# taz.de -- Ulrich Siegmund und Co.: Rassismus, aber gut gelaunt
> Vornerum freundlich, hintenrum völkisch: Wo steht die AfD kurz vor ihrem
> Bundesparteitag und den Landtagswahlen 2026?
(IMG) Bild: Schönebeck, Sachsen-Anhalt, 1. Mai: Ulrich Siegmund gibt Autogramme auf dem Europäischen Familienfest der ESN-Partei
Nach 42 Minuten Dauergrinsen und Händeschütteln schwitzt Ulrich Siegmund in
seinem hellen Anzug. Seit Einlassbeginn im großen Veranstaltungssaal eines
Golfressorts am Stadtrand von Dessau arbeitet er eine nicht enden wollende
Selfieschlange ab. Für alle der rund 600 Gäste, die an diesem schwülheißen
Abend Mitte Juni zum „Bürgerdialog“ gekommen sind, steht der
AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt für ein Foto bereit.
Siegmund wirkt gut gelaunt, macht überdreht freundlich Witze und
ranschmeißerische Sprüche. Fotos bekommen sowohl der schlaksige 15-Jährige
als auch der untersetzte Babyboomer mit geflochtenem grauen Kinnbart und
Reichsadler auf dem Shirt.
Ansonsten sind überwiegend Menschen vor Ort, die in der Fußgängerzone von
Dessau nicht weiter auffallen würden. Gäbe es einen Dresscode, wäre das
Camp-David-Hose, Karohemd, Kassenbrille. Nicht wenige hier ächzen unter der
Hitze. Aber die Klimakrise, die gibt es ja angeblich nicht.
Womit man wieder beim schwitzenden Siegmund wäre. Für dieses Problem hat
der 35-Jährige zum Glück ein Team. Siegmunds Fotograf, der während der
Selfiesession draufhält, nutzt eine Pause zwischen zwei Bildern, reicht
Siegmund eine Serviette und deutet auf die Stirn. „Es ist aber auch heiß“,
sagt der und tupft sich die Tropfen unter dem akkuraten Scheitel weg.
## Sie wollen DDR-Insignien besetzen
[1][Der fotografierende Begleiter von Siegmund ist nicht irgendwer, sondern
Simon Kaupert]. Während der Chef sich mit offen rechtsextremen Aussagen im
Wahlkampf weitgehend zurückhält, weist Kaupert eine für das Umfeld des
Spitzenkandidaten typische, stramm völkische Biografie auf. Kaupert
[2][gilt als Kader der Identitären Bewegung, organisierte schon 2014 die
Wügida-Proteste im Südwesten] und besuchte 2015 ein Lager der
NPD-Nachwuchsorganisation. Seit ein paar Jahren arbeitet er als Leiter des
sogenannten Filmkunstkollektivs an der Ästhetisierung von extrem rechter
Propaganda und posiert schon mal mit White-Power-Geste.
[3][2024 drehte Kaupert im Thüringer Wahlkampf ein unterwürfiges Porträt
über Björn Höcke]. Jetzt macht er für Ulrich Siegmund Videos über
Ausfahrten [4][auf dem DDR-Kultmoped Simson, um ostdeutsche
Alltagsinsignien für die AfD zu besetzen – und schaut zudem, dass der
Kandidat nicht zu schwitzig aussieht].
Die Szene ist ein Sinnbild für den Zustand der AfD im Jahr 2026. Eine
fotogene Führung an der Spitze, dahinter Strippenzieher, verantwortlich für
inhaltliche Arbeit, Ausrichtung und Strategie.
Ähnliches gilt für die Parteispitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla. So
distanzieren sich die Parteichefs an einem Dienstagnachmittag Ende Juni auf
Fraktionsebene des Bundestags von einem Brandenburger Landtagsabgeordneten,
der die Nationalmannschaft für nicht deutsch genug hält, weil sie nicht
mehr aus „Volksdeutschen“ bestehe. Anderntags kungeln sie hinter den
Kulissen mit dem Kopf der völkischen Strömung, Björn Höcke, eine Liste für
den neuen Bundesvorstand aus. Den will die Partei Anfang Juli in Erfurt
wählen.
Weidel stimmte 2017 noch für ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke
wegen einer „übergroßen Nähe zum Nationalsozialismus“, unterstützt aber
mittlerweile die Kandidatur von dessen rechter Hand, Stefan Möller. Aus
verschiedenen Lagern der Partei ist zu hören, dass Möller die neue Nummer
drei hinter der als gesetzt geltenden Doppelspitze aus Chrupalla und Weidel
werden soll.
## Höcke kneift mal wieder
Möller ist langjähriger Co-Parteichef in Thüringen. [5][Er gilt als Höckes
Mann fürs Grobe und soll die „Thüringer Linie“ auch im Bundesvorstand
durchsetzen. Das sagte Höcke kürzlich selbst.] Und stellte zugleich klar,
dass Möller seine Marionette sei: „Ich bin angeschlossen, ohne selbst die
Arbeit machen zu müssen.“ Ein klassischer Höcke, langfristig den
Führungsanspruch zu unterstreichen, gleichzeitig aber selbst kein Risiko
mit einer eigenen Kandidatur einzugehen. Parteifreunde spotten: Höcke
kneift mal wieder.
Das könnte Folgen für den Umgang mit dem Verfassungsschutz haben, für den
Möller in der Partei künftig zuständig sein soll. Der schon lange als
„gesichert rechtsextrem“ eingestufte Landesverband Thüringen klagt nicht
gegen diese Einstufung selbst, sondern nur gegen einzelne Aussagen.
Ansonsten betrachtet man die Beobachtung durch den Geheimdienst als
Auszeichnung als Rebellen.
Am Donnerstag veröffentlichte die NGO Gesellschaft für Freiheitsrechte
[6][ein Gutachten], in dem sie die AfD als verfassungswidrig bezeichnet.
Ein Verbotsverfahren sei demnach „wahrscheinlich erfolgreich“. Auf dem
Parteitag will Höcke die Partei noch weiter öffnen für Mitglieder
rechtsextremer Organisationen und die Unvereinbarkeitsliste schleifen.
Das dürfte auch Simon Kaupert freuen, Siegmunds Fotografen, der dann trotz
Teilnahme am NPD-Jugendlager problemlos AfD-Mitglied werden könnte.
Nach einer Stunde Selfies weist Kaupert Siegmund in Dessau den Weg auf die
Bühne. Rechts und links erheben sich die Leute und begrüßen ihn wie einen
Popstar, stimmen „Uli!“-Sprechchöre an. Im Kontrast zum hier zelebrierten
Personenkult ist seine anschließende Rede eher dünn, irgendwo zwischen
Stammtisch und Jürgen-Höller-Motivationscoaching. Seine Botschaft: Die AfD
werde in Sachsen-Anhalt auf jeden Fall auf eine absolute Mehrheit kommen.
## Sie insinuieren Wahlbetrug
Hier in der Bürgersprechstunde kommt das bei den meisten mindestens so gut
an wie auf Siegmunds Tiktok-Kanal. Er drückt routiniert die notwendigen
populistischen Knöpfe, redet über Abschiebungen, dass er keine Minarette
wolle, dass in Wirtschaft und Bildung „alles Katastrophe“ sei. Er wolle für
jede Regenbogenflagge zehn Deutschlandflaggen hissen und schwärmt von
seiner „Vision 2026“. An der Stelle merkt man, dass er einen Bachelor in
Wirtschaftspsychologie hat: Er will mit guter Laune positive Emotionen
vermitteln, nicht nur Abstiegsszenarien an die Wand malen.
All das zieht bei den eingefleischten AfD-Fans, für die der Bürgerdialog
ein Feel-good-Event ist. Die Verheißung hier ist allerdings Autoritarismus:
Abschiebungen, Minarettverbot und Rassismus. Bei diesen Themen johlt das
Publikum besonders laut. Am Ende tragen sich Bürger zur Wahlbeobachtung auf
Listen ein, um den häufig von der AfD insinuierten angeblichen
Briefwahlbetrug zu verhindern.
Dass es tatsächlich zu der von Siegmund angestrebten Alleinregierung kommt,
ist allerdings noch nicht gesagt: [7][Kommunale Stichwahlen verliert die
AfD fast flächendeckend], und Wähler*innen wählen gerade im Osten
strategisch gegen die Rechtsextremen. Zudem hat das Superwahljahr für die
AfD alles andere als gut begonnen: Die Verwandtenaffäre, die Abwahl von
Viktor Orbán, die Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg
und Rheinland-Pfalz, die trotz Rekorden hinter den eigenen Erwartungen
blieben.
Auf der anderen Seite gibt es den Bundestrend – dank der gescheiterten
Merz-Strategie, die AfD mit rechter Politik und Kulturkampf wegzuregieren.
[8][Das Projekt „Zerstörung der CDU“ läuft nach Plan]. Ebenso hilft die
kriselnde Wirtschaft. Und auch wenn es am Ende nicht für eine
Alleinregierung reicht, wird eine Regierungsbildung ohne die AfD schon
schwer genug. Von der Sperrminorität ganz zu schweigen, mit der die
extremen Rechten hier ab September ziemlich sicher blockieren können.
## Sorgen aus dem Publikum
Entsprechend gebannt schaut man auch in der Partei auf Sachsen-Anhalt. Die
innerparteiliche Debatte oszilliert dabei zwischen Hoffnung und Sorgen.
Einige in der Partei sehen durchaus ein Risiko für die AfD, wenn Siegmund
Erfolg hat. Man befürchtet, dass eine scheiternde AfD-Regierung die Partei
insgesamt runterziehen könnte. Andere sagen: So viel könne man in
Sachsen-Anhalt nun auch wieder nicht verkehrt machen – selbst bei
Schwierigkeiten werde der Nutzen größer sein als der Schaden, weil es
langfristig zur Normalisierung führe.
Klar ist: Die Disruption einer AfD-Landesregierung wäre enorm. Es wäre die
bislang wohl tiefgreifendste politisch-kulturelle Zäsur der Berliner
Republik, wenn nicht sogar der Bundesrepublik nach 1945.
Im Frageteil des Bürgerdialogs in Dessau werden am Ende dann auch Sorgen
geäußert. Eine Pflegerin will wissen, ob man wirklich die kirchlichen
Sozialverbände zurechtstutzen wolle. Siegmund versucht abzuwiegeln, man
müsse keine Angst haben, aber die Gelder von Diakonie und Caritas wolle man
durchaus mal überprüfen.
Ein anderer Mann stellt sich als David vor und sagt, dass die AfD sein
Kreuz sicher habe. Dann kommt er auf seine schwarze Hautfarbe zu sprechen:
„Ich muss ehrlich sagen, ich habe auch Angst. Viele Menschen hier, wenn die
mich auf der Straße sehen würden, würden mich blöd angucken und mir Hass
entgegenwerfen aufgrund meiner Farbe. Wie können Sie dafür sorgen, dass wir
nicht irgendwann Ausschreitungen haben wie in Amerika, wo alle über einen
Kamm geschert werden und gejagt werden?“
Die Antwort vom Podium: „Die sich nicht benehmen, einfach wieder nach Hause
schicken, weil dann werden die, die sich hier benehmen, nicht über einen
Kamm geschert.“ So einfach sei das. Das Publikum applaudiert und scheint
überzeugt. David eher nicht.
28 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fotografen-der-identitaeren-Bewegung/!6099424
(DIR) [2] https://www.mainpost.de/ueberregional/meinung/leitartikel/wuegida-sprecher-verweigert-antworten-auf-journalisten-fragen-art-8561832
(DIR) [3] /Bjoern-Hoecke-bleibt-in-Thueringen/!6053352
(DIR) [4] /AfD-Wahlkampf-im-Osten/!6027284
(DIR) [5] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_101295832/bjoern-hoecke-will-thueringer-linie-in-bundes-afd-durch-vertrauten-sichern.html
(DIR) [6] https://freiheitsrechte.org/themen/starke-grundrechte-fuer-eine-lebendige-demokratie/afd-gutachten
(DIR) [7] /Niederlagenserie-der-AfD-im-Osten/!6173862
(DIR) [8] /Maessigungsversuch-der-AfD/!6097185
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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