich
stattdessen in Finanznot]. Greenpeace fordert deshalb eine Vermögenssteuer
von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro, die laut der NGO 25
Milliarden Euro jährlich in die Kassen der Länder spülen könnte, mit denen
die Kommunen unterstützt werden können. Laut Greenpeace bräuchten sie acht
bis zehn Milliarden Euro für die Klimaanpassung.
„Solang die Politik keine Verantwortung übernimmt, wird das nichts“, sagt
Bürck-Gemassmer. In Frankreich habe die Politik die verheerende Hitzewelle
2003 als „politisches Versagen“ erkannt und klare Standards etabliert.
„Schon im Vorfeld einer Hitzewelle proben in Paris Polizei, Feuerwehr,
Kitas, Schulen und soziale Einrichtungen“, berichtet er. „Die Leute vor Ort
wissen, wen sie einbinden und welche gefährdeten Nachbarn und Angehörigen
sie kontaktieren müssen.“ Man könne an den Daten sehen, dass es in
Frankreich gelingt, die besonders gefährdeten Menschen immer besser zu
schützen.
Auch dort allerdings melden die Behörden etwa 1.000 zusätzliche Todesfälle
im Zusammenhang mit der Hitzewelle, die im Nachbarland schon seit einer
Woche wütet. Zahlen des Robert-Koch-Instituts für Deutschland sollen am
Donnerstag vorliegen.
Aus der Bundesregierung ist es derweil weitgehend still: Nur das
Bundesumweltministerium kündigt an, „wir wollen und können mehr tun, um die
Bevölkerung zu schützen“. Am wichtigsten sei „engagierter Klimaschutz,
damit die Hitzewellen in Zukunft nicht noch extremer werden“, schreibt das
Ministerium, obwohl die Bundesregierung derzeit [3][mit einem neuen
Heizungsgesetz] und [4][Reformen im Stromsektor] den Klimaschutz absehbar
schwächen wird.
Zur Anpassung an den Klimawandel prüft das Umweltministerium eigenen
Angaben zufolge in einem Forschungsprojekt, wie ein Hitzeaktionsplan für
Deutschland aussehen könnte. Außerdem arbeite man an einer Lösung, um
Maßnahmen der Kommunen für Klimaanpassung dauerhaft gemeinsam finanzieren
zu können. Erst im Frühling war bekannt geworden, dass es [5][keine neuen
Gelder für die Klimaanpassung von sozialen Einrichtungen wie Kitas und
Pflegeheimen geben würde].
28 Jun 2026
## LINKS
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(DIR) [5] /Hitzeschutz-fuer-Pflegeheime-und-Kitas/!6159518
## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
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