# taz.de -- Eröffnung des Jungen Hauses für Poesie: Häuser für Liebeskummer
> Auf der Wiese vor dem Silent Green in Berlin kann man mit Poesie auf den
> Ohren verweilen. Es ist eine Reise durch Sprachen, Orte und Erfahrungen.
(IMG) Bild: Abhängen und der Poesie lauschen
Die Stimmung ist ausgelassen, als die erste Runde mit fünf
deutschsprachigen Poet:innen den Nachmittag eröffnet. Als Erster spricht
Helwig Brunner über Kinder, die den Ferienbeginn herbeisehnen, über Wunder,
die nun geschehen könnten, über Gedichte, die sich mit einem feuchten
Lappen wegwischen lassen, über Jahre, die sich zusammenschieben wie
Sardinen in der Dose, und über Wege, die an Gebirgen aus Lilien und weißen
Rosen vorbeiführen.
Die Lesung ist Teil des sechswöchigen Festprogramms zur [1][Eröffnung des
Jungen Hauses für Poesie], das von Anfang Mai bis Mitte Juni stattfindet.
Unter der Moderation von Lea Schneider und Ricardo Domeneck entsteht
während der Lesungen ein Format, das poetische Vielfalt oft mit politischer
Auseinandersetzung vereint. Mit Kopfhörern lauscht das Publikum sitzend
oder liegend, nah oder fern der Bühne, den Lesungen in verschiedenen
Sprachen von Deutsch über Farsi bis Arabisch. Literarische Geheimtipps bis
hin zu etablierten, preisgekrönten Dichter:innen treten auf.
Längst experimentiert die [2][Poesie] mit Theater, Tanz oder Musik. Sophia
Barthelmes integriert Letzteres gelungen in ihre Darbietung: Ihr Gedicht
wird stellenweise von Musik begleitet, während sie von sehr Alltäglichem
wie Socken und Pullovern, aber auch von Einsamkeit erzählt.
Während Vögel zwitschern und die Zuhörenden vor der prallen Sonne in den
Schatten ausweichen, setzt der Moderator Brian David Crawford die Lesung
englischsprachiger Texte fort. Tracy Fuad erzählt, dass sie gerne Gedichte
in der Sonne grillend auf dem Tempelhofer Feld schreibt. Eines davon
handelt von einer Geburt in einem brutalistischen Gebäude in Berlin.
## Texte auf Farsi
In der dritten Runde hält das Politische nun deutlich Einzug in die Poesie.
Dichter:innen lesen ihre Texte auf Farsi, die anschließend auf der Bühne
ins Deutsche übersetzt werden. Schon der Klang der Sprache entfaltet eine
Wirkung, die auch ohne inhaltliches Verstehen berührt.
Eine von ihnen ist [3][Atefe Asadi]. Nach ihrer politischen Festnahme
verließ sie Iran. In ihren Texten geht es so auch um Sehnsucht und Exil.
Letzteres beschreibt sie eindrücklich als eine Bibliothek in Teheran, die
nicht in einen Rucksack passt. Mahtab Yaghma, ebenfalls aus Iran,
verarbeitet in ihren Gedichten, die von klassischer persischer Dichtung
inspiriert sind, die Erfahrung von Verlust und politischer Unterdrückung.
Ein Beispiel ist das Motiv des Vogels der Trauer, der dorthin fliegt, wohin
er getragen wird.
Als Nächstes reist das Publikum gedanklich nach Afghanistan. Hadia Armaghan
liest von Frauen, die sich weigern, ein Leichentuch zu tragen. Wenn sie
berührt werden, beginnen die Berge zu atmen. Der Kuss des lyrischen Ichs
schmeckt bei Armaghan nach nasser Erde aus der Heimat. Auch hier wird
einmal mehr deutlich, wie schön und schmerzlich die gezeichneten Bilder
zugleich sein können.
Qazal Tabaneh aus Iran wiederum entwirft eine poetische Kartografie
verlorener Weiblichkeit und setzt der politischen Gewalt fragile, zugleich
widerständige Bilder entgegen. So erzählt sie, dass sie in den Boden ihrer
Angst Koriander pflanzt, um sich gegen die Zerstörung zu wehren.
Gefühlt parallel zur zunehmenden inhaltlichen Schwere wandelt sich auch die
Stimmung: Aufziehende Wolken nehmen der sommerlichen Leichtigkeit ihre
Unbeschwertheit. Eine kurze Sequenz [4][deutschsprachiger Lyrik] wirkt im
Vergleich zur vorangegangenen politisch geprägten Dichtung eher leise,
bevor der Abend schließlich mit arabischsprachigen Gedichten ausklingt. Zu
den letzten, die sprechen, gehört die kurdisch-syrische Dichterin Widad
Nabi. Sinnbildlich für die starken sprachlichen Bilder des Nachmittags
schreibt sie über Vögel, die Stacheldraht fotografieren, und über für
Freund:innen gebaute Häuser mit Zimmern für Liebeskummer und lange
Nächte.
So wird der Tag zu einer Reise durch Sprachen, Orte und Erfahrungen,
während man in all der Zeit nie seine Sommerliege verlassen musste.
8 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.hausfuerpoesie.org/de/junges-haus-fuer-poesie/programm
(DIR) [2] /Anne-Carson-in-Berlin/!6181729
(DIR) [3] /Exil-ist-eine-Bibliothek-in-Teheran/!6027014
(DIR) [4] /Gedichte-von-Henning-Ahrens/!6179704
## AUTOREN
(DIR) Rahel Bueb
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