# taz.de -- Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg: Sanfte Schwünge kommen aus der Hüfte
       
       > „Hope!“ ist das Motto des Sommerfestivals am Hamburger Kampnagel. Ein
       > Parforce-Ritt durch Tanz, Performance, Konzert und Debatte soll die Sinne
       > anregen.
       
 (IMG) Bild: Szenenbild aus Ayelen Parolins „Irresistible Revolution“
       
       Hoffnung ist im Gegensatz zu naivem Optimismus eine innere Bewegtheit, die
       hinausführen will aus der beängstigenden Wirklichkeit. Raus aus den
       multikrisenhaften Bedrohungen. Auch wenn sich ein solcher Ausweg nicht
       öffnet, niemand ihn aufzeigt und zudem an einen erlösenden Deus ex machina
       nicht zu glauben ist, rumort die Hoffnungsenergie tatenlos weiter.
       
       Wie Kunst sie freisetzen kann, will das diesjährige Sommerfestival auf
       Kampnagel zeigen, dem Produktionshaus der freien darstellenden Künste in
       den ehemaligen Kranfabrikhallen von „Nagel & Kaemp“ in Hamburg-Winterhude.
       „hope!“ hat sich [1][der seit 2013 amtierende künstlerische Leiter András
       Siebold als Motto ausgedacht] und das Ausrufezeichen ganz im Sinne von
       Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ als Aufforderung zum Handeln gesetzt:
       
       Hoffnung soll das Publikum als fundamentale Kraft für aktives Einstehen für
       eine bessere Welt erleben. Ideal passt dazu die Festivaleröffnung mit
       Ayelen Parolins Choreografie „Irresistible Revolution“.
       
       ## Händchen halten, Melodien summen
       
       Händchen haltend, eine Melodie summend schleicht das 24-beinige diverse
       Ensemble wie eine aufgeregt unsichere bis hibbelig-hilflose
       Kita-Kinder-Girlande in den leeren Bühnenraum. Die Körper sind zitternd
       aufgeregt, ihre Unruhe sucht eine Form des physischen Ausdrucks. Da
       Parolins Inspiration für diesen Abend aus dem argentinischen Karneval
       kommt, sind alle Tänzer:innen erstmal in légère Hüftschwünge,
       -drehungen, -zuckungen verstrickt, die zu Samba, Cumbia und den Murgas von
       Straßenfesten gehören, wo sich Chorgesang, Perkussion, Tanz und
       politsatirische Texte vermengen.
       
       Für die „Irresistible Revolution“ erheben sich Trommelrhythmen über eine
       sanfte Bassmelodie, erklingen immer lauter, dringlicher. Entsprechend
       mutiger entwickeln die Künstler:innen dazu aus der Hüfte heraus einen
       jeweils eigenen Bewegungskanon, präsentieren mit feiner Ironie das Ver-
       sowie Entklemmen ihrer unwiderstehlichen Antriebe.
       
       Spielmaterial dabei sind Alltagsgesten sowie Impressionen aus
       Pop-Videoclips, Selbstfindungs-Workshops und dem Kampfsport, von
       Disco-Floors wie auch traditionellen Festen. Hier und da gibt es ein Zitat
       aus der Tanzgeschichte. Nach und nach kommen Demonstrationsgebärden hinzu,
       etwa erhobene Arme und Fäuste. Dass die brodelnde Energie auch eine
       sexuelle ist, wird ebenfalls deutlich. Lasziver kommen Selbstdarstellungen
       und Anbaggerei daher, Körper schmiegen sich aneinander, verknoten und
       verknäueln sich. Finden zu Paaren, Trios, kleinen Rudeln zusammen und
       gleiten wieder auseinander.
       
       ## Wimmelbild in vitalissimo choreografiert
       
       Es entsteht ein dreidimensionales Wimmelbild, für das alle Exaltationen
       perfekt aufeinander abgestimmt und vitalissimo choreografiert sind, ein
       geordnetes Chaos, in dem alles wie spontan erfunden wirkt. Unerschöpflich
       scheint die Bewegungsfantasie. Besonders beeindruckt, wie präzise die
       Ununiformität als Fest der Gruppenbildung und der Individualität inszeniert
       ist, die eben in die Gruppe ein-, nicht in ihr aufgeht.
       
       Beim besten Willen ist die atemberaubende Tanzvielfalt auf der großen Bühne
       aus Publikumsperspektive nie im Ganzen wahrzunehmen und macht schnell klar:
       „Irresistible Revolution“ bietet Augen-, Ohren-, Euphorisierungsfreuden und
       Humor für mindesten zwei Besuche. Zum Finale gibt es dann den symbolischen
       Kick ins Politische – mit der ersten und einzigen unisono getanzten Szene,
       ein gemeinsames Hüpfen als tumultigem Ausdruck des Hoffens.
       
       Daraus entwickelt sich ein fröhlich ausgelassener Demonstrationszug sich
       auftürmender und widerständig an die Bühnenbegrenzung klopfender Körper.
       Aus schamvoll vereinzelter Hoffnung wird der freiheitslustige Aufbruch
       eines Kollektivs. Allein beim Zuschauen vermittelt dieser dynamische Flow
       des Miteinanders einen Energieschub fürs rebellische Aktivbleiben. „hope!“
       
       ## Von Odin geschlachtet
       
       Zu einem großen Festival gehören natürlich auch gegenteilige Erfahrungen –
       etwa der Verzicht auf Narration, Choreografie und Bildsprache von
       mitreißender Energie in Adam Seid Tahirs Performance „and from their hair,
       unending forest“. Dass Seid Tahir dabei den Riesen Ymir aus der nordischen
       Mythologie spielt, dessen von Odin geschlachteter Körper der Ursprung der
       Welt sei, ist dem Programmzettel zu entnehmen, auf der Bühne vermittelt
       sich das nicht.
       
       Ein stolz leidender Gesichtsausdruck mag die Aussage illustrieren, Adam
       Seid Tahir identifiziere sich als queere:r Schwarze:r Künstler:in in
       Skandinavien mit dem Außenseiter aus der Edda, künstlerisch überzeugt das
       leider nicht. Und die Musik animiert kaum zum Spiel, sondern überdröhnt ES.
       Schließlich verschwimmen Protagonist:in und Bühne im Diffusen –
       ersticken hoffnungslos in künstlichem Nebel.
       
       Sieben weitere Uraufführungen stehen auf dem Programm. Das Sommerfestival
       bietet zeitgenössischen Tanz, Performing Arts, sehr viele PopKonzerte und
       Partys, einige Diskussionen, Lesungen, Filme, Kunstinstallationen sowie
       Bewirtung im Kampnagel-Garten. Für Hoffnungen wie Menschenrechte in
       Russland wirbt ein Vortrag von Julija Nawalnaja, Witwe [2][des ermordeten
       Oppositionsführers Alexej Nawalny]. Wie sie ihre Krebserkrankungen
       überwunden haben, thematisieren Melanie Jame Wolf mit einem Comedy- und
       Jacob Jonas mit einem Tanz-Abend.
       
       Dass ein solch kunterbunter Genremix eine Zukunft haben soll, ist ebenfalls
       mit „hope!“ gemeint. Die denkmalgeschützten Kampnagel-Hallen werden ab
       September 2026 drei Jahre lang für 168 Millionen Euro saniert, technisch
       ertüchtigt und baulich erweitert. Abschied vom rohen Industriecharme feiert
       Christoph Marthaler mit „Erste letzte Sekunde – eine Gala“ zum Ausklang des
       Veranstaltungsreigens.
       
       2027 sei trotzdem ein Sommerfestival geplant, heißt es auf Kampnagel, die
       Baustelle werde Spielort, verstärkt aber auch der Hamburger Stadtraum.
       
       9 Aug 2026
       
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