# taz.de -- Fördergeldaffäre in Berlin: Genehmigt auf Druck von Joe Chialo
> Unter dem damaligen Kultursenator drückte die CDU auch ein Projekt der
> Lobbyorganisation Elnet durch. Die Verwaltung hielt dieses für „explizit
> nicht förderfähig“.
(IMG) Bild: Die Hausleitung, die der Verwaltung Druck gemacht haben soll: Joe Chialo, als er noch amtierender Kultursenator von Berlin war
Die [1][Fördergeldaffäre um Antisemitismusprojekte] hat noch größere
Ausmaße als bislang bekannt. Dokumente, die der taz exklusiv vorliegen,
zeigen: Auch die [2][Israel-Lobbyorganisation Elnet] wurde gefördert –
durch politischen Druck aus der CDU und von Senator Joe Chialo und gegen
die Verwaltung.
Das Dokument vom Februar 2025 stammt aus dem Büro des Beauftragten für
Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Berliner
Kulturverwaltung – und es hat es in sich. Die Antragsteller seien „eng
vernetzt“ mit Abgeordneten, die bereits versucht hätten, Einfluss zu
nehmen, heißt es im Prüfvermerk. Der Prüfvermerk ist das Dokument, das
externe Projekte fachlich bewertet und deren Förderung bewilligt. Mehrere
Passagen in diesem Dokument legen dar, warum die Behörde eine Kampagne der
Lobbyorganisation Elnet nicht finanzieren dürfe.
Laut dem Dokument sind die Zwecke des Vereins, also die Lobbyarbeit,
„explizit nicht förderfähig“, und wegen fehlender religiöser Bezüge sei
Elnet beim Religionsbeauftragten „nicht antragsberechtigt“. Elnet arbeitet
nach eigenem Bekunden „in vollumfänglicher Koordination“ mit dem
israelischen Außenministerium und treibt Rüstungsgeschäfte voran.
Die Organisation hat Gelder für ihre Kampagne „Fragemauer“ beantragt. Diese
warb auf bunten Pop-Art-Plakaten im öffentlichen Raum mit Fragen wie „Ist
Harry Potter jüdisch?“ oder „Warum gibt es den modernen Staat Israel?“. Die
Antworten – auch auf heiklere Fragen wie „Gibt es in Israel Apartheid?“
oder „Begeht Israel einen Genozid?“, die beide mit einem schroffen „Nein“
quittiert werden – sind auf der verlinkten Website abrufbar.
## Auf Anordnung von Senator Chialo
Aufgrund „einer mündlich vorgetragenen Anordnung durch die Hausleitung“ –
damals war das Kultursenator Joe Chialo – sah sich das Religionsreferat
dennoch gezwungen, das Projekt, trotz fehlender thematischer Zuständigkeit,
im Rahmen der „religionsübergreifenden Zusammenarbeit“ zu prüfen. Um zu
verhindern, dass „falsch zugewiesene Haushaltsmittel aufgrund von
politischem Druck fachfremd“ eingesetzt werden, haben Mitarbeiter im
gleichen Dokument „dringend (…) appelliert“, zukünftig von einem solchen
Vorgehen abzusehen, das „einen absoluten Ausnahmetatbestand“ darstelle.
Eine Remonstration, sprich ein formeller Widerspruch, blieb vom
Beauftragten aus, wie ein Sprecher der Kulturverwaltung der taz bestätigte.
Der Sprecher erklärte zudem, dass Elnet letztendlich die formalen
Förderkriterien erfüllte und dass Lobbyarbeit „mit dem Projekt nicht
gefördert“ wurde. Der besagte Prüfvermerk würde lediglich „transparent
dokumentier(en), welche Kriterien für und welche gegen eine Förderung
sprechen“. Schließlich bekam die Organisation Personal- und Werbekosten in
Höhe von 100.000 Euro für das Projekt.
Dazu kamen zusätzlich 20.000 Euro aus dem Sammelfonds der Berliner Justiz
für Geldauflagen unter der Rubrik Demokratieförderung. Die gegenseitige
Förderung wurde weder dem Kammergericht noch der Kulturverwaltung gemeldet,
wie die Sprecher beider Behörden auf Nachfrage bestätigten.
Fachleute aus der Berliner Verwaltung, die das Dokument des
Religionsbeauftragten lesen konnten, reagierten gegenüber der taz
fassungslos. „So eine Erwiderung musste doch alle Alarmglocken schrillen
lassen – eine Förderung hätte es nie geben dürfen“, sagte ein Mitarbeiter
der Senatsverwaltung für Kultur, der anonym bleiben will, der taz.
## Auch andere Städte förderten Elnet
Vor seinem Berliner Launch wurde das Fragemauer-Projekt bereits in anderen
Städten durchgeführt und kommunal gefördert. Zurzeit ist es auch in Sachsen
zu sehen, finanziert von der CDU-geführten Landesregierung. Für Elnet geht
damit eine Strategie auf: Durch den Verweis auf staatliche Zuschüsse lässt
sich gegenüber Politkern eher der Eindruck erwecken, sie seien eine
deutsche zivilgesellschaftliche Adresse – und nicht eine aus dem Ausland
finanzierte Lobbyorganisation. So schilderten es auch Abgeordnete der taz.
Die Affäre um die Förderung von einem Dutzend Projekten aus einem
Sondertopf über 3,4 Millionen Euro im Bereich der Antisemitismusbekämpfung
erschüttert Berlins Politik seit einem Jahr. Sie sei „evident rechtswidrig“
erfolgt, urteilte der Rechnungshof; die Chialo-Nachfolgerin Sarah
Wedl-Wilson trat daraufhin im April zurück. Ein Untersuchungsausschuss, bei
dem die beteiligten Akteure überwiegend die Aussage verweigerten, will noch
vor der Wahl seinen Abschlussbericht vorlegen. Weil Elnet nicht aus dem
Sondertopf gefördert wurde, war es nicht Gegenstand der
„risikoorientier(en)“ Überprüfung, wie ein Sprecher des Rechnungshofs der
taz erklärte.
Die Förderung folgte jedoch dem gleichen Muster: Ein Verein mit engen
Verbindungen zur CDU und der israelischen Botschaft erhielt staatliche
Mittel – erwirkt durch politischen Druck und gegen den Widerstand der
Verwaltung.
Der bemerkenswerte Vorgang begann mit der Aufstellung des Doppelhaushalts
2024/25, der nach dem 7. Oktober jährlich 10 Millionen Euro für
Antisemitismusbekämpfung vorsah. Im Haushaltsplan tauchte das Elnet-Projekt
namentlich auf und wurde mit 100.000 Euro pro Jahr bedacht – aus den Kassen
des Religionsreferats. Ungewöhnlich, denn ob Einzelprojekte gefördert
werden können, muss erst die Verwaltung entscheiden, nicht das
Abgeordnetenhaus – so steht es in der Landeshaushaltsordnung. Zudem ist der
Lobbyverein keine religiöse Institution. Außerdem fehlt Elnet im Berliner
Lobbyregister, das Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren erfassen soll. Der
Kultursenator kannte die Organisation jedoch.
## Chialo als Moderator und Jury-Mitglied
Im Oktober 2022 moderierte Chialo, damals noch Musikmanager, die luxuriöse
Gala des [3][Elnet-Awards], in dessen Jury er auch saß. Auf die Frage, ob
er für diese Tätigkeit vergütet wurde, reagierte Chialo nicht. Auch im
September 2023 und bereits als Kultursenator saß Chialo in der Jury und
hielt eine Laudatio auf einen Preisträger. Ein weiteres CDU-Mitglied, der
Abgeordnete [4][Timur Husein], stand auch im Kontakt mit dem Verein. Im
Juli 2023 postete Husein ein Bild von sich und dem Elnet -Vorsitzenden, dem
ehemaligen CDU-Abgeordneten Carsten Ovens, vor den Fragemauer-Plakaten in
dessen Büro und lobte das Projekt.
Wie E-Mails, die der taz vorliegen, belegen, meldete sich Husein nach der
Verabschiedung des Haushaltsplans mehrfach im Auftrag von Elnet bei
verschiedenen Mitarbeitern der Senatsverwaltung für Kultur. Diese sahen
jedoch den SPD-geführten Sozialsenat als zuständig an und leiteten den
Elnet-Antrag dorthin weiter, wo er schließlich abgelehnt wurde.
Daraufhin wandte sich der Elnet-Vorsitzende Ovens direkt an den
Kultursenator: „Lieber Joe“, schrieb er im Sommer 2024, beklagte sich
ausführlich über die „behördeninterne Zwickmühle“ und bedankte sich bei
Chialo dafür, dass sich dieser des „Sachverhalt[s] persönlich annehmen“
möchte. Zunächst wohl erfolglos. Monate später hakte Husein nach, ebenfalls
mit einer Mail an den Kultursenator und an Staatssekretär Oliver
Friederici, bezeichnet die immer noch fehlende Genehmigung des Antrags „auf
unserem Fraktionsticket“ als „Katastrophe“ und schlägt vor, gemeinsam zum
Elnet-Büro zu gehen, um sich dort „direkt auszutauschen“. Auf Anfrage, ob
ein solches Treffen tatsächlich stattfand, reagierten weder Husein, Chialo
noch Elnet.
Ende 2024 stellte Elnet schließlich einen erneuten Antrag auf Förderung,
diesmal mit formaler Beteiligung von zwei weiteren Organisationen: der
Jüdischen Studierendenunion, die Monate zuvor den Elnet-Preis erhalten
hatte, und der liberal-muslimischen Alhambra-Gesellschaft. Deren
Mitgründer, der Berliner FDP-Politiker Eren Güvercin, saß in den zwei
Jahren zuvor in der Jury des Elnet-Preises. Zwei geschlossene
Veranstaltungen mit den Kooperationspartnern sollten neben einigen
arabischen Motiven auf den Plakaten die religionsübergreifende
Zusammenarbeit im Projekt unterstreichen – ein Trick, der das
Religionsreferat nicht wirklich überzeugen konnte.
## Trotz Prüfvermerk bewilligt
Im Februar 2025, nachdem Husein einen Referatsmitarbeiter per Mail bedrängt
hatte – „Bekommen wir das zeitnah hin oder soll ich mich an höhere Stellen
wenden?“ –, wurde die Förderung trotz des äußerst kritischen Prüfvermerks
bewilligt.
Was folgte, bestätigte die Bedenken der Verwaltung über die fehlende
„Einbeziehung der muslimischen Perspektive“. Wenige Monate nach der
erzwungenen Bewilligung bildete ein Roundtable zum Antisemitismus an
Hochschulen im Elnet-Büro den inhaltlichen Auftakt des Projekts. Ein
Fortschrittsbericht von Elnet an die Kulturverwaltung behauptete, das Ziel,
„Menschen mit verschiedenen Glaubenshintergründen im Sinne des
interreligiösen Dialogs zusammenzubringen“, sei damit erreicht worden.
Unter den 18 Teilnehmenden waren die einzigen Menschen muslimischer
Herkunft Vertreter der Alhambra-Gesellschaft oder der Abgeordnete Husein.
Ob die in Berlin aufgehängten Plakate die gewünschte „Wirkung in
nichtjüdischem Umfeld“ erreichten, wurde nicht evaluiert.
Die politisch fragwürdige Förderung einer Lobbyorganisation könnte auch für
die Berliner Justiz interessant sein. Für Chialo ist das heikel: Denn
wieder geht es um politischen Druck auf Verwaltungsmitarbeiter und
durchgepeitschte Bescheide, und zwar zu seiner Amtszeit.
Vergleichbare Vorgänge in der Fördergeldaffäre erklärte ein internes
Schreiben der Antikorruptionsbeauftragten der Kulturverwaltung vom Oktober
2025, das der taz vorliegt, zu einer „unzulässige(n) politische(n)
Einflussnahme auf die Mittelvergabe, was die Unabhängigkeit der Verwaltung
und den fairen Wettbewerb gefährdet“.
Chialos Argumentation in der Affäre war stets, die Bescheide seien nicht in
seiner Amtszeit, sondern in der seiner Nachfolgerin ergangen. Bei Elnet ist
das anders. Trotzdem war die Förderung noch kein Thema im
Untersuchungsausschuss zur Fördergeldaffäre und wird auch vermutlich nicht
mehr sein. Seine zwölfte und letzte Sitzung ist für diesen Freitag geplant.
Mitarbeit: Erik Peter
3 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /CDU-Foerdergeldaffaere/!t6127447
(DIR) [2] /Lobbyorganisation-Elnet/!6130001
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=1P9flV4-8gk
(DIR) [4] /CDUler-hetzt-im-Netz/!6129225
## AUTOREN
(DIR) Yossi Bartal
## TAGS
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre
(DIR) Joe Chialo
(DIR) Israel
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre
(DIR) wochentaz
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre: Hartes Urteil von Linken und Grünen
Die Opposition fügt dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses ein
Sondervotum hinzu. Darin werden die verantwortlichen CDU-Politiker nicht
geschont.
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre in Berlin: Mildes Urteil von CDU und SPD
Die Regierungsfraktionen kritisieren im Abschlussbericht des
Untersuchungsausschusses vor allem die Verwaltung – und nehmen die
Verantwortlichen der CDU in Schutz.
(DIR) CDU-Fördergeldaffäre in Berlin: Ermittlungen gegen Wedl-Wilson, Klage gegen Chialo
Der Berliner Ex-Kultursenatorin droht wegen schwerer Untreue in der
Fördergeldaffäre eine Haftstrafe. Gegen Joe Chialo will der
Untersuchungsausschuss Klage einreichen.
(DIR) Fördergeldaffäre in Berlin: Das Schweigen der Wölfe
Im Untersuchungsausschuss zur Fördergeldaffäre in Berlin verweigert
Ex-Senator Chialo jede Aussage. Es ist ein absurdes Schauspiel mit großem
Schaden.
(DIR) Lobbyorganisation Elnet: Meinungsbildungsreisen nach Israel
Elnet lobbyiert für die Regierung Netanjahu. Über hundert deutsche
Abgeordnete reisten mit dem Verein, der Kontakt zu Siedlern und Trump-Fans
hat.
(DIR) CDUler hetzt im Netz: Kritik an der Linken mit Z-Wort
Der CDU-Abgeordnete Timur Husein verunglimpft Sinti und Roma in einem
Instagram-Post. Initiativen sehen darin eine Anbiederung an die AfD.