# taz.de -- Inklusion am Kinder- und Jugendtheater: „Viele können sich nicht mal vorstellen, dass ich Taub bin“
       
       > Jan Kress entwickelt am Berliner FELD-Theater inklusives Kinder- und
       > Jugendtheater. Er ist der erste festangestellte Taube Künstler an einem
       > deutschen Theater.
       
 (IMG) Bild: Jan Kress mit Julia Keren Turbahn im Stück „SINNich“
       
       Jan Kress steht auf der Bühne, gedimmtes, leicht rötliches Licht. Die Musik
       hat einen lauten Bass, vibriert. Aus seiner Hosentasche holt er ein Parfüm,
       zuckt mit den Schultern und sprüht es sich aufs Handgelenk. Dampf steigt
       auf, windet sich um seinen Arm. Kress beobachtet das, riecht und beginnt
       sich mit ihm zu bewegen. Fließend, wabernd, während sich der Dampf im
       kleinen Theatersaal verteilt. Kress besprüht sich immer mehr mit dem
       Parfüm, um den Kopf, in die Haare, in den Mund, verzieht angeekelt das
       Gesicht.
       
       Im Stück „SINNich“, für das Kress und sein Kollektiv „baff“ (mit Julia
       Keren Turbahn und Jan Rozman) an diesem Tag im Februar proben, geht es um
       die fünf Sinne, darum, wie unterschiedlich wir die Welt wahrnehmen. In der
       Szene mit dem Parfüm geht es um den Riechsinn.
       
       Noch fünf Tage sind es bis zur Premiere; für das FELD-Theater ist das etwas
       Besonderes. Seit den Förderungskürzungen Anfang letzten Jahres gab es hier
       keine Premieren mehr. Das FELD ist ein Theater für junges Publikum mit
       Fokus auf ein [1][inklusives Programm] für Taubes Publikum. Neben seiner
       Arbeit als Künstler ist Kress auch für dessen Gestaltung zuständig. Seit
       2020 arbeitet er hier und ist damit der erste Taube Künstler
       deutschlandweit, der an einem Theater fest angestellt ist. Und das FELD das
       einzige Theater, das sich in dieser Form inklusiv an Taubes junges Publikum
       richtet.
       
       Am kommenden Donnerstag steht wieder eine Produktion von baff auf dem
       Spielplan: [2][„O (die shOw)“,] eine visuelle Performance für ein Taubes*
       und hörendes Publikum ab 6 Jahren, in der es um Buchstaben und Wörter geht.
       2024 erhielt FELD für sein Programm den Theaterpreis des Bundes. Ein halbes
       Jahr später musste es [3][wegen der Kürzungen] zeitweise schließen.
       
       ## Standort Winterfeldtplatz
       
       Das Theater steht am Winterfeldtplatz in Schöneberg: gelbe Hauswand, bunte
       Rollladen, der Schriftzug FELD in großen türkisfarbenen Buchstaben. Heute
       liegt eine dünne Schneedecke auf dem Platz, aufgeregtes Kindergeschrei
       kommt von drinnen. Bis es mit der Premiere von „SINNich“ losgeht, müssen
       sie sich noch kurz gedulden. Manche toben, andere sitzen auf einer Bank,
       gebärden und sprechen miteinander.
       
       Das FELD ist für alle da. Besonders setzt es sich aber für die Inklusion
       der Tauben Community ein. Bei der Gestaltung des Programms sei es ihm
       wichtig, Barrieren abzubauen, sagt Kress. Nicht nur auf der Bühne, sondern
       im ganzen Haus. Er organisiert Workshops, bringt dem Team Deutsche
       Gebärdensprache (DGS) bei und baut Kontakt zu Tauben Künstler*innen und
       Schulen mit Fokus auf Taube Menschen auf, etwa zur
       Ernst-Adolf-Eschke-Schule in Berlin-Charlottenburg, die zur Premiere zu
       Besuch ist.
       
       Der Kontakt zu Schulen sei lange schwierig gewesen: „Die Kinder, aber auch
       die Lehrer*innen haben viele schlechte Erfahrungen gemacht. Sie wurden
       eingeladen, aber die Stücke waren nicht zugänglich für sie.“ Oft stehe dann
       nur ein*e DGS-Dolmetscher*in am Rand, abseits vom Geschehen. Ein Vorbild
       auf der Bühne gebe es nicht. „Mir ist es deshalb wichtig zu zeigen: Ich bin
       Taub und ich stehe auf der Bühne, das geht.“
       
       Wenn er sich nach den Vorstellungen mit den Kindern austauscht, können ihm
       das viele kaum glauben: „Das tut weh. Das gesellschaftliche Bild, dass
       Taube Leute nicht auf der Bühne stehen können, ist so verbreitet, dass die
       Kinder sich nicht mal vorstellen können, dass ich Taub bin.“
       
       ## Entscheidung für sichere Berufswege
       
       Wegen dieses Bildes war auch sein eigener Weg auf die Bühne nicht leicht:
       „Ich wollte eine Tanzausbildung machen und da hieß es, du bist ja Taub, du
       musst doch die Musik hören. Es wurde für mich entschieden, ohne sich zu
       informieren, was Taubsein bedeutet und was wir können.“ Ausbildungen für
       Taube Künstler*innen gebe es keine – auch eine Entscheidung der
       Hörenden, sagt Kress. Das führe dazu, dass Taube Menschen sich für andere,
       sichere Berufswege entscheiden, Tischler*innen werden oder
       Zahntechniker*innen, statt selbst auf die Bühne zu gehen.
       
       Auch Kress hat erst eine Ausbildung angefangen, zum Kostümschneider am
       Schauspielhaus in Frankfurt. Acht Jahre lang hat er dort gearbeitet und
       dann auf Risiko gesetzt: Hat gekündigt, ist nach Berlin gezogen und hat
       eine Ausbildung zum Gebärdensprachdozenten gemacht. Nebenher hat er immer
       wieder bei Theaterprojekten mitgearbeitet.
       
       Bei der Premiere von „SINNich“ sitzen die Kinder aus der
       Ernst-Adolf-Eschke-Schule auf der untersten Stufe der hölzernen Tribüne.
       Als die Musik anfängt zu wummern, legt sich Kress mit einem Ohr vor sie,
       macht mit den Händen das Vibrieren nach. Große Augen schauen ihm entgegen.
       
       „Ein Hund hat über 300 Millionen Riechzellen, Gerüche nimmt er stärker
       wahr“, erklären Turbahn und Kress in Laut- und Gebärdensprache. Während
       sich Kress mit Parfüm besprüht, steht auch einer am Rand bereit. Ein
       Staubsauger, dessen Rohr zur Hundenase wird. Gespielt von Jan Rozman saugt
       er den Duft ein, schnuppert an Gästen aus den ersten Reihen. Die Kinder
       stehen begeistert auf: „Mich auch, mich auch!“ rufen sie, recken ihre Hände
       nach dem Staubsaugerrohr-Hund.
       
       ## Inklusive Kulturangebote verschwinden zuerst
       
       Wegen der Kürzungen haben Kress und das FELD-Theater im Herbst zwei offene
       Briefe geschrieben. Denn neben der Arbeit des Theaters ist auch Kress’
       Stelle gefährdet. In seinem Brief beschreibt er ein strukturelles Problem:
       Gerade [4][inklusive Kulturangebote] verschwinden bei Sparmaßnahmen oft
       zuerst. Und mit ihnen jahrelange Aufbauarbeit, jahrelanger Kampf. Das
       FELD-Theater hat inzwischen wieder eine Basisförderung erhalten.
       
       Auf seinen eigenen Brief hat Kress nach eigenen Angaben zwar mittlerweile
       eine Reaktion des Senats per E-Mail bekommen, jedoch sei darin lediglich
       auf einen kleinen Teil der Inhalte des offenen Briefes Bezug genommen
       worden. Deshalb suchen sie weiter nach anderen Förderungsmöglichkeiten.
       
       Aber auch das wäre nur eine Lösung auf Zeit, Kress geht es um mehr: „Es
       geht darum, zu zeigen, dass es eine Chance ist, eine Taube Person
       einzustellen.“ Gebärdensprache und inklusive Angebote dürften nicht nur
       dekorative Elemente in Produktionen sein. Und das gehe nur, wenn die
       Expertise der Tauben Community stärker einbezogen wird.
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Was-ihr-wollt-Im-RambaZamba-Theater/!6175879
 (DIR) [2] https://jungesfeld.de/2023/12/06/o-die-show/
 (DIR) [3] /Kinder--und-Jugendtheater-FELD-in-Not/!6050272
 (DIR) [4] /Foerderung-der-Inklusion-im-Theater/!6125996
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilli Braun
       
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