# taz.de -- Flucht vor der Hitze: Wer an den See fährt
       
       > Ins kühle Nass springen zu können, muss man sich erst mal leisten können.
       > Und wenn es danach noch Erdbeeren geben soll, muss die auch wer
       > verkaufen.
       
 (IMG) Bild: Wer an den See fährt, muss es sich leisten können
       
       Am [1][Barnimer Bernsteinsee] lässt sich der Berliner Rekordsommer
       überraschend gut aushalten. Knappe 50 Kilometer vor den Toren der
       Hauptstadt zaubert die Sonne Blitzlichter auf das blaugrüne Wasser. Kinder
       bauen Sandburgen, dahinter dösen Erwachsene auf Handtüchern, die Kronen der
       märkischen Kiefern werfen Blumenmuster auf ihre Gesichter. Auch ich liege
       mit Nadelduft in der Nase im Schatten und träume von Südfrankreich. Und:
       Die Abkühlung scheint – zumindest auf den ersten Blick – nicht mal was zu
       kosten.
       
       Na ja, nicht ganz. Zwar muss niemand was kaufen außer Wassereis bei der
       Boulettenbude auf dem angrenzenden Campingplatz. Doch gleich dahinter türmt
       sich der Kapitalismus zu Blechbergen auf dem überfüllten Parkplatz. Bis in
       die Vorgärten des Ortes Marienwerder hinein stehen Stoßstange an Stoßstange
       die Mietwagen – gebucht in Kreuzberg, Neukölln oder Prenzlauer Berg über
       [2][die Carsharing-App des Anbieters Miles]. Für einen Tag am See kostet
       das um die 80 Euro.
       
       Wer sich das leisten kann, zeigt sich dann auch unter den Kiefern. Auf den
       bunten Decken erkennt man die gleichen gewagten Sonnenbrillen,
       geometrischen Tattoos und blonden Strähnchenfrisuren, die man sonst vor den
       einschlägigen Cafés und Bars der hipperen Hauptstadtviertel antrifft. Wer
       nicht zum Fusion-Festival gefahren ist, scheint heute hier zu sein. Fast
       völlig fehlen: große Familien, alte Menschen, der Plattenbau.
       
       Am Samstagmorgen vor der Abfahrt flimmert in Neukölln der Asphalt. Meine
       Nachbarn haben ihre Fenster mit Silberfolie abgeklebt, um die Hitze
       auszusperren. Wenige Stunden später werden in Berlin mit fast 40 Grad die
       höchsten Temperaturen aller Zeiten gemessen.
       
       ## Ein privates Auto auf vier Personen
       
       Zum Glück hatte das Freibad am Columbiadamm kurz zuvor doch noch die
       Badesaison eröffnet – wegen technischer Probleme mit fast zweimonatiger
       Verspätung. Nun stehen Eltern mit Kindern in Nike-Badehosen und gefälschten
       Gucci-Basecaps davor in der Sonne Schlange.
       
       Inzwischen kommt in Berlin noch etwa ein privates Auto auf vier Personen.
       Was einerseits eine verkehrspolitische Errungenschaft ist, kann in Zeiten
       der Klimakrise zur Falle für diejenigen werden, die nicht mal eben das Geld
       für einen Miles locker haben. Die überfüllten Berliner Stadtseen und
       Freibäder, die mit den ebenfalls zu vollen und wegen der Hitze ausfallenden
       Öffis erreichbar sind, bieten da wenig Abhilfe.
       
       Extremwetter trifft nicht alle gleich, sondern macht
       [3][Klassenunterschiede sichtbar.] Wer arm ist, ist weniger frei, dorthin
       zu gehen, wohin man möchte – und an heißen Tagen auch weniger geschützt.
       
       Für alle, die es sich leisten können, kann die Hitze sogar etwas Schönes
       sein. Auch ich erzähle allen, die es hören wollen, gerne, dass ich es
       eigentlich nice finde, wenn die Stadt so „runtergefahren“ ist, das Leben
       ein bisschen langsamer abläuft, „alles ist besser als 18 Grad und Regen“.
       Aber ich muss auch keine Pakete austragen.
       
       Nach einem traumhaften Tag am Bernsteinsee fahren wir zurück, dem glühenden
       Berlin entgegen. Die Sonne neigt sich golden Richtung Horizont, langsam
       tauchen Fernsehturm und Park-Inn-Hochhaus hinter den Bäumen auf. Kurz vor
       Ahrensfelde rollen wir noch mal auf einen staubigen Parkplatz. Ich steige
       aus und kaufe eine Schale Erdbeeren bei einem Mann im durchgeschwitzten
       Muskelshirt. Seit morgens brütet er unter der Plane des Standes. Gleich hat
       er endlich Feierabend.
       
       30 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.barnim-naturpark.de/themen/ausflugsziele-erlebnisse/badestrand-bernsteinsee-ruhlsdorf/
 (DIR) [2] /Carsharing-Anbieter-koennten-zur-Verkehrswende-beitragen-wieso-tun-sie-es-nicht/!6178383
 (DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/hitze-und-armut-interview-mit-janina-yeung-der-paritaetische-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Schroer
       
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