# taz.de -- Spitzentanz mit Russlandkontakten: Mein lieber Schwan!
> Das Royal Classical Ballet tourt durch Deutschland. Ist es im Auftrag
> Putins unterwegs? Die Veranstalter bestreiten das vehement.
(IMG) Bild: Früher konnten Schwäne noch in aller Unschuld dahinsterben: Aufnahme vom Mariinski-Theater St. Petersburg, 1895
Vor dem Theater des Westens stehen sich ein Dutzend ältere Damen in der
Kälte die Füße platt. Noch über eine Stunde bis zum „Schwanensee“ und die
Türen sind noch geschlossen. Reklame für das Gastspiel des Royal Classical
Ballet gibt es am Theater keine, dafür aber online.
Eventim vertreibt die Karten, Ticketpreis im Theater des Westens zwischen
50 und 80 Euro. Noch bis 9. März tourt die Compagnie durch Deutschland:
Nach Berlin folgt fast jeden Tag ein Auftritt, 30 Vorstellungen sind es von
Hamburg bis Augsburg und Köln.
Städte wie Sindelfingen oder Göppingen vermieten ihre Stadthalle ans Royal
Classical Ballet. In Leipzig tanzt man im Gewandhaus, in Nürnberg in der
Meistersingerhalle. In Bonn allerdings formierte sich Anfang Januar [1][vor
der Beethovenhalle Protest gegen einen Auftritt des Grand Classic Ballet].
Organisiert hatte den die Initiative Osteuropaforum Bonn. Ihr Vorwurf:
Tänzer und Tänzerinnen des russischen Staatsballetts treten in Deutschland
unter dem Namen Grand Classic Ballet auf. In einem Brief an die Stadt Bonn
fordert die Initiative Lokalpolitik und Verwaltung auf, „nachzuhaken, ob in
der Beethovenhalle ethische Kriterien erfüllt worden sind oder ob nicht
Sanktionen umgangen und damit die Öffentlichkeit getäuscht wurde“.
## Seit dem Überfall auf Tour
Das Grand Classic Ballet und das Royal Classical Ballet sind
Geschwisterensembles. Als Veranstalter firmiert für beide das Berliner
Unternehmen Agenda Production, ein Geflecht aus mehreren GmbHs. Gegenüber
der taz weist dessen Management entschieden zurück, etwas mit dem
„staatlichen Russischen Ballett Moskau“ zu tun zu haben. Das tourte, in
Deutschland von Agenda Production betreut, bis zum Überfall auf die Ukraine
durch Europa. Seither tauchen Kompagnien auf, die unter diversen
Variationen als Classic, Royal Classic oder Classical Ballet firmieren.
Sogar die Bezeichnung „Ukrainian Classic Ballet“ hatte die Agenda
Production International zwischenzeitlich im Portfolio. Doch dagegen hatte
sich die ukrainische Nationaloper Kiew verwahrt. „Ich bin selbst in Odessa
geboren und 1972 ist meine Familie aus der Sowjetunion nach Israel
ausgewandert“, sagt Rimma Wachsmann Beniashvili, Geschäftsführerin zweier
der Agenda-Gesellschaften und Producerin der Shows der taz. „Ich bin gegen
den Krieg und alle meine Tänzerinnen und Tänzer sind es auch“, beteuert
sie. „Wir wollen einfach nur klassisches Ballett machen.“
Zwar seien tatsächlich einige Solist*innen im Bolschoi und im russischen
Nationalballett aufgetreten. Gerade Ivan Zviagintsev, der Siegfried im
Schwanensee hat sie alle durch, unter Radchenko und Gordeev. Aber das sei
eben Vergangenheit. „Das ist der einzige Kontakt mit dem Moskauer
Staatsballett“, so Wachsmann Beniashvili.
Eine [2][im Juni 2022 geschaffene russische Homepage, die auch über die
aktuelle Deutschlandtournee der Royal-Classical-Truppe informiert], lässt
daran zweifeln: Als „Administration“ aufgeführt sind dort Wachsmann
Beniashvili als Producerin – und neben ihr als General Director niemand
geringeres als Ljudmila Titova. Titova ist eine sehr bekannte
Primaballerina – und eben auch Generaldirektorin des russischen
Staatsballetts Moskau.
Eine ganze Reihe SolistInnen scheint auf beiden Seiten der Grenze aktiv zu
sein. Dazu passt, dass beim Veranstaltungskalender des Staatlichen
Russischen Balletts Moskau in den ersten Monaten des Jahres gähnende Leere
herrscht. Die Kalender des Royal Classical Ballet sind zur selben Zeit
pickepackevoll.
Die Organisation Für Frieden und Solidarität mit der Ukraine hatte
angesichts des Berlinauftritts Transparenz eingefordert. „Warum wird die
Herkunft der Ballettgruppe durch den Veranstalter nicht transparent
gemacht, um potenziellen Gästen die Entscheidung zu lassen, ob sie die
Russische Föderation mit ihrem Ticket finanzieren und durch ihren
Veranstaltungsbesuch russische Propaganda unterstützen wollen?“, heißt es
auf ihrem Flugblatt.
Bei der Verschleierung der russischen Kriegsverbrechen spiele „der
staatlich gelenkte Kulturbetrieb der Russischen Föderation mit seinen
Gastspielen im Ausland eine wichtige Rolle“. Nicht in Vergessenheit geraten
sollte darüber, dass auch in die Gegenrichtung problematische
Ballettdiplomatie stattgefunden hat.
Vor knapp zwei Jahren hatte John Neumeier dem Bolschoi erlaubt, seine „Anna
Karenina“ wieder aufzunehmen, [3][natürlich nur, um ein Nachdenken über
Freiheit anzustoßen]. Unter der musikalischen Leitung von Putins
Leibdirigent Waleri Abissalowitsch Gergijew dürfte das nicht geglückt sein.
21 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.change.org/p/stop-russian-ballet-royal-classical-ballet-false-flag-in-sweden
(DIR) [2] https://who.is/whois/royalclassicalentertainment
(DIR) [3] https://www.ndr.de/kultur/buehne/Anna-Karenina-in-Moskau-Warum-John-Neumeier-zugestimmt-hat,annakarenina168.html
## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
## TAGS
(DIR) Ballett
(DIR) Tanztheater
(DIR) Berlin
(DIR) Moskau
(DIR) Kulturpolitik
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Musikalischer Widerstand in Russland: Wenn die Schwäne tanzen, zittert Opa Putin am See
Die Band Stoptime spielte in Sankt Petersburg Musik „ausländischer
Agenten“. Die Band wurde verhaftet, im ganz Russland poppten daraufhin
Flashmobs auf.
(DIR) Boykott von Tschaikowsky: Im Krieg mit den Klassikern
Der ukrainische Kulturminister fordert von Europa, Werke des russischen
Komponisten Tschaikowsky zu boykottieren. Das Gegenteil zu tun, wäre
schlauer.
(DIR) Debatte um Othello-Inszenierung: Rassismus-Vorwürfe treffen Neumeier
Kopenhagener Balletttänzer haben ein Problem mit der Othello-Inszenierung
des Hamburger Choreografen. Das trübt auch seine feierliche Verabschiedung.