# taz.de -- Machtkampf zwischen Weidel und AfD NRW: Mittelfinger für „Alice Merkel“
       
       > Co-Parteichefin Alice Weidel hat die AfD Nordrhein-Westfalen
       > aufgefordert, ihren Parteitag abzubrechen. Der Landesverband aber denkt
       > gar nicht daran.
       
 (IMG) Bild: Dürfte spätestens jetzt eine Feindin namens Alice Weidel im Bundesvorstand haben: NRW-AfD-Landeschef Martin Vincentz
       
       Es ist eine [1][Szene], die zum in den AfD-Reihen kursierenden Wort der
       parteiinternen „Kriegserklärung“ passt: Bevor die Listenaufstellung des
       Landesverbands Nordrhein-Westfalen für die Landtagswahl am Freitag
       fortgesetzt wird, steht Landeschef Martin Vincentz vor der Halle in Marl
       auf einer Außentreppe und gibt von dort aus den Einpeitscher für seine
       Anhänger. Wild gestikulierend ruft er in die Menge darunter: „Lassen Sie
       uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir antreten hier in Nordrhein-Westfalen!
       Auf in die Halle!“ Die Delegierten klatschen und brüllen: „Aaa-Uuuh“ – ganz
       so, als hätten sie den Film „300“ ein paar mal zu oft gesehen und hielten
       sich plötzlich für Spartas Krieger.
       
       Was zum Teufel ist passiert? Parteichefin Alice Weidel höchstpersönlich
       hatte zuvor versucht, die Fortsetzung des Parteitags zu verhindern. Sie ist
       im Landesverband mit Vincentz Gegenspielern verbündet: Mit dem
       Rechtsextremisten Matthias Helferich sowie dem von Weidel protegierten Sven
       Tritschler.
       
       Problem nur: Deren Lager ist innerhalb des Landesverbands des für
       AfD-Verhältnisse gemäßigt auftretenden Landeschefs Vincentz in der
       Unterzahl und bekam aus ihrer Sicht zu wenige Vertreter auf die Landesliste
       für die Landtagswahl 2027.
       
       ## Blockaden durch Ermüdungsreden
       
       Das führte zum offenen Konflikt: Das Helferich-Lager hatte mit ewig langen
       Kandidatenlisten und endlosen Ermüdungsreden die Wahlaufstellung der
       mehrwöchigen Versammlung am letzten Sonntag derart in die Länge gezogen,
       dass der Parteitag faktisch blockiert war. Blöd nur, dass Chats aus einer
       Telegram-Gruppe ([2][„Operation Filibuster“]) davon öffentlich wurden,
       maßgeblich beteiligt: der Weidel-Vertraute Tritschler, dem umgehend
       Sabotage vorgeworfen wurde.
       
       Entsprechend ließ Landeschef Vincentz ein vom Bundesvorstand unter der
       Woche angestrebtes Mediationsverfahren mit ausgerechnet Tritschler ins
       Leere laufen. Darauf folgte eine Krisensitzung im Bundesvorstand am
       Donnerstagabend. Auf der verfasste der von Weidel kontrollierte
       Bundesvorstand dann ein der taz vorliegendes Schreiben an alle Mitglieder
       der AfD NRW. Darin heißt es: „Der Bundesvorstand fordert den Landesvorstand
       auf, unmittelbar nach der Fortsetzung der Versammlung darauf hinzuwirken,
       dass diese wegen der existierenden Risiken abgebrochen wird.“ Weidel
       verweist auf kolportierte „mögliche Drohungen oder Handgreiflichkeiten“ bei
       der Aufstellungsversammlung, welche angeblich eine rechtssichere
       Listenaufstellung gefährdeten.
       
       Man verwies auf die Erfahrungen bei der Bürgerschaftswahl 2023 in Bremen,
       wo die AfD nach Streit um zwei konkurrierende Kandidatenlisten nicht zur
       Wahl antreten konnte. Damals allerdings gab es zwei konkurrierende Listen.
       Dennoch schreibt Weidels Bundesvorstand: „Es liegt in Ihrer Verantwortung,
       ein derartiges Debakel im größten Landesverband der AfD auszuschließen.“
       Man fordere den Landesvorstand „angesichts der krisenhaften Situation im
       Landesverband NRW“ auf, seine ablehnende Haltung gegenüber einer Mediation
       zu überdenken.
       
       Die Antwort gab Landeschef Martin Vincentz nicht nur durch seine
       martialische Ansprache vor der Halle, sondern auch schriftlich direkt an
       Weidel: Die Liste sei rechtssicher. „Es drängt sich mithin die Frage auf,
       ob es um die Rechtssicherheit der Liste geht – oder um ihre
       Zusammensetzung“, stichelt Vincentz, zudem gebe es für Weidels Forderung,
       den Parteitag abzubrechen, keine Rechtsgrundlage: „Ihre Aufforderung ist
       damit in Gänze unwirksam; sie ist eine politische Erklärung – nicht mehr“,
       so Vincentz, die Delegierten des Landesverbands Nordrhein-Westfalen seien
       „selbstbewusst genug, ihre Entscheidungen selbst zu treffen.“
       
       Und dann geht er Weidel direkt an: „Schließlich spricht es Bände, dass die
       von Ihnen geführte Mehrheit des Bundesvorstands zur dokumentierten Sabotage
       aus den Reihen des eigenen Vorstands bis heute kein Wort verliert – kein
       Wort der Distanzierung, kein Wort der Aufklärung. Dies nehme ich zur
       Kenntnis – die Mitglieder des Landesverbands werden es ebenfalls tun.“
       
       ## Showdown in Marl
       
       Der Parteitag beginnt erwartet konfrontativ: Kurz nach Wiederbeginn tritt
       der mit dem weidelnahen Lager verbündete Co-Landessprecher Christian Zaum
       ans Saalmikro: „Sie alle haben die Mail des Bundesvorstandes gelesen:
       Nordrhein-Westfalen braucht keinen Sonderweg (…) Wir brauchen eine geeinte
       AfD hinter unserer künftigen Kanzlerin Alice Weidel! Insofern beantrage ich
       diesen Parteitag der Schande abzubrechen!“
       
       Der Redner danach antwortet: „Ja, das ist tatsächlich ein Parteitag der
       Schande und zwar organisiert von den Filibustern, die unseren Parteitag
       zerstören wollen! Wir brauchen keinen Anruf aus Südafrika und kein
       Schreiben aus Berlin, die uns diktieren, Wahlen rückgängig zu machen!“
       
       Die in der AfD verhasste Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte einst [3][bei
       einem Staatsbesuch in Südafrika gefordert], einen 2020 mit AfD-Stimmen
       gewählten Thüringer Ministerpräsidenten wieder abzusetzen. In Chat-Gruppen
       des Vincentz-Lagers trägt Weidel deswegen den Spitznamen „Alice Merkel“.
       Den Saal heizt das an: „Wir ziehen durch!“, ruft der Redner unter großem
       Applaus und weiteren „Aaa-Uuu“-Rufen von ein paar Möchtegern-Spartanern.
       
       Danach spricht Landeschef Vincentz: Man habe alles mit Juristen geprüft und
       mit der Versammlungsleitung gesprochen – allesamt seien zum Schluss
       gekommen, dass es keine Bedenken gegen die Weiterführung der Aufstellung
       gebe. Unterbrechung und Neuaufstellung böten allerdings Riesenprobleme,
       weil dann bereits aufgestellte Kandidaten die neue Liste anfechten könnten.
       
       Er hat die deutliche Mehrheits des Saals auf seiner Seite. Der Antrag zur
       Unterbrechung des Parteitag wird unter „Martin“-Rufen und obligatorischen
       „Aaa-Uuuhs“ abgelehnt. Danach bringt das Vincentz-Lager zahlreiche
       Kandidaten durch.
       
       Blockaden durch das verfeindete Helferich-Tritschler-Lager folgten zunächst
       nicht. Anfragen der taz, ob sie planten, die Aufstellung anzufechten,
       blieben zunächst unbeantwortet. Möglich wäre auch, dass Weidel mit ihrer
       Mehrheit im Bundesvorstand den gesamten Landesvorstand NRW des Amtes
       enthebt.
       
       ## Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen
       
       Die Mehrheit des Landesverbands Nordrhein-Westfalen wagt damit jedenfalls
       den offenen Bruch mit der Parteichefin, die sich in Marl eine blutige Nase
       geholt hat. Freuen dürfte das auch ihren angeschlagenen Co-Chef Tino
       Chrupalla, der sich zuletzt auf die Seite von Vincentz geschlagen hatte und
       die Blockaden bei der Aufstellung kritisiert hatte.
       
       Ein Bundestagsabgeordneter, der sich nicht namentlich zitieren lassen
       wollte, sagte der taz, dass es bundesweit AfD-Mitglieder gebe, die Weidels
       Vorgehen verstört habe. Selbst Leute, die nicht Unterstützer von Vincentz
       seien, sagten mittlerweile: „Diese Blockadehaltung geht nicht, das ist
       undemokratisch. Das kann Weidel den Kopf kosten.“ Die Blockaden des
       Helferich-Lagers seien nichts anderes als Erpressung gewesen, ihn erinnere
       das an dunkle Zeiten: „Ich halte Helferich für einen der wenigen echten
       Neonazis in der Partei“, so der Abgeordnete, der wohlgemerkt mit Helferich
       Parteibuch und Bundestagsfraktion teilt.
       
       Um Inhalte geht es im Konflikt nicht wirklich, es ist eher der Kampf
       zwischen Personennetzwerken. Zwar ist Helferich („das freundliche Gesicht
       des NS“) klar rechtsextrem und auch Weidel ist eng vernetzt mit dem
       völkisch-nationalistischen Mainstream in der Partei. Aber auch im Lager des
       sich gemäßigt gebenden Vincentz gibt es radikale Leute sowie ehemalige
       Mitglieder des völkischen Flügels.
       
       Das Vincentz-Lager feierte den Tag [4][mit KI-generierten Memes] und die
       blieben martialisch: Eines zeigt seinen Intimfeind Matthias Helferich auf
       einem Schlachtfeld am Boden liegend als Soldat in römischer
       Fantasieuniform, geschlagen und schmutzig. Überschrift: „Der Untergang“.
       
       Das letzte Wort dürfte allerdings noch nicht gesprochen sein: Aus Kreisen
       des Bundesvorstands war zu hören, dass man durchaus den Landesvorstand von
       Nordrhein-Westfalen absetzen könnte: „Sollte die Liste tatsächlich wegen
       Mängeln nicht zugelassen werden, wird das wohl passieren, dann bliebe dem
       Bundesvorstand nichts anderes übrig.“
       
       17 Jul 2026
       
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