# taz.de -- Tanzperformances im Wiener Burgtheater: Störe meine Kreise nicht
       
       > ImPulsTanz Wien: Das Tao Dance Theater begeistert mit „feinster
       > Mathematik“ der Körper und die Choreografin Eun-Me Ahn narrt westliche
       > Blicke.
       
 (IMG) Bild: Eun-Me Ahns „Post-Orientalist Express“ verwirrt den kolonial geprägten Blick
       
       18 Tänzer:innen beschreiben den Bühnenraum im Wiener Burgtheater. In der
       Uraufführung von „18“, der jüngsten Produktion der „Numerical Series“ des
       2008 gegründeten Pekinger Tao Dance Theaters, lässt sich das fast wörtlich
       verstehen. Zur minimalistischen Komposition von Xiao He und in den Kleidern
       von Duan Ni greift die Choreografie von Tao Ye das gestische Moment
       chinesischer Kalligrafie auf. Schrift hat sich noch nicht gänzlich als Code
       vom Ursprung in den Körpern gelöst. Schwünge und Strichstärken hinterlassen
       die zeitliche Signatur des Schreibvorgangs.
       
       In zwei Neunergruppen, die voreinander changieren, sich dabei nur um einen
       Hauch nicht begegnen, vermisst das Ensemble den Raum seiner Tanzschrift. Es
       sind keine starren Formationen, beinahe schon Wolken von Körpern, die sich
       in kreisenden Bewegungen, die alle Körperachsen und Gliedmaßen erfassen,
       aufeinander einstellen. Individuen lösen sich auf in die Viskosität der
       Gruppe und immer wieder aus ihr heraus.
       
       Ihre Anziehungskraft untereinander entsteht in den Augen der Betrachtenden
       aus dem Bewegungsgesetz, das die individuellen Körper erfasst hat. Kein
       vorgängiges Bild fügt sie, endlose Rückkopplungsschleifen treiben den
       Prozess zwischen den Körpern voran. Ist Choreographie nicht mehr
       individuelles Kunstwollen, sondern die Orchestrierung der
       Selbstorganisation von Körpern als unabhängige Variablen, jene „feinste
       Mathematik“, als die das Wiener ImPulsTanz Festival die vier Arbeiten von
       Tao Dance Theater in seinem diesjährigen Programm angekündigt hat?
       
       Am Abstraktionsgrad der bisherigen Arbeiten von Tao Ye und Duan Ni, den
       Gründer:innen von Tao Dance gemessen, enthält „18“ viel
       außertänzerischen Inhalt. Das Stück nimmt Maß an einem Gedichtzyklus aus
       dem 5. Jahrhundert, der über die Begriffsfelder „Form“, „Schatten“ und
       „Geist“ räsoniert. Das ist nicht nur die Affirmation einer alten
       Hochkultur, im Tanz wird daraus eine Meditation über die Angst vor der
       Vergänglichkeit, der der Tanz die bewusste Wahrnehmung des momentanen
       Daseins entgegensetzt. Kalligraphiekundige werden überraschende
       Korrespondenzen zwischen den Gesten des Schreibens und den
       Bewegungsimpulsen der tanzenden Körper wahrnehmen, den übrigen bleibt eine
       Ensembleaufführung, die Reduktion und Repetition zu ritualhafter Intensität
       steigert.
       
       ## Abweisende Schönheit
       
       Durchgestaltet bis zum Schlussapplaus entsteht vom Publikum jubelnd
       akklamierte Schönheit, die aber auch abweisend erscheint. Vielleicht das
       letzte subversive Moment gegen die fortschreitende Tilgung von Differenz in
       der Kunst? Tao Yes Choreographie definiert sich nicht über einen
       erkennbaren Stil, eine wiederkehrende Form, vielmehr aus einem
       Formungsprinzip, dem „Circular Movement System“, das sich in den übrigen
       Stücken des Festivalprogramms in den unterschiedlichsten Ausprägungen
       realisiert.
       
       „13“ entwirft mit ebenso vielen Tänzer:innen in asymmetrisch
       geschnittenen pastellfarbenen Baumwollanzügen die komplexe Interaktion
       einer Gruppe mit dem Ausbrechen, Herausfallen, Auffangen einzelner und der
       Reorganisation des Kollektivs. „14“ zeigt Farbenpracht im gleichförmigen
       Ticken einer Uhr, „16“ setzt im Tanz der mythologischen Verheißungen die
       Bewegungsmöglichkeiten der Wirbelsäule in zirzensischer Weise frei.
       
       Darin liegt der Versuch, Choreografie nicht mehr als Zurichtung der Körper
       auf eine Idee zu betreiben, sondern als Eintrag in ihre
       Bewegungsmöglichkeiten mit Impulsen, die von Punkt zu Punkt weitergetragen
       werden. Es ist ein monistisches Modell, das im Tanz den Gegensatz von Geist
       und Leib, den Antagonismus der Geschlechter, die dem europäischen Denken im
       Unterstrom noch immer anhaften, so nicht denkt.
       
       Die chorus line erbt ihre äußerliche Disziplin vom Exerzierplatz und vom
       Fabriksystem. Hier fügen sich die Körper aus sich heraus in ein großes
       Ganzes. Für eine europäische Betrachtung, die Kunst im Erbe der Romantik
       als Angelegenheit des Individuums und im Rückgriff auf die Moderne aus
       einem Moment des Widerstands, einer Weigerung der Versöhnung mit einer
       schlechten Wirklichkeit begreift, bleibt vieles dabei offen.
       
       Tao Ye betrachtet seine Technik vor allem als Befreiung des Körpers zu
       seiner ursprünglichen Beweglichkeit. Circular Movement ist kulturell
       bedingt in den Wurzeln seines Denkens und anthropologisch ausgerichtet in
       der Erforschung des menschlichen Körpers. Der Kunst von Tao Dance hält ihre
       hermetische Form die ideologische Vereinnahmung aller Seiten vom Leibe.
       Störe meine Kreise nicht. Damit ist sie der Verweigerung des individuellen
       Ausdrucks in der Moderne von [1][Schönberg] bis Beckett überraschend
       benachbart.
       
       Die südkoreanische Choreografin Eun-Me Ahn besetzt im Programm eine
       maximalistische Gegenposition. Ihr „Post-Orientalist Express“ verwirrt den
       kolonial geprägten Blick, der den anderen zum anderen macht, in einem
       opulenten Farbenrausch. Sie fragt nicht nach unterschlagenen Identitäten,
       feiert vielmehr das Spiel mit nichtidentischen Projektionen als Akt der
       Selbstermächtigung.
       
       Vor Beginn sitzt eine schwarz gekleidete Person mit dem Rücken zum Publikum
       und schaut orientalisierende Motive der Kunstgeschichte an. Die Person, die
       auf der Bühne westliche Blicke repräsentiert, haut es buchstäblich vom
       Hocker, ein gutes Zeichen? Zentren und Perspektiven verschieben sich,
       vielleicht wird Tanz erst jetzt zur globalen Bewegung.
       
       2 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Moses-und-Aron-in-Oper-Bonn/!5976071
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Mattheiß
       
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