# taz.de -- Lage der Pressefreiheit in Israel: Kritik ist unerwünscht
       
       > Die israelische Polizei soll die Arbeit von ausländischen
       > Journalist*innen auswerten, die kritisch über Israel berichten – und
       > sie dann an der Einreise hindern.
       
 (IMG) Bild: Alltag für Journalisten: Militäreinsatz in Hebron Anfang 2026 – Berichterstattung nicht erlaubt
       
       Als der italienische Reporter und Fotograf Alessandro Stefanelli im Sommer
       vergangenen Jahres nach Israel reisen will, wie schon so oft in den
       vergangenen Jahren, ist die Überraschung groß. Einreiseerlaubnis gecancelt,
       heißt es in einer Mail der Immigrationsbehörde. Stefanelli solle sich bitte
       bei der israelischen Botschaft in Rom melden.
       
       Der Reporter tut dies – vergeblich. Also beschließt er, über die Allenby
       Bridge zwischen Jordanien und dem Westjordanland sein Glück zu versuchen.
       Hier benötige er keine Erlaubnis im Voraus, sagt ihm sein Anwalt. Doch am
       Grenzübergang nehmen ihn die Beamten fest. Etwa fünf Stunden wird er
       verhört, dann nach Jordanien zurückgebracht. So erzählt er das „Heute“.
       
       Dokumente, die der taz vorliegen, zeigen, dass Stefanelli wegen seiner
       Berichterstattung an der Einreise gehindert wurde. Die Polizei fand seine
       Artikel „einseitig“ und gegen Israel gerichtet. Daher darf er das Land in
       Zukunft nicht mehr betreten.
       
       Unter den aufgelisteten Texten befindet sich ein Bericht über beduinische
       Gemeinschaften, die während des Irankriegs keinen Schutz durch das
       Verteidigungssystem Iron Dome und keine Bunker in ihrem Wohngebiet hatten.
       Die Polizei wirft dem Reporter vor, nicht über die Anwesenheit von
       Behelfsschutzräumen vor Ort aufgeklärt zu haben.
       
       ## Verbindung zu Kämpfern vorgeworfen
       
       Ferner bemängelt die Behörde, Stefanelli beschuldige Israel, ein
       Apartheidsystem im Westjordanland zu betreiben. Eine Schlussfolgerung, zu
       der selbst mehrere israelische Menschenrechtsorganisationen kommen. Des
       Weiteren wird ein Artikel über Umweltverschmutzung und die Verletzung von
       Arbeitnehmerrechten in einem Industriegebiet nahe Tulkarem moniert.
       
       Als der Journalist gerichtlich gegen die Entscheidung vorgeht, sammelt die
       Polizei weitere Beweise. Unter ihnen ein Bild von einem bewaffneten
       Palästinenser im Flüchtlingslager Balata. Daraus zieht die Behörde den
       Rückschluss, dass Stefanelli mit Kämpfern in Verbindung steht. „Es sind
       Bilder, die man bei jeder Nachrichtenagentur findet“, sagt der Reporter
       dazu. „Die Anschuldigungen sind lächerlich.“ Doch sie haben Folgen.
       
       Auf beruflicher Ebene, weil Stefanelli seine Kontakte im Westjordanland
       nicht mehr pflegen kann. Auf finanzieller Ebene, weil viele Aufträge
       wegfallen. „Es ist kein einfacher Moment“, sagt er. Sein Anwalt, Tamir
       Blank, findet deutliche Worte: „Ich glaube, die Polizei steht kurz davor,
       zur Gedankenpolizei zu werden. Er wurde verbannt, weil er seinen Job als
       Journalist gemacht hat.“
       
       Stefanelli ist nicht der einzige ausländische Pressevertreter, dem die
       Einreise nach Israel seit dem Krieg in Gaza verweigert wurde. Wie die NGO
       [1][Reporter ohne Grenzen berichtet], teilten die spanische Journalistin
       Queralt Castillo sowie die Französin Khadija Toufik ein ähnliches
       Schicksal. Laut der NGO Index of Censorship wertet eine Abteilung der
       Polizei die Arbeit kritischer ausländischer Pressemitglieder aus. Eine
       entsprechende Anfrage an die Behörde blieb unbeantwortet.
       
       ## Zutritt zum Gazastreifen verboten
       
       Schon länger bemängeln Journalistenverbände, die Lage der Pressefreiheit in
       Israel habe sich seit Beginn des Konflikts verschlimmert. Ausländischen
       Journalist*innen ist der Zutritt zum Gazastreifen verboten. Nur
       eingebettete Reporter*innen, die an Pressetouren des israelischen Militärs
       teilnehmen, erhalten Zugang. Die israelische Regierung verteidigt dies mit
       Sicherheitsbedenken. Journalistenvertretungen kritisieren die Entscheidung
       als klare Verletzung der Pressefreiheit.
       
       [2][Im Gazakrieg sind außerdem so viele Reporter*innen getötet worden
       wie noch nie zuvor in einem bewaffneten Konflikt]. Knapp 210 bislang, laut
       dem US-amerikanischen Committee to Protect Journalists. Oft beschuldigt das
       israelische Militär diese, für die Hamas zu arbeiten. Doch belastbare,
       unumstrittene Beweise einer aktiven Tätigkeit innerhalb der
       Terrororganisation, die als politische Partei Gaza seit zwei Jahrzehnten
       regiert, werden selten vorgelegt. Das Committee will mindestens 75 Fälle
       verifiziert haben, in denen die Reporter*innen als Vergeltung für ihre
       Arbeit umgebracht wurden. Israel hat die Anschuldigungen stets abgelehnt.
       
       Am Montag machte zudem eine Mitteilung des israelischen Militärzensors die
       Runde unter Journalist*innen. Demnach darf die Presse keine genauen Zahlen
       nennen, wenn es um anfliegende Raketen geht, sondern nur noch von
       „einzelnen“ oder „Dutzenden“ Marschflugkörpern sprechen. Raketentreffer an
       strategischen Orten oder auf See dürfen die Medien nicht veröffentlichen,
       genauso wenig Bilder von Abfangmaßnahmen in der Luft.
       Formulierungsvorschläge waren auch dabei: So sollen Reporter*innen
       lieber „Raketen, die ihr Ziel nicht erreicht haben“, schreiben statt
       „Raketen, die ihr Ziel verfehlt haben oder abgestürzt sind“.
       
       Unterdessen wartet der verbannte italienische Reporter Stefanelli immer
       noch auf die endgültige Entscheidung des israelischen Gerichts. Über seine
       Erfahrung sagt er: „Ich betrachte dies als eine klare Zensur gegen die
       Pressefreiheit, die Israel respektieren sollte, da es sich als einzige
       Demokratie in Nahost bezeichnet.“
       
       11 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://rsf.org/en/israel-rsf-condemns-ban-spanish-journalist-queralt-castillo-and-warns-over-mounting-pressure-other
 (DIR) [2] /Pressefreiheit-in-Gaza-und-weltweit/!6136480
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Serena Bilanceri
       
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