# taz.de -- Performance über reale trans Künstlerin: Die Sonne, die nicht scheinen durfte
       
       > „Tänze fast vergessener Geister“ ist eine Hommage an die 1943 ermordete
       > trans Künstlerin Liddy Bacroff – und die Einladung, sich einzulassen.
       
 (IMG) Bild: „Wild entgrenzt und eng umschlungen“: Performer:innen Tubi Malcharzi, Alexander Hahne, Heinrich Horwitz, Géraldine Schabraque
       
       Auf angenehm zurückhaltende Art spricht dieser Abend eine Einladung aus:
       Die Einladung sich einzulassen auf die Lebensrealitäten von trans und
       non-binärer Queerness. Also ist die Distanz zwischen Zuschauer- und
       Bühnenraum aufgehoben, die Tribüne abgehängt. Das Publikum wandelt
       ungelenkt durch die schäbig-schicke Kargheit von Halle 1 der [1][Hamburger
       Kulturfabrik Kampnagel].
       
       Hier bringt Choreograf:in René*e Reith „Tänze fast vergessener Geister“
       zur Uraufführung. Im Juni folgen Gastspiele am [2][Berliner Ballhaus Ost]
       sowie dem [3][Pathos Theater München]. Alles Teil von Reiths
       künstlerisch-wissenschaftlichem Promotionsprojekt an der [4][Musik und
       Kunst Privatuniversität der Stadt Wien].
       
       ## Es werden keine Rollen gespielt
       
       Düster dräuende Klänge wabern durch den Saal, hineingemixt sind kaum
       verständliche Textbrocken, Formulierungen wie „Körper voller Leidenschaft“
       funkeln heraus. Vier Künstler:innen mischen sich unters Publikum und
       setzen auf einen inzwischen klassischen Performance-Trick: Sie spielen
       keine Rollen, sondern entwickeln in individuellen Kostümen ihre fluiden
       Identitätsentwürfe. Aus persönlichen Perspektiven soll sich die
       Dringlichkeit der ganzen Aufführung vermitteln.
       
       Anfangs durchschreitet Tubi Malcharzi forsch das Terrain. Alexander Hahne
       krampft am Boden, entfaltet seinen Körper. Heinrich Horwitz verteilt
       Reiskörner. Und Géraldine Schabraque schlendert lässig herum, atmet schwer
       ins Mikrofon, steigert sich in ein Hecheln, das von zunehmend satteren
       Grooves getragen wird. Bald feiern alle mit gen Himmel strebenden Gesten,
       strecken sehnsuchtsvoll die Hände aus, werfen einander Küsse zu.
       
       Immer wieder sinken sie zu Boden und stehen wieder auf. Drehen sich weiter
       um sich selbst und ineinander. Finden „wild entgrenzt und eng umschlungen“,
       wie es später heißt, zu einem lustvoll-intimen Miteinander. Während den
       Gästen zur Gemütlichkeitssteigerung einige Stühle, Sitzkissen und -säcke
       angeboten werden.
       
       ## Eine exemplarische Biografie
       
       Jetzt kommt [5][Liddy Bacroff] ins Spiel – als exemplarische Geschichte
       eines Menschen, der das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht ändert und
       dies selbstbewusst lebt. Als Sexarbeiterin und in Nachtclubs verdiente die
       Wahlhamburgerin in der durchaus liberalen Weimarer Republik ihren
       Lebensunterhalt, wurde aber mehrmals wegen homosexueller Handlungen zu
       kurzen Haftstrafen verurteilt.
       
       In der Hansestadt ist Bacroffs Biografie halbwegs präsent, auch dank des
       [6][Stolpersteins] vor ihrer ehemaligen Wohnung im Stadtteil [7][St.
       Pauli]. Vielleicht deswegen wird sie nun auch nicht im historischen Kontext
       für die Bühne nachvollziehbar rekonstruiert. Verweise finden sich nur in
       einigen Zitaten aus Texten, die Bacroff im Gefängnis schrieb. Darin geht es
       immer wieder berauscht auf die Tanzflächen von damals „Transvestitenbars“
       genannten Etablissements: „Will flirten, toben, schmeicheln! Lasst mich –
       ich bin Liddy.“
       
       Was das nicht supertoll tanzende Performance-Quartett zu aufputschenden
       Beats sowie Nebelzuspielungen illustriert mit stolzem Posieren, mit
       Selbstdarstellungs-, Selbstentäußerungs-, Selbstumarmungschoreografien. Vom
       „Morphium, [dem] süßeste[n] aller Laster“, geht die Rede, von Geilheit, von
       Erinnerungen an Berührungen, die sich wie ein feuchter Film auf das
       Geschehen legen.
       
       Géraldine Schabraque stimmt dazu in herrlich gehauchter Intonation die
       Pride-Hymne der 1920er Jahre an, [8][„Das lila Lied“]: „Doch bald gebt
       acht, es wird über Nacht auch unsre Sonne scheinen. Dann haben wir das
       gleiche Recht erstritten, [9][wir leiden nicht mehr, sondern sind
       gelitten].“
       
       ## Verfolgt und ermordet
       
       Wozu es leider in Wirklichkeit nicht kam: Die nationalsozialistische
       Pathologisierung und Verfolgung sexueller Minderheiten überlebte auch
       Bacroff nicht. Erstarrt erinnern die Performer:innen an einen Tag im
       Jahr 1938, an dem sie als Mann in Frauenkleidern denunziert wurde, der mit
       einem Freier in einer Bar sitze.
       
       „Gewerbsmäßige widernatürliche Unzucht“, lautete das Urteil, vom
       „Sittenverderber schlimmster Art“ war die Rede. Bacroff saß erst im
       [10][Gefängnis Bremen-Oslebshausen] ein, kam dann in eine Rendsburger
       Anstalt zur „Sicherungsverwahrung“ und wurde 1943 [11][im KZ Mauthausen]
       ermordet.
       
       Am Ende bilden die Performer:innen mit dem Publikum einen Kreis und
       erzählen leise ihre eigene Gender-Geschichte. Sanft schwindet das Licht.
       Künstler:innen und Zuschauer:innen scheinen sich nähergekommen zu
       sein. So erweist sich [12][die Inszenierung] als zarte Bitte: Nehmt trans
       Personen so wahr, „wie wir sind“ – als die nämlich, „die wir schon immer
       waren“.
       
       13 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kampnagel/!t5009434
 (DIR) [2] https://www.ballhausost.de/das-haus/
 (DIR) [3] https://www.pathos.theater/
 (DIR) [4] https://muk.ac.at/home.html
 (DIR) [5] https://arolsen-archives.org/dossiers/anderssein-verboten/prideuntold-liddy-bacroff/
 (DIR) [6] /Erinnerungskultur-in-Italien/!6148793
 (DIR) [7] /Regisseurin-ueber-Live-Sex-Theater/!6148677
 (DIR) [8] https://lgbt.fandom.com/de/wiki/Das_lila_Lied
 (DIR) [9] https://www.ardmediathek.de/video/ard-klassik/schwabach-das-lila-lied-ute-lemper-wdr-funkhausorchester-enrico-delamboye-wdr/ard/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIwOTcyNzg
 (DIR) [10] /Boese-Jungs-kommen-ueberall-hin/!1415840&s=gef%C3%A4ngnis+Bremen+Oslebshausen/
 (DIR) [11] /Mauthausen/!t5008912
 (DIR) [12] https://kampnagel.de/produktionen/rene-e-reith-taenze-fast-vergessener-geister
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Fischer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Performance
 (DIR) Transpersonen
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Kampnagel
 (DIR) Tanz
 (DIR) Weimarer Republik
 (DIR) NS-Justiz
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Tanz
 (DIR) Krieg
 (DIR) Oldenburg
 (DIR) Wrestling
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Tanzplattform Deutschland 2026: Ist es ok? Ist es wirklich ok? Oder nur ok-ok?
       
       Wo geht es hin mit dem zeitgenössischen Tanz? In Hellerau trafen dreizehn
       Inszenierungen auf ein interessiertes Fachpublikum.
       
 (DIR) Autorenperson über Kassandra-Oper: „Die Cis-Männer in diesem Mythos interessieren uns nicht“
       
       Eine Oper deutet in Hamburg den Kassandra-Stoff. Darin werden die Prophetin
       und die Idealfrau Helene ein Liebespaar.
       
 (DIR) Ausstellung über Renato Mordo: Gehetzt in Ruhm und Elend
       
       Renato Mordo war Regiestar der Weimarer Republik. Das Oldenburgische
       Staatstheater erinnert an sein Wirken, sein Exil und die Besatzung
       Griechenlands.
       
 (DIR) Dragqueens beim Wrestling: Ringen bis zum Untergang
       
       Den oft sexistischen, homophoben und rassistischen Wrestlingshows in den
       USA setzt die Gruppe Choke Hole ein queeres Spektakel entgegen.