# taz.de -- Deutschkurdisches Buch „Wut und Wärme“: Wut, Mut, Rebellion und Fürsorge
> „Wut und Wärme“ wirft einen Blick auf die deutsche Realität. Dieser
> nähern sich die deutschkurdischen Tekkal-Schwestern aus ungewöhnlicher
> Perspektive.
(IMG) Bild: Tuna, Tuğba, Düzen, Tülin und Tezcan Tekkal erzählen anhand ihrer Geschichte, wie Miteinander gelingen kann
Es ist kein einfaches Buch, das die deutschkurdische Journalistin Düzen
Tekkal und ihre vier Schwestern geschrieben haben. Aus mehreren Gründen:
„Wut und Wärme“ wirft, jenseits der familiären Geschichte der fünf
Schwestern, einen teils schonungslosen Blick auf das Aufwachsen unter
ärmeren Verhältnissen in einem migrantischen Umfeld in Deutschland. Und auf
die Arbeit als Menschenrechtsaktivistinnen.
„Wut und Wärme“ richtet den Scheinwerfer auf die kleinen Heucheleien – in
der Politik, in den Medien –, auf die unsichtbare, strukturelle
Mikrogewalt, auf Vorurteile und Rassismus. Auf eine Überforderung von
Institutionen und Gesellschaft, die man überwunden geglaubt hätte. Es sind
teils unbequeme Wahrheiten. Doch nicht der Polemik zuliebe werden sie hier
formuliert.
„Eigentlich ist es eine Liebeserklärung an Deutschland“, sagt Tekkal im
Gespräch mit der taz. Das bedeute indes nicht, dass man das Land verschone.
„Es geht darum, den Spiegel hinzuhalten. Weil es sich lohnt, für dieses
Land einzustehen.“
## Ambitioniertes Buch
Es ist ein ambitioniertes Buch. Düzen Tekkal und ihre Schwestern Tezcan,
Tuğba, Tülin und Tuna erzählen anhand ihrer eigenen Geschichte, wie ein
Miteinander verschiedener Menschen mit unterschiedlichen Neigungen und
Bedürfnissen gelingen kann. Dafür nennen sie zehn wichtige Punkte, unter
ihnen Wut, Mut, Rebellion, Fürsorge. Man könnte es als Manifest betrachten,
als schrille Anleitung für die Landesführung – hier lacht Tekkal – oder als
Rezept für ein inklusives gesellschaftliches Modell.
Sie wollten ihre Erfahrungen der letzten zehn Jahre zusammenfassen und
sagen, was ihnen wichtig ist: Geschichten erzählen – von Migrantinnen aus
religiösen Minderheiten, die in der deutschen Literatur unterrepräsentiert
sind. „Wir sind nicht aufgewachsen wie Nina und Melanie“, erklärt Düzen
Tekkal.
Sie ist in Hannover geboren und mit zehn Geschwistern in einer
Vierzimmerwohnung aufgewachsen. Ihre kurdischen Eltern kamen in den 1970er
Jahren aus dem Südosten der Türkei nach Deutschland, die Mutter kann bis
heute weder lesen noch schreiben. „Eigentlich sind wir so laut, weil unsere
Eltern so leise sein mussten“, sagt die Journalistin.
## HÁWAR.help wurde von den Schwestern gegründet
Die Familie gehört dem Jesidentum an, einer Religion, die erst seit dem
Überfall der Terrorgruppe IS auf Sindschar im jesidischen Siedlungsgebiet
im Nordirak im Jahr 2014 dem breiten Publikum bekannt ist. Sie selbst hat
damals als Journalistin dazu recherchiert und darauf mit ihren Schwestern
einen Verein gegründet, HÁWAR.help.
Er kümmert sich um die Opfer religiös-extremistischer Gewalt, etwa um vom
IS entführte Jesidinnen. Auch darüber sprechen die Tekkal-Schwestern im
Buch. Über Frauenhäuser im Irak, [1][Besuche im berüchtigten
Al-Hol-Flüchtlingslager in Syrien, in dessen staubigen Gassen sie noch
versklavte Jesidinnen vermuten], die noch heute zu viel Angst hätten, als
dass sie sich von ihren Peinigern befreien könnten. Mehr als 2.000 Frauen
werden noch vermisst.
Tekkal spricht darüber und über die Frage, wie schwierig die Arbeit des
Vereins geworden sei. Es sei keine einfache Zeit: NGOs würden dämonisiert,
Projekte eingestellt, sagt sie. HÁWAR.help ist auch an deutschen Schulen
gegen Extremismus aktiv. „Wir wollen weniger Schulterklopfen und mehr
Projektzusagen“, sagt Tekkal, denn der Verein, der etliche Auszeichnungen
erhalten hat, musste jüngst die Zahl der Mitarbeiter*innen von 70 auf
55 reduzieren und eine gemietete Etage aufgeben.
## Rechtsruck in der Politik
Schuld daran sei zum einen global Gegenwind, der sich gegen humanitäre
Hilfe richte, aber auch ein gewisser Rechtsruck in der deutschen Politik.
Tekkal nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beklagt, humanitäre Visa aus Iran
zu organisieren, sei heute unmöglich geworden, während die Bundesregierung
Jesiden ins Genozidgebiet zurückschicke, eine „Täter-Opfer-Umkehr“, wie sie
sagt.
Das Innenministerium verhandelt über Rückführungen von Afghanen mit den
repressiven Taliban – die übrigens inzwischen für das afghanische
Generalkonsulat in Bonn Praktikant*innen suchen, was in Deutschland
lebende Afghan*innen beunruhigt. Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt
Syriens neuen Präsidenten Ahmed al-Scharaa, während eine deutsche
Journalistin aus unklaren Gründen in Aleppo im Gefängnis sitzt.
Auf die Frage, ob es etwas gebe, das sie am Bundeskanzler gut finde, muss
Tekkal schmunzeln. „Geile Frage.“ Sie sei dankbar dafür, in einem Land zu
leben, in dem sie Merz scharf kritisieren und trotzdem Teil der
Regierungskonferenz sein könne, wenn al-Scharaa komme: „Das ist der
Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur.“ Dennoch empfinde sie die
aktuelle Regierung als „sehr kalt gegenüber zivilgesellschaftlichen
Akteur*innen“.
## Minderheiten spüren Gefahren als Erste
Minderheiten seien wie die Kanarienvögel in der Kohlemine, schreiben die
Autorinnen im Buch. Sie spürten die Gefahren in der Gesellschaft als Erste.
D[2][ie Tekkal-Schwestern, die sich nicht nur für Menschenrechte
engagieren, sondern auch in der Sport- und Musikbranche unterwegs sind],
müssen Kritik und sogar Morddrohungen wegstecken.
Meist kämen diese von Extremist*innen, Rassist*innen, Islamist*innen, sagt
Tekkal. Inzwischen bringe sie alle zur Anzeige: weil sie ein Zeichen setzen
will, dass das „kein Berufsrisiko ist, das wir uns gefallen lassen müssen“.
Auf die Frage, ob das was gebracht habe, antwortet sie, dass es leider viel
zu wenig sei. Kritik bekommt die Autorin auch in zivilisierter Form, oft
heißt es etwa, sie habe ein Problem mit dem Islam. Das sei ein
Totschlagargument, sagt Tekkal. Sie differenziere sehr wohl zwischen Islam
und Islamismus.
Es sind viele Themen, die „Wut und Wärme“ berührt. Mal aus nächster Nähe,
mal aus einer gewissen Distanz. Das Buch, das Tekkal und ihre Schwestern
geschrieben haben, ist manchmal wie eine Reise ins Ungewisse. Manchmal ist
beim Lesen unklar, wohin sie damit steuern wollen. Soll das ein Aufruf, ein
Manifest sein, eine familiäre Geschichte der Migration oder eine Chronik
des Massakers an den Jesid*innen, Lagebericht und Investigation zugleich?
Vielleicht ist es alles zusammen, und vielleicht ist das am Ende auch nicht
so wichtig.
## Manchmal vereinfachte Version der Realität
Der oder die Leser*in mag sich teilweise zwischen Vergangenheit und
Gegenwart verlieren, zwischen den Erinnerungen an die Küche in
Hannover-Linden, aus der der Duft von Makkaroni mit Tomatensoße strömt, und
an die Gruppe von Kindern, die über den Zaun des Freibads klettern;
zwischen den Klagen über das Leid aus den Zelten in türkischen
Flüchtlingslagern, die Situation im syrischen Flüchtlingslager al-Hol und
die politisch-gesellschaftlichen Lage Deutschlands. So können Fragen
unbeantwortet bleiben, und es besteht das Risiko, eine vereinfachte Version
der Realität zu vermitteln.
Ausführlich wird die Rolle der verschiedenen Schwestern in Familie und
Verein beschrieben, fast mit ein wenig zu viel Selbstlob kommen einem
einige Passagen vor. Das sei aber angesichts der wichtigen Arbeit, die die
Tekkal-Schwestern im Bereich der Menschenrechte leisten, gestattet.
Indes gibt es im Buch mehrere Aha-Momente, die Resonanz beim Lesen
hervorrufen: wenn etwa „Übergriffigkeit, als Fürsorge getarnt“, beschrieben
wird, die in familiären Umfeldern entsteht, wenn ungefragt Ratschläge
erteilt werden, wenn vom Mut die Rede ist, der aus der Wut wächst, vom
Diskurs über „gute Migranten, schlechte Migranten“ oder vom Hass, der aus
Einsamkeit entstehen kann.
Die Leser*innen werden vermutlich mal nicken und mal seufzen. Was
bleibt, ist ein Ausblick wie aus einem Fenster auf eine stark befahrene
Straße, auf eine Welt, die vielen Deutschen sicherlich fremd ist.
16 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Serena Bilanceri
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