# taz.de -- Abwehr von Russland im Baltikum: „Niemand will einen Krieg“
> Der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur über Drohnen aus der
> Ukraine, den Wehretat seines Landes und das Abschreckungspotential der
> NATO.
(IMG) Bild: Militärparade in Tallinn bei den Feiern zum Unabhängigkeitstag Estlands am 24. Februar
taz: Herr Pevkur, vor ein paar Tagen ist in Rumänien eine Drohne in ein
Wohnhaus eingeschlagen, in den [1][baltischen Staaten gab es in den
vergangenen Monaten etliche Vorfälle] mit Drohnen. Das alles passiert auf
Nato-Gebiet. Wie stark ist das Bündnis derzeit?
Hanno Pevkur: In Friedenszeiten sind unsere Streitkräfte nicht in derselben
Einsatzbereitschaft, wie es bei der ukrainischen Armee der Fall ist. Wir
haben keine ständige militärische Präsenz an der Ostgrenze. Wir reagieren
also auf diese Vorfälle. Wenn wir [2][den Fall Rumänien] betrachten: Zwei
Kampfflugzeuge waren in der Luft, ein Hubschrauber auch, aber als die
Drohne über die Stadt flog, war es nicht möglich, sie abzuschießen, weil
man dann eine große Anzahl von Zivilisten einem sehr hohen Risiko aussetzen
würde. Deshalb würde ich definitiv unterscheiden zwischen unseren
Fähigkeiten während einer Krise und im Krieg und dem, was wir in
Friedenszeiten tun können.
taz: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Pevkur: Rumänien wird die Verbündeten um zusätzliche Luftabwehrmittel
bitten.
taz: Vor Kurzem musste [3][ein rumänischer Nato-Kampfjet eine ukrainische
Drohne abschießen, die in den estnischen Luftraum eingedrungen] war. Haben
Sie Beweise dafür, dass Russland die Flugbahn dieser Drohne gestört oder
abgelenkt hatte und sie deshalb auf Nato-Territorium gelangte?
Pevkur: Wir führen natürlich immer noch Untersuchungen durch. Aber wir sind
sehr, sehr sicher, dass die Ukrainer keinen Nato-Luftraum nutzen.
taz: Sind solche Vorfälle vermeidbar?
Pevkur: Ja, wenn die Ukraine keine russischen Ziele in unserer
Nachbarschaft angreift. Aber sie haben das Recht, sich zu verteidigen. Wenn
diese Drohnen Tausende von Kilometern fliegen und, sagen wir mal, auf
Moskau zusteuern, kann Russland das Signal stören, die Drohne dreht ab und
landet irgendwo in Polen oder in Litauen. Ich weiß, dass sich die Ukrainer
sehr darum bemühen, dass ihre Drohnen nicht vom Weg abkommen, aber manchmal
haben die Russen Erfolg.
taz: Wie erklären Sie das der estnischen Bevölkerung?
Pevkur: Man muss offen und transparent sein. Dass Drohnen in Estland
landen, liegt nicht daran, dass die Ukraine sie nach Estland schicken will.
Es liegt daran, dass Russland die Ukraine angreift, denn Russland ist das
Land, das diesen Krieg begonnen hat und ihn immer noch führt. Es ist unsere
Pflicht, der Ukraine zu helfen, weil die Ukrainer auch unsere Freiheit
verteidigen. Jeder Panzer, der in der Ukraine zerstört wird, ist ein
russischer Panzer, der einmal hinter unseren Grenzen war.
taz: Sehen Sie dieses Bewusstsein in allen EU-Staaten?
Pevkur: Je weiter man sich vom Kriegsschauplatz entfernt, desto weniger
groß erscheint einigen Staaten das Problem. Man hat dort mehr zu tun mit
dem Ölpreis oder mit Waldbränden. Aber die deutsche Grenze ist vom
Schlachtfeld in der Ukraine fast genauso weit entfernt wie Tallinn. Wir
müssen Russland gemeinsam abschrecken, sonst werden wir keinen Erfolg
haben. Um glaubwürdige Abschreckung zu haben, braucht man die
entsprechenden Fähigkeiten. Und wenn man nicht [4][in die Verteidigung
investiert], wird man diese Fähigkeiten nicht haben.
taz: Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat vorgeschlagen, dass ein bestimmter
Anteil der Verteidigungsausgaben direkt an die Ukraine gehen soll. Halten
Sie das für richtig?
Pevkur: Estland hat bereits vor vier Jahren vorgeschlagen, dass mindestens
0,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an die Ukraine gehen sollten. Die
Ukrainer können ihre eigenen Waffensysteme bauen. Bereits jetzt produziert
die Ukraine in einem Monat mehr Haubitzen als Frankreich in einem Jahr. Das
ist die Realität.
taz: In dieser Woche werden die Reservisten in Estland gefeiert, die ihre
jährliche Übung absolviert haben. Estland setzt auf die Reservearmee, wenn
es zum Ernstfall kommt. Was sagen Sie jungen Menschen, die Zweifel am
Militärdienst haben?
Pevkur: Ich stelle ihnen eine Frage: Wenn wir all diese Freiheiten genießen
wollen, die wir in Europa haben – Freizügigkeit, Handelsfreiheit,
Medienfreiheit, Meinungsfreiheit, die Freiheit, hinauszugehen und zu sagen,
was man will … wenn wir also diese Rechte bewahren und nicht verlieren
wollen: bist du dann bereit, diese Rechte und Prinzipien zu verteidigen?
taz: Dialog und Diplomatie sind keine Option?
Pevkur: Niemand will einen Krieg. Aber die Realität ist, dass unser Nachbar
das nicht so sieht. Unser Nachbar hat in den letzten 100 Jahren mindestens
16-, 17-mal Krieg gegen seine Nachbarn begonnen, sogar in den letzten 30
Jahren. Bei allem Respekt, Sie wissen, dass jeder in Frieden leben will,
aber um in Frieden zu leben, muss man bereit sein, ihn zu verteidigen.
taz: Alternativen gibt es nicht?
Pevkur: Was ist die Alternative? Ich habe noch niemanden gesehen, der in
den Boxring gestiegen und als Sieger hervorgegangen ist, ohne seinen Gegner
zu schlagen. Du brauchst glaubwürdige Abschreckung. Wenn du deinem
Widersacher signalisierst: „Denk nicht einmal daran!“, und er dir glaubt,
dann ist das die beste Option. Aber dafür muss man trainieren. Man muss
üben. Und wenn man nicht zeigt, dass man die Muskeln hat, dann glaubt einem
niemand.
taz: Haben Sie dennoch Verständnis dafür, dass es Zweifel geben kann?
Pevkur: Natürlich hat jede Gesellschaft diese Zweifel. Aber was steht auf
dem Spiel? Auch die Ukrainer müssen sich mit dem Krieg auseinandersetzen.
Und sie haben keine andere Möglichkeit, als sich zu verteidigen.
taz: Estland gibt derzeit rund fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts
für Verteidigung aus, und laut einer Umfrage ist die Zustimmung in der
Bevölkerung dazu sehr hoch. Zugleich braucht es Investitionen in Bildung,
in den Sozialstaat. Wie schwierig ist das?
Pevkur: Natürlich ist es nicht einfach. Wir mussten die Steuern erhöhen.
Wir mussten den Haushalt kürzen. Und natürlich würden wir gern höhere
Renten haben. Aber noch einmal: Im [5][Nato-Artikel 5] geht es nicht um die
Verteidigung des Landes oder die Verteidigung der Grenze. In Artikel 5 geht
es um die Verteidigung der Werte, demokratischer, liberal-demokratischer
Werte.
taz: Die EU versucht die Rüstungsindustrie in den Mitgliedsländern stärker
zu koordinieren. Vertrauen Sie auf die EU, oder setzt Estland lieber auf
eigene Rüstungsproduktionen?
Pevkur: Beides ist notwendig. Wenn man etwa von wirklich großen Kapazitäten
wie Kampfflugzeugen spricht, dann muss das gemeinsam geschehen. Kein Land,
nicht einmal Deutschland, kann das allein schaffen, denn für sich genommen
ist jedes europäische Land ein kleines Land. Aber rund 450 Millionen
Menschen in der EU sind eine Menge.
taz: Also sind Sie für mehr gemeinsame Anschaffungen?
Pevkur: Das ist definitiv notwendig. Und mehr Wettbewerb. Wer produziert
die Drohnen? Der Beste soll gewinnen. Wer stellt die Feuerwaffen her? Der
beste Hersteller soll den Zuschlag erhalten. Wettbewerb ist das Einzige,
was zählt.
taz: Und damit auch die Vereinheitlichung von Waffensystemen?
Pevkur: Ich würde auch lieber einen einzigen Haubitzentyp haben oder einen
einzigen Panzertyp. Aber ich verstehe, dass die Volkswirtschaften auch ihre
eigenen Interessen haben. Ein Typ von Schützenpanzer für den
nordisch-baltischen Raum. Oder man hat die eine Satellitenlösung, wo man
die Vorteile sieht. Aber wenn man kleinere Systeme hat, wie Drohnen, ist
das nicht so kompliziert. Das kann im Grunde jeder in fünf Minuten lernen.
taz: Wirklich?
Pevkur: Was ich meine, ist, dass man auch für die kleineren Unternehmen
Optionen finden kann.
taz: Was bedeutet es, wenn sich [6][die USA immer mehr aus der Nato
zurückziehen]?
Pevkur: Es ist offensichtlich, dass Europa seine eigenen Fähigkeiten immer
mehr ausbauen muss. Aber mein klares Verständnis ist, dass wir unsere
Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten nicht einfach wegwerfen können.
Es ist extrem wichtig und entscheidend für uns, eine gute Partnerschaft zu
haben. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die USA Europa genauso
brauchen wie Europa die USA. Die USA haben globale Interessen. Und wenn man
globale Interessen hat, dann braucht man auch Partner.
taz: US-Präsident Donald Trump sieht das aber anscheinend anders. In
besseren Zeiten hätten Sie als Verteidigungsminister deutlich weniger zu
tun. Was wünschen Sie sich?
Pevkur: Mein Wunsch ist es, dass in Europa ein besseres Verständnis dafür
entsteht, dass Europa es wert ist, verteidigt und geschützt zu werden, und
dass unsere Kinder es verdienen, auch in 50 Jahren in Frieden zu leben.
5 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Drohnenalarm-in-den-baltischen-Staaten/!6180554
(DIR) [2] /Nachrichten-im-Ukrainekrieg/!6182764
(DIR) [3] /Verteidigungspolitik-in-Estland/!6181997
(DIR) [4] /Militaerausgaben-steigen-auf-Rekordhoch/!6170431
(DIR) [5] /Tagung-des-Nato-Rates/!6111535
(DIR) [6] /Ex-Nato-Botschafter-der-USA/!6168048
## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
## TAGS
(DIR) Estland
(DIR) Baltikum
(DIR) Nato
(DIR) Russland
(DIR) Sicherheit
(DIR) Ukraine
(DIR) Verteidigung
(DIR) Verteidigungspolitik
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Litauen
(DIR) Katastrophenschutz
(DIR) Longread
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Selenskyj reist zu Gesprächen über Kriegsende nach London
Die Verhandlungen über ein Ende des Ukrainekrieges liegen auf Eis, das
Kampfgeschehen verschärft sich. Jetzt starten die Europäer eine neue
diplomatische Initiative.
(DIR) Gerhard Schröder bei Putin im Kreml: Ein Freund, ein guter Freund
Russlands Präsident Wladimir Putin setzt weiter auf Ex-Kanzler Schröder als
„neutralen Vermittler“ im Ukrainekrieg. Nun trafen sich die beiden in
Moskau zu einem Plauderstündchen.
(DIR) Drohnenalarm in den baltischen Staaten: Einschüchterungsversuche an der Nato-Ostflanke
Luftalarm in Litauen, in Lettland fallen Abi-Prüfungen aus, in Estland wird
eine Drohne abgeschossen. Die Nato wird auf die Probe gestellt.
(DIR) Katastrophenschutz an der Ostflanke: Blaue Dreiecke und Verteidigungsunterricht
In den baltischen Staaten sind Vorbereitungen auf den Angriffsfall viel
extensiver als im Rest Europas. Auch aus Angst vor dem Nachbarn Russland.
(DIR) Estnische Grenzstadt Narva: Leben im möglichen Einfallstor für Putin
Das estnische Narva grenzt direkt an Russland. Wie lebt es sich in einer
Stadt, über die es immer wieder heißt, sie sei die nächste Kriegsfront?