# taz.de -- Was Autor:innen inspiriert: Schreibende sind auch nur Lesende
       
       > In der Berliner Veranstaltungsreihe „Vorgemerkt.“ stellen Autor:innen
       > Werke aus dem Bibliotheksbestand vor, die bei ihnen Eindruck hinterlassen
       > haben.
       
 (IMG) Bild: Wer schreibt, liest
       
       Jugendliche mit Capri-Sonne und aufgeschlagenen Lernbüchern sitzen vor dem
       Pop-up-Haus der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin. Drinnen arbeiten andere
       Besucher*innen noch an ihren Laptops. Kurz vor 18.30 Uhr füllt sich der
       Saal, Stühle werden hereingetragen, die Stimmung ist lebhaft. Autor*in
       Hengameh Yaghoobifarah ist an diesem Abend zu Gast in der AGB bei der
       Veranstaltungsreihe „Vorgemerkt.“
       
       Dass „Ray of Light“, Madonnas Album aus dem Jahr 1998, oft im Hintergrund
       lief, während Yaghoobifarah [1][den Roman „Schwindel“] schrieb, erfährt das
       Publikum da als Erstes. Auch, dass Yaghoobifarah in der Pubertät einen
       Crush auf die Popikone hatte.
       
       Mitgebracht hat Yaghoobifarah außerdem den Film „Alles wird gut“, der 1998
       in der ARD gelaufen sei, damals eine der wenigen Geschichten über queere
       Schwarze Menschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und [2][Anne
       Carsons] Buch „If Not, Winter: Fragments of Sappho“. Kein Lateinlehrer wie
       bei Carson, sondern die Manga-Heldin Sailor Moon habe Yaghoobifarah zum
       Schreiben gebracht, von der kanadischen Autorin habe Yaghoobifarah jedoch
       gelernt: „Starte in der Mitte.“
       
       Es ist die zweite Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Vorgemerkt.“ in der
       Amerika-Gedenkbibliothek, bei der Autor*innen eingeladen sind,
       Lieblingsbücher und Medien aus dem Bestand der Zentral- und
       Landesbibliothek Berlin vorzustellen und mit Autor*in und
       Moderator*in Luca Mael Milsch über Literatur, Inspirationen, ihre
       Arbeit und ihre aktuellen Veröffentlichungen zu sprechen. Zu den nächsten
       Gästen gehören Sharon Dodua Otoo, [3][Heike Geißler] und Mohamed Amjahid.
       
       „Was lesen diejenigen, die von uns gelesen werden?“ – diese Frage brachte
       Milsch auf die Idee für „Vorgemerkt.“. Milschs Vision: mit Autor*innen
       durch die Regale einer Bibliothek zu gehen und nach den Büchern zu greifen,
       die sie geprägt haben.
       
       „So romantisch ist das nicht. Aber fast“, sagt Milsch und lacht. Fünf
       Medien aus dem Bibliotheksbestand wählen die Autor*innen aus. Bücher
       können das sein, DVDs, Musik-CDs, Spiele, Gegenstände aus der „Bibliothek
       der Dinge“ und sogar Kunstwerke aus der Artothek. Die Gäste erzählen
       außerdem – aus Instagram und live – von ihrer Beziehung zu Bibliotheken.
       
       ## Orte der Begegnung und des Austauschs
       
       Bibliotheken seien antikapitalistische Orte, betont Milsch: „Sie sind für
       alle zugänglich und bieten Raum für Begegnung und Austausch.“ Viele
       Autor*innen hätten dort erst ihre Leidenschaft für Literatur entdeckt.
       So zum Beispiel die im Ruhrgebiet geborene Schriftstellerin Lena Schätte,
       die mit ihrem Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ 2025 auf der
       Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Für „Vorgemerkt.“ ist Schätte
       Mitte Mai aus Erfurt angereist, wo sie derzeit Stadtschreiberin ist.
       
       „Bei mir zu Hause waren Bücher nur etwas für den Urlaub“, erzählt sie.
       „Aber ich habe Kassetten, Filme und Theater geliebt.“ Als sie dann mit 15
       eine Adaptation von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ im Theater gesehen
       habe, sei für sie klar gewesen: „Ich möchte auch so was schreiben.“
       
       Bergmans Film hat Schätte für den Abend nicht ausgeliehen. Dafür bringt sie
       andere Titel mit. Einer davon ist Aglaja Veteranyis Roman „Warum das Kind
       in der Polenta kocht“, die Geschichte eines Zirkusmädchens, das aus
       Rumänien fliehen muss. Das Buch habe Schätte im ersten Jahr ihres Studiums
       am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aus ihrer Langeweile befreit: „Es
       hat mir die Freude am Lesen zurückgegeben und hat mir gezeigt, wie man
       autofiktionale Geschichten schreibt.“
       
       Auch zwei Bücher von [4][Hape Kerkeling] stellt Lena Schätte an diesem
       Abend vor. „Wie ein gutes Fangirl bin ich den Jakobsweg genau wie er
       gegangen“, erzählt sie.
       
       Bei Schätte wie auch bei Hengameh Yaghoobifarah macht sich das Publikum
       Notizen, googelt die erwähnten Werke, fotografiert sie. „Anders als bei
       einer klassischen Lesung kommen sich hier Autor*innen und Leserinnen
       sehr nah“, sagt Luca Mael Milsch. Es sei eine intimere Runde, fast wie ein
       Gespräch unter Freund*innen, aus dem man mit neuen Tipps nach Hause gehe.
       
       4 Jun 2026
       
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