# taz.de -- Neues Buch von Maggie Nelson: Choose your battles
> Die Schriftstellerin Maggie Nelson widmet sich in ihrem neuen Buch „The
> Slicks“ dem Popstar Taylor Swift und der Dichterin Sylvia Plath. Warum
> bloß?
(IMG) Bild: Was haben Sylvia Plath und Taylor Swift gemein? Autorin Maggie Nelson
Was haben Sylvia Plath und Taylor Swift gemein? Während Erstere virtuose
Lyrik (und einen Roman) verfasste, veröffentlicht die andere eingängige
Popsongs. Hatte Plath zeitlebens wenig Geld, so besitzt Swift obszön viel
davon. Sylvia Plath einen tortured poet zu nennen, der durch Selbstmord aus
dem Leben schied, ist sicher nicht ganz verkehrt, während Swift sich
weiterhin bester Gesundheit erfreut.
Kurzum: Viel teilen die beiden auf den ersten Blick nicht, bis auf das
Geschlecht natürlich. Dem großen, alle Unterschiede nivellierenden Genus
des Femininums unterstellt ihre Überlegungen auch [1][Maggie Nelson,] die
den beiden Künstlerinnen mit „The Slicks“ eine eigene schmale Abhandlung
widmet.
Dabei fokussiert sich die US-amerikanische Schriftstellerin auf die
Rezeption, die zuvorderst männliche Kritik an Swift und Plath. Nelson führt
die antike Tugend der Sophrosyne ins Feld, die mit Mäßigung, Enthaltsamkeit
und Selbstbeherrschung umschrieben wird und somit im krassen Gegensatz zur
Überfülle, der überbordenden Schaffenskraft steht, die Plath wie Swift
insbesondere unter ökonomischen Gesichtspunkten selbstredend zugestanden
werden kann.
Dass Frauen Ehrgeiz schlecht zu Gesicht steht, ist beinahe eine Binse.
Nelson zufolge ist es jedoch vor allem Plaths wie Swifts Bearbeitung des
Persönlichen als „politisch, ästhetisch und ethisch verdorbener Quelle von
Kunst“, die ihr Werk als Ganzes abwerte. Zu hören war der Vorwurf, „ihre
Verletzlichkeit sei unecht oder nur eine manipulative Marketingstrategie“.
Die Verhöhnung des Persönlichen in der Kunst tauche dabei seit Jahrzehnten
in immer neuem Gewand auf. Heute, so Nelson, habe die Klage auch mit der
Omnipräsenz des Präfixes auto- zu tun.
## Vertreterin der Autotheorie
Maggie Nelson weiß, wovon sie spricht, verknüpft sie als prominente
Vertreterin der sogenannten Autotheorie doch seit über 20 Jahren in ihren
Büchern auf normalerweise äußerst anregende Weise eigenes Erleben mit
Theorie, setzt denken und leben innovativ in eins. In „Die Argonauten“,
ihrem bekanntesten Werk, schreibt sie über die Transition ihres
Lebensgefährten und darüber, den Versuch, ein freies Leben zu leben, ernst
zu nehmen.
Dabei gilt weiterhin, was Monique Wittig in den 1980ern über das „straighte
Denken“ festhielt: dass nämlich Texte von Minoritätenautor:innen –
und Minoritäten sind Frauen im realen Machtgefüge weiterhin –, so sie darin
Minoritätenperspektiven einnehmen, Gefahr laufen, „dass das Thema als
formales Element“ die Bedeutung des Texts als Kunstwerk übersteigert. Womit
wir wieder bei der weiblichen Verletzlichkeit wären. Doch: Welche Bedeutung
wird im Falle Swifts überhaupt überschattet? Die der generischen Popsongs?
Des gigantischen PR-Apparats dahinter?
„The Slicks“ ist ein Ärgernis. Es fügt der extensiv in internationalen wie
deutschen Medien geführten Debatte über das Leben und Wirken der Persona
Taylor Swift, wie übrigens auch der über Sylvia Plath, nichts Neues hinzu.
Heather Clark schreibt in ihrer monumentalen, leider noch nicht übersetzten
Biografie der Dichterin, „Red Comet“ von 2020, wie Plath regelrecht zum
Marker geworden ist. Liest eine junge Frau oder ein Mädchen in einem Roman
oder Film Bücher von Sylvia Plath, so könne man sicher sein, dass sie
später Ärger machen wird, so Clark. Taylor Swift taugt indes kaum zur
Distinktion, denn dass Teenagermädchen die Musik der erfolgreichsten
Musikerin unserer Zeit hören, ist ähnlich wahrscheinlich wie, dass sie
morgens Cornflakes frühstücken: sehr.
## Der Zugang zum Selbst ist ein angenommener
„The Slicks“ lässt überdies den typischen Maggie-Nelson-Sound vermissen.
Zwar gibt es einige theoretische Einsprengsel, doch der Zugang zum Selbst,
zum eigenen Leben, der sonst Nelsons Poetologie eingeschrieben ist, ist
hier eher ein angenommener, um nicht zu sagen offensichtlicher: Nelsons
Sohn ist mittlerweile im Teenageralter, und Sylvia Plath war Sujet ihrer
Bachelorarbeit.
Überhaupt: In welche Debatte klinkt sich Nelson hier ein? Natürlich kann
und sollte man kritisieren, [2][dass über Frauen härter geurteilt wird als
über Männer, das gilt für Megastars genauso wie für Diktatorinnen.] Aber:
„Choose your battles“, sang schon Swifts Kollegin Katy Perry. Die Frage,
warum es die milliardenschwere, weiße Popprinzessin sein muss, der vor
allem Sympathie und Beachtung in Buchform entgegengebracht wird, muss man
sich dann halt trotzdem gefallen lassen. Vor allem, wenn man in ebendiesem
Buch ausdrücklich seine Sorgen über das Versagen der Linken kundtut, sich
angemessen zu kollektivieren.
25 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
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