# taz.de -- Sommerfestival in Hamburg: „Apokalypse muss nicht das Ende sein“
       
       > Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel feiert Hoffnung: Sie
       > hilft, die Zukunft aktiv zu gestalten, sagt Festivaleiter András Siebold.
       
 (IMG) Bild: Magnet im Sommer: Kampnagel-Festival
       
       taz: Herr Siebold, warum steht das Internationale Sommerfestival auf
       Kampnagel unter dem Motto „hope!“? 
       
       András Siebold: Wenn wir zum ersten Mal unser Programm unserem Grafik-Duo
       Hanna Osen und Laurens Bauer vorstellen, bringen die beiden die Inhalte für
       sich erstmal mit einem Begriff auf den Punkt. Das war diesmal „hope!“ und
       mein erster Gedanke war: Das klingt zu sehr nach dem Spielzeitmotto eines
       Stadttheaters. Uns wurde aber schnell klar, dass „hope!“ das kuratorische
       Konzept wirklich gut zusammenfasst und einen interessanten philosophischen
       Raum öffnet.
       
       taz: An welche Philosophie dockt „hope!“ konkret an?
       
       Siebold: Zum Beispiel an Jonathan Lears „Radical Hope“-Gedanken. Dieser
       US-amerikanische Philosoph plädiert dafür, sich dem Horror der Gegenwart
       mit Hoffnung zu stellen. Radikales Hoffen ist das Gegenteil von Optimismus
       oder Pessimismus. Statt sich zurückzulehnen und entweder zu glauben, dass
       eh alles gut wird, oder eben nichts mehr zu retten ist, geht es darum, in
       der Gegenwart aktiv zu werden, um die Zukunft zu gestalten.
       
       taz: Welche Produktion spiegelt das radikale Hoffen am besten wider?
       
       Siebold: Die polnische Choreografin und Künstlerin Ania Nowak setzt sich in
       „Future TongueXXX“ damit auseinander, wie sich menschliche Beziehungen im
       Zeitalter von Künstlicher Intelligenz, Algorithmen und digitalen
       Plattformen entwickeln werden. Manchmal weiß man gar nicht mehr: Wer ist
       Mensch? Wer ist Maschine? Dennoch findet Ania Nowak sehr starke Bilder für
       ihre Zuversicht, dass wir in dieser Phase des radikalen Umbruchs unsere
       Körper, unsere Liebe, unsere Intimität nicht aufgeben werden.
       
       taz: Die französischen Choreograf:innen (La)Horde dagegen haben ihre
       Arbeit „Après moi, le déluge“, „Nach mir die Sintflut“, genannt. Das klingt
       wenig hoffnungsvoll.
       
       Siebold: Sicher steckt im Satz „Nach mir die Sintflut“ auch
       Hoffnungslosigkeit. Wer die Zeitung aufschlägt, wird sofort mit der
       Realität konfrontiert: mit der Zerstörung dieser Welt. Kunst kann helfen,
       den Horror der Realität überhaupt zu fassen, also einen Umgang damit zu
       finden. (La)Horde gehen in ihrer Inszenierung aber noch darüber hinaus. Bei
       ihnen ist die Apokalypse nicht unbedingt das Ende. Es gibt ein Danach,
       einen erfolgreichen Überlebenskampf von tanzenden Körpern.
       
       taz: Ayelen Parolins Choreografie „Irresistible Revolution“ ist von der
       Energie des argentinischen Karnevals inspiriert. Wo bleibt dabei der
       revolutionäre Gedanke?
       
       Siebold: Das Eröffnungsstück setzt sich explizit mit [1][adrienne maree
       browns] „Pleasure Activism“ auseinander. Die US-amerikanische Autorin hat
       sich als Person of Color gefragt: Was wollen unsere
       Unterdrücker:innen eigentlich? Sie wollen uns in die
       Hoffnungslosigkeit treiben, das lassen wir aber nicht zu. Wir reagieren auf
       Gewalt mit Freude und Liebe.
       
       taz: Könnte „Irresistible Revolution“ nicht trotzdem als eskapistisch
       missverstanden werden? 
       
       Siebold: Dieses Stück imitiert nicht einfach bloß den Karneval. Es greift
       Erinnerungen an [2][Karnevalstänze], Lebensfreude und [3][Ekstase] auf –
       vermischt mit Bewegungen, die an Protestmärsche und Revolutionen anknüpfen,
       etwa in die Luft gereckte Fäuste. Es geht also immer um einen politischen
       Kampf und nie allein um jene ausgelassene Freude, die die Realität
       wegdrücken soll.
       
       taz: Muss Theater heutzutage mehr bieten als reinen [4][Eskapismus]?
       
       Siebold: Zu uns kommen Menschen, weil sie etwas Unkonventionelles sehen
       wollen. Wir zeigen [5][viele Produktionen, in denen Grenzen überschritten
       werden]. Die Theater-Anarchistin Cuqui Jerez setzt in Sugar Island
       Theaterregeln außer Kraft. Ob Bühnenbild oder Musik: Alles hat eigene
       Gesetze, und die sollte man immer mal wieder infrage stellen, damit Neues
       entsteht.
       
       3 Aug 2026
       
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