# taz.de -- Festival Tanztriennale in Hamburg: Sie tanzen auch bei Regen
> Straßenparade, ein Einhorn-Solo und viele Möglichkeitsräume: Hamburgs
> erste Tanztriennale feiert die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes.
(IMG) Bild: Sehr straßentauglich: CLAP & SLAP von Agniete Igor
Am Straßenrand verkauft ein Coffee-Bike-Besitzer Heißgetränke zu
Höchstpreisen, daneben reihen sich Verkehrshütchen, markieren rot-weiße
Gitter aktuelle Fahrbahnsperrungen. Am Straßenrand macht ein kleiner Junge
stolz ein paar Hip-Hop-Moves, springt ein Passant über eine Regenpfütze,
brummt der Motor eines Polizeimotorrads im Rhythmus der Beats, die aus den
Aktivboxen wummern.
Am Straßenrand stehen trotz viel zu kühler Sommertemperaturen Hunderte
fröhlicher Menschen. Und schon nach kürzester Zeit haben fast alle ihre
Knie gelockert und einen leichten, tänzerischen Gang. Denn durch die
beschaulichen Straßen von Hamburg-Barmbek zieht gerade eine bunte, tanzende
Parade. Sie bewegt sich vom Museum der Arbeit bis zum Stadtpark, schlängelt
sich über Kreuzungen und Kreisverkehre, tanzt über rote Ampeln und
Zebrastreifen. Gefolgt und begleitet von einer Menge begeisterter
Zuschauer*innen.
Die „City Parade“ hat mit über 500 Tänzer*innen aus mehr als 30
beteiligten Gruppen ein so lokales wie opulentes Line-up. Es reicht von der
Contemporary Dance School Hamburg bis zu den Rolling Good Times, vom
Hamburg Ballett bis zur HipHop Academy, von ansässigen mexikanischen,
indischen und finnischen Tanzgruppen bis hin zu den futuristisch
kostümierten „Las Divas“. Menschen tanzen in T-Shirts und Leggins oder weit
schwingenden Röcken.
Es fliegen Papierfische durch die Luft, rhythmisch rollen Inliner und
Rollstühle über den Asphalt. Unweigerlich muss man an den Berliner Karneval
der Kulturen denken, wenn unter dem Motto „Brave Moves. Courageous Joy“ –
auf der Website hieß es: „Wir tanzen auch bei Regen!“ – mit einer Menge
guter Energie und Musik diese Parade den öffentlichen Stadtraum in eine
Bühne verwandelt. Zumindest temporär. Fast wie nebenbei zeigt die City
Parade, wie vielfältig Tanz ist und eröffnet denkbar gut gelaunt Hamburgs
erste Tanztriennale.
## Wie eine versöhnliche Geste
Die Tanzkuratorin Gwen Hsin-Yi Chang und die Dramaturgin Monica Gillette
sind die künstlerischen Leiterinnen dieser ersten Ausgabe. Entstanden ist
die Veranstaltung auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes; in der
Praxis materialisiert sie sich als ein Zusammenschluss des Hamburg
Ballett/Hamburgische Staatsoper GmbH, Kampnagel und K3 – Zentrum für
Choreographie/Tanzplan Hamburg.
Die Tanztriennale könnte wie eine versöhnliche Geste für die hiesige Tanz-
und vor allem Ballettszene der Stadt wirken, denkt man an das Debakel um
Dennis Volpi, der John Neumeier als Chef des Hamburger Balletts spektakulär
erfolglos nachfolgte. Nach massiven Vorwürfen gegenüber Volpis
Führungsstil, ein paar Rücktritten und zahlreichen Gerüchten wurde Volpis
kurze Intendanz vor ziemlich genau einem Jahr wieder beendet. Doch die
Planung für die Tanztriennale reicht viel weiter zurück: erste Gespräche
mit Vertreter*innen der Tanzszene führte die Kulturstiftung des Bundes
bereits 2023.
Die im Programm angekündigten Vertreter*innen der Hamburger freien
Tanzszene muss man in dem üppigen, eher international ausgerichteten
Programm ein wenig suchen. Aber man findet sie: Da ist etwa der Auftritt
der von Patricia Carolin Mai gegründeten MAI:COMPANY, die den fulminanten
Open-Air-Abschluss jener City Parade bildet, oder die Performance
„Polipolis“, ein nachdenklicher, choreografierter Audiowalk, in dem Regina
Rossi die vom Konsum dominierte Mönckebergstraße zum utopischen Erlebnis-,
Kunst- und Gemeinschaftsraum werden lässt. Und auch im Rahmenprogramm, etwa
in den als „Moving Meetings“ angekündigten Austauschformaten oder den
zahlreichen Foren für Fachpublikum, die den Austausch zwischen den
unterschiedlichen Communitys fördern wollen. Für fachfremdes Publikum will
die Tanztriennale ebenfalls Räume öffnen, mit kostenlosen Workshops und
offenen Bewegungsformaten.
Bis zum 21. Juni soll Hamburg zum [1][„Hot Spot“ des Tanzes] werden, so
verspricht es die Website. Mit mehr als 40 Veranstaltungen auf
Theaterbühnen, in Museen, auf der Skaterbahn und im öffentlichen Raum. Dass
Mark Sealy, Kurator der in Hamburg Anfang Juni eröffneten 9. Triennale der
Fotografie, die Hansestadt zeitgleich zu einem Hotspot der Fotografie
machen will, stört die beiden Tanzkuratorinnen nicht. Im Gegenteil: Sie
sind „begeistert von der Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit der
[2][Phototriennale]“. Schließlich sei auch die City Parade als „Moment des
‚Weitergebens des Staffelstabs‘“ als Verbindung zwischen den beiden
Triennalen gedacht.
## Speziell für nicht theatrale Räume gebaut
Mit fröhlich-freundlichen Grußworten trat die Museumsdirektorin Prof. Dr.
Rita Müller zur Eröffnung auf, doch weitere Bezüge zu der im Museum der
Arbeit im Rahmen der Phototriennale gezeigten Ausstellung der
Dokumentarfotografin Franki Raffles ließen sich nicht finden. Es bleibt
abzuwarten, ob Chiara Bersanis mehrfach ausgezeichnetes [3][Solo „Seeking
Unicorns“] in der Kunsthalle, das ebenfalls als Kooperation der beiden
Triennalen angekündigt wird, das vollmundig wirkende Vorhaben der
Kuratorinnen einlöst.
Immerhin handelt es sich bei „Seeking Unicorns“ um ein Stück, das speziell
für nicht theatrale Räume konzipiert ist, für „Räume, deren Licht und
Geschichte danach verlangen, betreten und genutzt zu werden.“ Unabhängig
davon aber ist Bersani eine herausragende Künstlerin, auf deren klugen und
überraschenden Körperdiskurs man sich freuen kann.
Auch mit „Unearth“ gelingt den beiden Kuratorinnen eine starke ästhetische
Setzung. In der Performance des schwedischen Ausnahmechoreografen Jefta van
Dinther singen und bewegen sich zehn Tänzer*innen in intensiven,
repetitiven Klang- und Bewegungsschleifen und erschaffen damit eine
beunruhigende und gleichermaßen meditative Atmosphäre.
Schon bald entsteht eine irritierend soghafte Performance, die sich
traumwandlerisch zwischen sakral wirkenden Gesängen und existenziellen,
zwischenmenschlichen Aushandlungen bewegt. Wie zum Ausgleich zu diesen
beiden eigenwilligen Performances und auch der multimedialen Arbeit „Rama
House“ des thailändischen Tänzers und Choreografen Pichet Klunchun, stehen
demgegenüber das Tanzikonen-feiernde Gastspiel „Triple Bill“ des CCN –
Ballet de Lorraine und die Balletturaufführung „Wunderland“ von Alexei
Ratmansky: klassisches Ballett zu Lewis Carrolls Klassiker.
Diese unübersehbare Vielfalt ist Teil des Konzepts: „Unsere Vision für die
Tanztriennale betont Tanz in all seinen Facetten“, beschreiben Chang und
Gillette ihren kuratorischen Ansatz und fügen hinzu: „Tanz kann begeistern,
beruhigen, provozieren, inspirieren, zusammenbringen, zum Nachdenken
anregen oder heilen.“ Auch wenn diese vielen Möglichkeitsräume ein wenig
prätentiös daherkommen und sich vermutlich nur manche davon einlösen
werden: Ein – inhaltlicher, körperlicher und ästhetischer – Gewinn für
Hamburg ist die Tanztriennale allemal.
18 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Ullmann
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