# taz.de -- Theaterstück „Pretty Privileged“: „Bloß nicht erkennen lassen, dass man Mutter ist“
       
       > Schauspielerin Marianne Thies spricht über den Schönheitsdruck der
       > Branche und erzählt, wie ihr Kollektiv diese Missstände auf die Bühne
       > bringt.
       
 (IMG) Bild: Charlotte Alten (vorne) und Marianne Thies spielen eine Szene im Theaterstück „Pretty Privileged – Der Kaiserin neue Kleider“
       
       taz: Frau Thies, der Titel des Theaterstücks Ihres Kollektivs Alten/Thies
       ist Programm: „Pretty Privileged“. [1][Sie] und Ihre Kollegin [2][Charlotte
       Alten] bezeichnen sich selbst als weiße, normschöne Frauen. Warum ist Ihnen
       dieses Eingeständnis so wichtig?
       
       Marianne Thies: Das ist für Charlotte und mich die Grundlage. Wir sind
       Mittelschichtkinder, allein das hat uns schon den Zugang zum Theater
       geöffnet. Uns war wichtig, erst auf die eigenen Privilegien zu schauen. Wir
       sind groß geworden mit der Idee, dass Feminismus wichtig ist, wir aber doch
       eigentlich gleichberechtigt sind. Da sind wir einer Erzählung auf den Leim
       gegangen. Andere Menschen, BIPOC zum Beispiel, machen
       Diskriminierungserfahrungen noch früher im Leben.
       
       taz: Sie und Charlotte Alten haben Ihr Kollektiv 2018 gegründet. Was war
       der Auslöser? 
       
       Thies: Ab Mitte bis Ende 30 verändern sich die Arten von Rollen, die
       Schauspielerinnen angeboten werden. Es folgt ein radikaler
       Rollenfachwechsel in die Nebenfiguren, während unsere männlichen Kollegen
       mit attraktiven Rollenangeboten nach wie vor die Zeit ihres Lebens haben.
       Es gibt so viele tolle Geschichten über mittelalte Frauen zu erzählen. Da
       haben wir entschieden: Wir machen das einfach selbst. Als wir vor 15 Jahren
       Mütter wurden, gab es im Kulturbetrieb auch noch gar nicht dieses
       Bewusstsein für die Vereinbarkeit von Care- und Kunstarbeit. Das Theater
       ist ein sehr hierarchisches System mit alten Strukturen. Es bricht zwar
       immer mehr auf, aber es ist der freien Wirtschaft in Sachen Gleichstellung
       und Familienvereinbarkeit weit hinterher.
       
       taz: Gehen Sie im Job offen mit Ihrer Mutterrolle um? 
       
       Thies: Wir kommen aus einer anderen Schauspielerinnengeneration. Uns wurde
       beigebracht, bloß nicht erkennen zu lassen, dass man Mutter ist. Das darf
       nicht in den Lebenslauf, darf nicht sichtbar sein. Es ist schön, dass das
       heute so nicht mehr stattfindet.
       
       taz: Wie sieht Ihre Alternative zu den starren Probezeiten an Stadttheatern
       aus? 
       
       Thies: An den klassischen Häusern wird traditionell von 10 bis 14 Uhr und
       von 18 bis 22 Uhr geprobt, bedingt durch die Abendvorstellungen. Das ist
       mit Kindern sehr herausfordernd. Wir haben für uns entschieden, mit den
       Proben in Charlottes Keller oder dem Theaterhaus Mitte um halb neun zu
       beginnen und um 16 Uhr aufzuhören. Wenn wir dann noch etwas besprechen
       müssen, machen wir abends um halb zehn eine digitale Konferenz. Das wirkt
       organisatorisch aufwändiger, entspricht aber dem Rhythmus, in dem unser
       Leben sowieso stattfindet. Dieses ständige und extrem stressige „Ich muss
       die Kinder noch schnell wegorganisieren“ fällt einfach weg.
       
       taz: Als inhaltliche Basis für „Pretty Privileged“ nutzen Sie das Märchen
       „Des Kaisers neue Kleider“ und wandeln es in eine moderne Social-Media-Welt
       um. Die Kaiserin fällt etwa auf betrügerische Life-Coaches herein. Warum
       diese Abrechnung mit der Optimierungsindustrie?
       
       Thies: Diese Coaches versprechen eine scheinbare Abkürzung, um sich
       bestimmten Fragen oder gesellschaftlichen Problemen gar nicht stellen zu
       müssen. Botschaften wie „Ändere dein Mindset, dann ändert sich dein Leben“
       sind extrem verführerisch. Aber das ist Quatsch. Es ist gut, sich
       herauszufordern und mit sich auseinanderzusetzen. Gefährlich wird es, wenn
       jemand behauptet, die einfache Lösung liege nur in deinem Kopf.
       
       taz: Wie endet das Stück in Ihrer Version? 
       
       Thies: Bei uns geht das Märchen weiter und endet nicht damit, dass die
       Kaiserin nackt ist. Stattdessen gibt es brutales Victim Blaming. Durch
       diese Erzählung von Selbstoptimierung wird die Verantwortung für
       strukturelle gesellschaftliche Herausforderungen und Diskriminierungen
       komplett dem Einzelnen zugeschoben. Aber eine strukturelle Diskriminierung
       kann man gar nicht im Alleingang lösen. Dazu braucht es Verbündete, eine
       Gemeinschaft.
       
       taz: Das Stück richtet sich explizit an Jugendliche ab 15 Jahren. Was
       sollen die mit nach Hause nehmen? 
       
       Thies: Charlotte und ich hoffen, dass sich eine Fünfzehnjährige fragt, wer
       sie ist und was sie möchte. Dass sie sieht, an welchen Stellen sie bloß
       versucht, fremde Erwartungen zu erfüllen, die eigentlich gar nicht ihren
       Überzeugungen entsprechen. Durch den visuellen Druck über Social Media hat
       das heute eine enorme Präsenz. Wir erzählen diese Geschichte zwar anhand
       von Frauen, aber die Gefühle sind übertragbar. Das betrifft junge Männer
       heute genauso, wenn man sich diese aktuelle [3][„Looksmaxxing“-Bewegung] im
       Netz anschaut. Auch sie sind betroffen von extremem Schönheitsdruck und
       Rollenerwartungen. Schönheit wird gesellschaftlich belohnt. Genau mit
       dieser Dynamik spielen wir auf der Bühne in einer energiegeladenen Mischung
       aus Konzert, Theater und direkter Publikumsbegegnung.
       
       taz: Massive [4][Kürzungen in der Berliner Kultur] machen es für Kreative
       schwer, selbstständige Projekte wie dieses durchzuführen. Was bedeutet das
       praktisch für Ihr Kollektiv? 
       
       Thies: Für unsere freie Arbeit ist das existenzbedrohend, weil wir kein
       institutionell geförderter „Leuchtturm“ sind. Das ist unendlich schade,
       weil dadurch so viele Geschichten gar nicht erst erzählt werden und
       Perspektiven keine Sichtbarkeit bekommen. Sponsoren, Stiftungen und
       Förderungen wie das [5][KiA-Programm] ermöglichen überhaupt erst diese
       Vielfalt. In der freien Szene arbeiten wir ohnehin permanent am Limit –
       Kürzungen treffen hier umso härter.
       
       25 Jun 2026
       
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