# taz.de -- Fördergeldaffäre in Berlin: Das Schweigen der Wölfe
> Im Untersuchungsausschuss zur Fördergeldaffäre in Berlin verweigert
> Ex-Senator Chialo jede Aussage. Es ist ein absurdes Schauspiel mit großem
> Schaden.
(IMG) Bild: Joe, Christian und Sarah halten's Maul: Aussageverweigerung ist nicht nur bei Linken beliebt
Für ein Fazit ist es eigentlich noch zu früh. Und doch steht nach der
planmäßig vorletzten Sitzung des Untersuchungsausschusses zur
CDU-Fördergeldaffäre fest: Die verantwortlichen Akteure – die beiden
CDU-Abgeordneten Christian Goiny und Dirk Stettner und noch mehr die beiden
Ex-Kultur-Senator:innen Sarah Wedl-Wilson und Joe Chialo – haben die
Aufklärung der rechtswidrigen Förderung von Antisemitismusprojekten
erfolgreich sabotiert und dabei demokratische und rechtsstaatliche
Grundsätze mit Füßen getreten.
Einen unrühmlichen Höhepunkt setzte am Donnerstag Joe Chialo, der die
intransparenten Vorgänge in seiner Amtszeit auf den Weg gebracht hatte. Mit
den bekannten Rechtsanwälten Stefan Conen und Remo Klinger an seiner Seite
war der ehemalige Senator im Abgeordnetenhaus erschienen. Den U-Ausschuss,
immerhin das wichtigste Kontrollinstrument des Parlaments, lies er über
Stunden auflaufen und beantwortete keine der ihm gestellten Fragen.
Einzige Ausnahme: Als Senator habe er kein Diensthandy besessen und sei von
der Senatskanzlei auch nicht dazu aufgefordert worden, die Kommunikation
auf seinem Privathandy offenzulegen – so wie es der Untersuchungsausschuss
in einem Beweisantrag gefordert hatte. Danach sagte Chialo in quälender
Endlosschleife, er mache „auf Anraten seines Rechtsbeistandes von seinem
vollumfänglichen Aussageverweigerungsrecht Gebrauch“. Womit der ehemalige
Kultursenator wohl „Auskunftsverweigerungsrecht“ meinte.
Dies steht Chialo laut seinen Anwälten zu, so hieß es am Rande der immer
wieder unterbrochenen Sitzung, weil gegen ihn der Verdacht der
Haushaltsuntreue im Raum stehe. Dieser ergebe sich etwa aus dem
Rechnungshofbericht zur Affäre. [1][Demnach seien alle 13 Förderbescheide
aus einem Sondertopf über 3,4 Millionen Euro für Antisemitismusbekämpfung
„evident rechtswidrig]“. Von einer staatsanwaltschaftlichen Ermittlung
gegen Chialo, gar einer Anzeige ist zwar nichts bekannt, aber es gebe ja
die Möglichkeit. So hatte auch Chialos im April zurückgetretene
Nachfolgerin Wedl-Wilson argumentiert, [2][die vor zwei Wochen im Ausschuss
dasselbe Schauspiel aufführte.]
## Schweigen bis zur Weißglut
Auch Wedl-Wilson war damit auf scharfen Widerstand und Kritik des von der
Linken-Politikerin Manuela Schmidt geleiteten Ausschusses gestoßen. Dieser
beruft sich auf ein Gutachten des wissenschaftlichen Parlamentsdienstes,
wonach mindestens jene Fragen zu beantworten sind, mit denen sich
Zeug:innen nicht selbst belasten. In Richtung Chialo und zu dessen
vertretener Rechtsauffassung sagte der CDU-Abgeordnete Stephan Lenz im
Sinne der restlichen Ausschussmitglieder: „Unser Verständnis dafür hält
sich in Grenzen.“ Der Ausschuss hatte zuletzt ein weiteres Gutachten in
Auftrag gegeben, das die nicht beantworteten Fragen von Wedl-Wilson auf
ihre Rechtswidrigkeit untersuchen soll.
Trotz dieser Vorwarnung ging Chialo auf Konfrontationskurs, ohne Respekt
vor dem Untersuchungsauftrag des Ausschusses. Er disqualifizierte Fragen
als unangemessen oder suggestiv, ließ seine Anwälte eine als Scherz
gemeinte Frage nach dem Wetter rügen und weigerte sich auch, rein faktische
Fragen, etwa nach seiner Entlassung – am 5. oder 6. Mai 2025 – zu
beantworten – entgegen der Hinweise, dass er nur begründet bei einzelnen
Fragen die Auskunft verweigern könne. Chialos Anwalt Conen ergriff
wiederholt ohne Genehmigung das Wort und trieb die Vorsitzende Schmidt fast
zur Weißglut. Wortentziehung. Geschrei. Unterbrechung.
Der Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener stellte, als Frage verpackt, fest,
dass Chialo „der politischen Kultur keinen Gefallen getan“ habe, ebenso
wenig wie er „dem notwendigen Kampf gegen Antisemitismus“ einen Gefallen
getan habe. Chialo antwortete nicht. Am Schluss blieb der Vorsitzenden
Schmidt lediglich der Hinweis, Chialos Nicht-Aussagen „einer rechtlichen
Prüfung“ zu unterziehen. „Wir behalten uns vor, dass wir im Ergebnis ein
Ordnungsgeld aufrufen werden“, so Schmidt.
Wer nun dachte, der Höhepunkt der Chuzpe sei erreicht, rechnete nicht mit
dem CDU-Abgeordneten Christian Goiny. Dieser hatte maßgeblich die Liste der
zu fördernden Projekte zusammengestellt, mutmaßlich nach persönlichen
Sympathien und Bekanntschaften. Goiny war ein zweites Mal vorgeladen. Beim
ersten Mal hatte der CDU-Politiker wenig Erhellendes gesagt, sich
stattdessen in Widersprüche verstrickt und immer wieder die Aussage
verweigert.
## Goiny geht auf Angriff
Dieses Mal griff Goiny den Untersuchungsausschuss frontal an. Es sei „das
erste Mal in der Geschichte des Berliner Abgeordnetenhauses“ dass ein
Ausschuss „rechtswidrig arbeitet“, verantwortlich sei die Vorsitzende
Schmidt. Er würde mit den Fragen in seinen „Rechten als Abgeordneter
verletzt“. Seine Interpretation des Gutachtens des Parlamentsdienstes: Er
müsse gar nichts sagen. Auch hier wieder: Sitzungsunterbrechung. Beratung.
Und weiter mit der Fragerunde.
Goiny lässt danach wenigstens durchblicken, dass er die Liste der Projekte,
die als „CDU-Fraktionsticket“ der Verwaltung vorgelegt wurde, erstellt
habe: „Ich hab die auch gesammelt.“ Auch sagt er: „Diese Liste ist von
Stettner und mir mit Chialo besprochen worden.“ Überraschen konnte das
niemand in dem Ausschuss, der auf sein Ende vor der Sommerpause zusteuert.
Unbeantwortet bleibt damit wohl die Frage, wie die Auswahl der Projekte
erfolgt ist. Ebenso unbeantwortet bleibt, wie die rechtswidrige Förderung
an einer qualifizierten inhaltlichen Prüfung vorbei in der Verwaltung
durchgesetzt wurde.
Chialo ließ zwar frühzeitig verlauten, das sei nicht seine Verantwortung,
die Förderbescheide habe schließlich Wedl-Wilson gezeichnet. Was hat es
aber mit dem handschriftlichen Vermerk Monate zuvor auf sich, als Chialo
festhielt, die Antragsteller sollten benachrichtigt werden, „dass die
Bewilligung der Projekte gegen Antisemitismus erfolgt ist“? Und was wusste
der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, der zwar behauptet, von der Liste
nichts gewusst zu haben, aber Schirmherr der [3][auf diesem Wege
geförderten Nova-Ausstellung] war?
Eine richtige Aufklärung ist mit der Verweigerungshaltung dieser
CDU-Politiker nicht möglich. Das ist das ernüchternde vorläufige Ergebnis
dieses Untersuchungsausschusses.
11 Jun 2026
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(DIR) Erik Peter
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