# taz.de -- Festival Tanz im August: Gegen Angst und Hoffnungslosigkeit
> Es ging nach Portugal, Griechenland, Taiwan, Rumänien. Weit konnte man
> mit den Tanzstücken der ersten Woche des Festivals „Tanz im August“
> reisen.
(IMG) Bild: Wehrhaft und verletzlich zugleich: Spiel mit Gegensätzen bei Marco da Silva Ferreiras „F*cking Future“
Nah an den Bildern von Göttern und von Kämpfenden wohnt der Tanz des
[1][Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan]. Das Licht zeichnet steile Felsen
und Wasserfälle auf den Hintergrund-Prospekt und an Felsen erinnert auch
die erste Formation aus den stillen Rücken des Ensembles von 12
Tänzer:innen. Mit „Sounding Light“ präsentierten sie im Haus der Berliner
Festspiele eine der großen Produktionen, die zum Festival „Tanz im August“
nach Berlin eingeladen waren.
Mit wenigen Lauten, einem leisen Sirren, einem Klatschen der Hände oder
Stampfen der Füße kommt das Stück von Cheng Tsung-lung aus, das sich der
Versenkung in die Natur verschrieben haben will. Das Wiegen im Wind, das
Gleiten von Wellen durch den Körper, Flügelschläge und Balztänze kann man
bald auch wahrnehmen. Aber dann scheint in den Duetten doch Tanzroutine zu
walten, die Aufteilung in Soli oder Duette vorn und verhaltenes Agieren des
Ensembles im Hintergrund birgt kaum Spannung. Zu wenig entsteht aus der
Beobachtung der Anderen. Die Entdeckungsreise, zu der „Sounding Light“ erst
zart und empfindsam einlädt, bleibt am Ende doch blass, auch wenn man die
Anmut, Geschmeidigkeit und Virtuosität der Tanzenden bewundern muss.
Der Natur, beziehungsweise den Bildern des Menschen von ihr, gelten mehrere
Stücke in der diesjährigen Ausgabe des Festivals, das bis zum 29. August
läuft. Seitdem das Menschengemachte immer größere Teile von dem umgeformt
hat, was den Menschen vorausging, sind die Elemente oft Thema auf der
Bühne. Zwischen 2009 und 2012 entwickelte [2][die dänische Choreografin
Mette Ingvartsen] ihre „Artificial Nature Series“, die sich mit
Landschaften und Naturphänomen auseinandersetzte und das Romantische mit
dem Katastrophischen verschraubte.
An der Vielschichtigkeit von Ingvartsens Bildern gemessen, blieb „Sounding
Light“ unterkomplex, ebenso wie das Stück „The Choreography of Water“ von
Simona Deaconescu aus Bukarest, das auf der kleinen Bühne im HAU 3
gastierte. Das Spiel mit gläsernen Behältern, in denen das Wasser beim
Bewegen durch Röhren und in Kolben floss, fand nicht über das Dekorative
hinaus. Vielleicht, weil der Wassermangel in der Erde, in Wäldern und in
Flüssen uns diesen Sommer so sehr beschäftigt, waren die Erwartungen an das
Stück entschieden größer als seine Angebote.
## Konsumentenfreundliche 60 Minuten
Was auffiel in der ersten Festivalwoche: Alle Stücke dauerten 60 Minuten.
In diesen 60 Minuten waren immer alle Tänzer:innen auf der Bühne.
Komplexe Dramaturgien, Stücke mit wechselnden Bildern, Veränderungen im Ton
der Narration waren erst mal nicht dabei. Das 60-Minuten-Format ist
konsumentenfreundlich.
Höhepunkte gab es trotzdem: Dazu gehören zwei Stücke, die wie ein
schweißtreibender Marathon gebaut waren und mit ihrer Energie die
Zuschauenden fast so anfassten, als ob man bei einem Rave dabei wäre (für
60 Minuten). Sowohl in Chara Kotsalis „It’s the end of the amusement phase“
mit drei Tänzerinnen als auch in Marco da Silva Ferreiras „F*cking Future“
mit acht Tanzenden verschmolzen Tanz- und Bewegungs-Elemente, die aus der
Revue und dem Rave, dem Marsch und der Parade kamen. Geschichten von
Uniformität und Disziplinierung, von funktionaler Optimierung und Anpassung
haben sich in diesem Bewegungsmaterial angereichert. Aber auch in die
Richtung von Kampf und Widerstand, von lustvoller Überschreitung und
Erschöpfung, die jede nützliche Indienstnahme des Körpers außer Kraft
setzt, wiesen diese amalgamierten Bewegungsstile.
Obwohl das Stück der griechischen Choreografin Chara Kotsali mit einem
Monolog begann, der atemlos durch Phasen der Depression raste, zeichnete es
sich durch eine Ironie aus, die bis in die körperlichen Gesten
hineinreichte. Mit Fahnen, Transparenten, Cheerleader-Puscheln und im Lauf
gewechselten Kostümen wurden verschiedenen Szenen aufgerufen, historische
Momente, Hoffnungen und ihre Zerstörungen. Es war ein Parcours von Utopien
und Dystopien, durch den Kotsali mit Sofia Pouchtou und Christina Skouleta
tanzte, taumelte und rannte. Skepsis gegenüber den großen Behauptungen und
Versprechungen der Geschichte schob sich so durch die Sprache der Körper in
das Stück ein.
Der portugiesische Choreograf Marco da Silva Ferreira hatte [3][vor drei
Jahren das Festival „Tanz im August“ eröffnet]. „F*cking Future“ ist in
einen metallischen Schimmer getaucht, vom verspiegelten Boden über die
glänzenden Hosen bis zu den rückenfreien Kettenhemden. Etwas
Retrofuturismus liegt in den Kostümen, die das Wehrhafte und das
Verletzliche zugleich betonen. Der Schweiß, der auf den acht
Performer:innen glänzt, lässt die Haut schimmern. Unisono bewegen sich
die acht, rücken in engen Formationen zusammen, ziehen sich in Ketten
auseinander, bilden Felder und Linien. Etwas Martialisches und etwas
Hippieskes fließt in ihren Bewegungen ineinander, roboterähnliche Eckigkeit
und erotische Weichheit, viele Tanzstile werden zitiert und bruchlos
eingeflochten.
In die wummernde und treibende Musik schieben sich irgendwann ihre Stimmen
und singen „I don’t care what the people say“ und „We are the one you try
to kill“. Das sind Momente, die nicht wenige an den queerfeindlichen
Anschlag auf den CSD in Berlin erinnern. Der Tanz und die Verausgabung wird
da auch zu einem Bekenntnis für eine Kultur, die sich gegen fremde
Zuschreibungen und normative Körperbilder wehren muss. „F*cking Future“
lässt sich übrigens [4][auch auf Arte Concert] anschauen.
21 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Alles-ist-im-Fluss/!5498724/
(DIR) [2] /Festival-Tanz-im-August/!6028318
(DIR) [3] /Festival-Tanz-im-August-in-Berlin/!5949774
(DIR) [4] https://www.arte.tv/de/videos/128600-001-A/marco-da-silva-ferreira-f-cking-future/
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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