# taz.de -- Germaine Acogny im Radialsystem Berlin: Den Blick auf die Seele lenken
       
       > Der Körper als Ort der Neuerfindung: Germaine Acogny, Pionierin des
       > zeitgenössischen afrikanischen Tanzes, zeigte in Berlin eine
       > Soloperformance.
       
 (IMG) Bild: Germaine Acogny während ihres Solos „Somewhere at the Beginning“ im Berliner Radialsystem
       
       Am Anfang ist der Blick. Germaine Acogny lässt sich Zeit, um Kontakt zum
       Publikum herzustellen. Es erblickt sie: kraftvoll und muskulös, im langen
       schwarzen Kleid, standhaft zurückblickend. Dann erst beginnt sie ihren Tanz
       in Stille: in ihre Handfläche schauen, sich an den Schädel klopfen, mit
       zwei Fingern Botschaften auf die Erde und in die Luft zeichnen. Das gelbe
       Kissen liebkost sie ein wenig kindlich, ein wenig mütterlich. Ihr zwischen
       Jugend, Weisheit und Fratze changierendes Gesicht lässt die hohe Zahl, die
       [1][ihr Alter im Begleitflyer] beziffert, verblassen.
       
       In ihrem Solo „Somewhere at the Beginning“, Auftakt-Performance der bis
       Februar 2027 im Radialsystem laufenden [2][Reihe „Unexpected lessons –
       Knowledges of Body and Sound“], schreitet die Tänzerin ihre eigene
       Geschichte ab und geht zugleich weit darüber hinaus. Sie ist es, die auf
       der Bühne vibriert, sich auf die Brust schlägt, inmitten von
       videoprojizierten Baobab-Bäumen ihre Arme schwenkt: die weltberühmte
       Tanzikone, geboren in Dahomey, dem heutigen Benin, aufgewachsen in Senegal,
       ausgebildet in Frankreich. Mit ihrer aus afrikanischen und europäischen
       Einflüssen erwachsenen „Germaine-Acogny-Technik“ und ihrer eigens
       gegründeten Tanzschule „École du sable“ in Senegal gilt sie als
       [3][„Mutter“ des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes].
       
       Zugleich tritt sie als ihre Großmutter Aloopho auf, Yoruba-Priesterin, für
       deren Reinkarnation sie bei ihrer Geburt gehalten wird. Später versucht
       sie, als Schwarze Medusa das Kissen zu verkaufen und zerreißt es
       schließlich, wird zur Kindesmörderin. Sie tanzt als Erbin anzestralen
       Wissens und gegen den patriarchalen und kolonialen Blick an.
       
       Den Blick des Anderen auf den Schwarzen Körper zu ändern, sei der Kampf des
       zeitgenössischen afrikanischen Tanzes. Das erklärt sie mit ihrem Sohn
       Patrick Acogny in Greta-Marie Beckers Dokumentation „Germaine Acogny – Die
       Essenz des Tanzes“, die im Anschluss an die Performance Berlinpremiere
       feiert. Nicht den Körper solle der Tanz enthüllen, sondern die Seele.
       
       ## Irrationalitäten des kolonialen Blicks
       
       So ist auch „Somewhere at the Beginning“ Antwort auf Irrationalitäten des
       kolonialen Blicks, stellt sich der ins Jetzt überlaufenden Vergangenheit.
       Aber Germaine Acognys gewitzte Konter – die christlichen Missionare
       verschmausen doch selbst regelmäßig den Leib des Gottessohnes – und ihre
       lachende Rage lassen keine Zeit für Entsetzen oder gar Mitleid. Spielerisch
       brechen sie vorgelagerte Erwartungshaltungen auf.
       
       Materialisiert ist der Streitpartner in der Vaterfigur Togoun Servais
       Acogny, dessen Schriften auf einen dünnen Fadenvorhang projiziert
       erscheinen. Wachsendes Unverständnis ihm gegenüber bindet Germaine enger an
       Aloopho, aber auch an ihr reiches kulturelles Vermächtnis. Sie klagt an:
       warum er im Senegal zum Verwalter französischer Kolonialisten wurde, die
       animistische Religion zugunsten des Christentums verließ, „Mein Kampf“ mit
       Eifer las, in seinen eigenen Worten, „Hitleranhänger und Hitlergegner“
       zugleich wurde. Warum er sich nicht mehr gewehrt hat gegen die
       Kolonisierung seines Denkens.
       
       Die schmerzvolle Widersprüchlichkeit in seinem Versuch der Assimilation,
       die eigene Kultur zu verleugnen und zugleich selbst von Weißen rassifiziert
       zu werden, verflacht jedoch in der Aufzählung seiner Fehltritte. Und diese
       ist nur eine von vielen: für Männer reservierte Polygamie im heutigen
       Senegal, sinkende Boote auf dem Weg nach Europa, zerstörte Bäume in
       KI-Ästhetik, all das und mehr findet seinen Platz im Stück.
       
       „Somewhere at the Beginning“ nimmt bekannte Narrative auf, führt die Fäden
       jedoch kaum zusammen oder zu Ende. Das mag ein gezielter Bruch mit
       Hoffnungen auf lineare Erzählungen sein. Der schnelle Sprung zwischen
       Fragmenten hält das Publikum aber emotional unnötig auf Distanz von den
       Bühnenfiguren. Dass allerdings diese Ansicht nur einem singulären Blick
       entspringt, verraten die vielen sich erhebenden Körper am Ende.
       
       28 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Choreografie-von-Pina-Bausch/!5908069
 (DIR) [2] https://www.radialsystem.de/de/unexpected-lessons-knowledges-of-body-and-sound/
 (DIR) [3] /Spagat-zwischen-Tradition-und-Globalisierung/!265595/
       
       ## AUTOREN
       
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