# taz.de -- Anne Carson in Berlin: Umweg über die Entstehung der Welt
       
       > Die Lyrikerin und Essayistin Anne Carson hielt beim Poesiefestival Berlin
       > einen Vortrag. Thema war die Geschichte des „Skywritings“.
       
 (IMG) Bild: Orchestrierten die Menge in der Berliner Akademie der Künste: Anne Carson und Robert Currie
       
       Anne Carson ist ein Literaturstar, ein auf ihre Art klassischer
       intellectual, an dem das public nicht haften bleiben würde, obwohl die
       Autorin sich literarisch durchaus zu aktuellen Themen wie Gewalt und dem
       Mediengeschäft verhält. Unter anderem ist die bereits mehrfach [1][für den
       Literaturnobelpreis gehandelte] Carson jedoch auch Altphilologin. Das geht
       mit Lyrik erstaunlich gut zusammen. In ihrem delphischen, genretechnisch
       schwer einzuordnenden Buch „Autobiography of Red“ hütet so etwa eine
       beflügelte Figur namens Geryon auf einer roten Insel eine Herde roter
       Rinder und verliebt sich in den Halbgott Herkules, den er später, heute, in
       Buenos Aires wieder trifft.
       
       Carson interessiert sich für Anfänge und somit auch für den Anfang. Beim
       Poesiefestival Berlin bringt die Kanadierin am Sonntagabend ihre „Lecture
       on the History of Skywriting“, eine abgewandelte Schöpfungsgeschichte, auf
       die Bühne. Am Anfang steht die Kopulation (viel davon) und dann ziemlich
       schnell das Wort.
       
       Der Himmel, der hier spricht, führt Gespräche mit Kieselsteinen, macht sich
       Gedanken über das Kriegswesen und interviewt immer wieder jenen Mann, auf
       den in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle zu warten schienen.
       Godot wird dabei von Carsons Mann, dem britischen Künstler Robert Currie
       gemimt.
       
       Anne Carson ist selbst nicht gerade leicht zu interviewen. Auch hier hält
       sie es mit den Griechen und gibt stoisch Antwort nur auf Fragen, die als
       Fragen daherkommen, in der ihr gebotenen Länge, was mitunter auf
       Einsilbigkeit hinausläuft. Nun ist das Genre des Roten-Teppich-Interviews
       an und für sich schon eine Unart, in erbitterter Feindschaft zum
       vollständigen Gedanken.
       
       Das zuletzt im Internet kursierende Kurzinterview mit Anne Carson bei den
       National Book Awards 2025 führte das Ganze aber vollends ad absurdum. Auf
       die Frage, welches Buch, das in diesem Jahr veröffentlicht wurde, ihrer
       Meinung nach das beste sei, gibt Carson zurück, sie könne das schwerlich
       beantworten, denn eigentlich lese sie bloß alte Bücher, genauer: „Bücher,
       die 500 Jahre vor Christus veröffentlicht wurden.“
       
       Auch auf der Bühne in der Berliner Akademie der Künste lässt sie sich von
       Marie-Luise Knott, [2][die in der Vergangenheit bereits Texte von Carson
       übersetzt hat,] nur schwer in ein Gespräch verwickeln. Knott will tief
       einsteigen in den Intertext, doch die Dichterin Carson gibt sich intuitiv,
       sagt, schreibend verfahre sie nach einem simplen Prinzip: „Ich nehme mir,
       was ich brauche, und renne.“
       
       ## Der Himmel bin ich
       
       Dabei ist Carson natürlich ihrem ganzen Wesen nach academic, unterrichtete
       jahrelang an verschiedenen Universitäten und verfasste Essays zu Fragen der
       Kunst, aber auch Persönlichem wie über ihren tauben Großonkel Harry oder
       den Umgang mit ihrer Parkinson-Erkrankung.
       
       Sie sei als Autorin nicht in der Lage, sich Geschichten auszudenken,
       sondern könne nur über das schreiben, was sie selbst erlebt habe, so sagte
       Carson einmal in einem früheren Interview. „Skywriting“, den Himmel
       schreiben, ist so letztlich eine Variante, das Selbst zu schreiben, heißt
       es doch zu Anfang: „Ich bin der Himmel“, und was folgt, sei „eine kurze
       Geschichte meines Lebens als Autorin“.
       
       Wenn Susan Sontag einmal erklärte, über sich selbst zu schreiben, scheine
       ihr, „ein ziemlich umständlicher Weg zu den Themen zu sein, über die ich
       schreiben möchte“, dann nimmt Anne Carson vielleicht genau diese
       Umständlichkeit in ihren Texten in Kauf. Denn wie lässt es sich direkter
       von Macht und Ohnmacht des Schriftstellers sprechen als über den Umweg zur
       Entstehung der Welt?
       
       Als Altphilologin übersetzt Carson viel, muss den alten Griechen ein
       Englisch in den Mund legen, das später Bekanntschaft machte mit Konzepten
       wie Elektrizität oder Quantenmechanik, während Altgriechisch auf ewig dem
       Damals verhaftet bleibt. Irgendwo ist Carson stets Übersetzerin geblieben,
       ist es doch das, was sie auch in ihren lyrischen Texten in Angriff nimmt:
       Gedanken in Fragen zu übersetzen, in Analogien, in Farben, um schließlich
       bei Materialien anzukommen, deren Festigkeit und Dichte sich weiter
       wandelt. Die Sprache Anne Carsons jedenfalls ist zweifellos aus einem
       anderen Holz geschnitzt, als man es normalerweise in der zeitgenössischen
       Literatur vorgelegt bekommt.
       
       25 May 2026
       
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