# taz.de -- Festival der Multipolarkultur in Köln: Bühnen für die Ungesehenen
> Seit 25 Jahren macht das Sommerblut-Festival in Köln maximal inklusive
> Kunst. Das Kulturministerium hat Sorge, damit das „Neutralitätsgebot“ zu
> verletzen.
(IMG) Bild: Menschen mit und ohne Diagnose und Maske haben in Köln schon im Mai das Sommerblut in Wallung gebracht
Da stehen sie auf der Bühne: Der eine hat eine Prothese, der andere ist
blind. Artem erzählt, wie sie in Bachmut von Wagner-Truppen umzingelt
wurden. Serhiy, wie sein Pick-up unter Drohnenbeschuss explodierte. Pavlo,
wie ein Splitter sein Augenlicht zerstörte, und Ivan, wie er mit einer
Schubkarre aus dem Schützengraben evakuiert wurde.
Eine lange Reise war es von der Front ins Lazarett und von dort in die
Krankenhäuser von NRW. Seltsam fühlt es sich an, vom Helden der Weltbühne
zum Patienten ohne Sprache zu werden. Doch bei dem Abend „Un/zerbrechlich –
eine Widerstandsrevue“ (Regie: André Erlen) erzählen die ukrainischen
Veteranen, [1][von denen rund 6.500 in Deutschland in Behandlung sind],
nicht nur ihre Leidensgeschichte.
Sie berichten vor allem davon, was ihnen hilft, klarzukommen. Wie schaffen
sie es, die vor dem Krieg Musiker, Bauern, Caterer, Studenten waren, mit
dem Lebensbruch umzugehen? Und so wird hier vor allem gesungen, zarte
ukrainische Volkslieder mit einem Chor, es werden Witze erzählt, Videos vom
Alltag an der Front eingespielt, mit zwei Schauspielern absurde
Rekrutierungsszenen und Arztvisiten nachgespielt.
Am Ende feiern Chor, Veteranen, Schauspieler auf der Bühne [2][zusammen
eine Party, die Kraft der Gemeinschaft]. Genau jene, die ukrainischen
Veteranen hierzulande fehlt, wie psychologische Betreuung oder Kontakt in
die Bevölkerung, berichten sie. Aus ihrer kaum erträglichen Zwischenwelt
heraus helfen ihnen vor allem Musik und Humor [3][– und ein
Freiwilligenverein], der zur Premiere sogar ein riesiges ukrainisches
Buffet gespendet hat.
Ermöglicht hat diese Produktion aber das Sommerblut-Festival in Köln, das
größte inklusive und diverse Kulturfestival in Deutschland, das nicht nur
regelmäßig den State of the Art der Mixabled-Kunst zeigt – etwa mit „Work
Body“ von Michael Turinsky, einem der bedeutendsten Choreografen mit
Behinderung.
Vor allem aber macht es seit 25 Jahren mithilfe von Kunst Menschen
sichtbar, die sonst eher am Rand stehen. So auch in „Schweigen – ein
Chorstück“, für das Regisseurin Eli Pleß mit inhaftierten Frauen aus den
JVAs von Köln und Willich gearbeitet hat.
Auf die Gefängnisbühne in der JVA Ossendorf kommt man nur mit
Personalausweis und Voranmeldung, Handys werden abgegeben. Es ist schwer
beeindruckend, wie die Frauen hier von Gewalterfahrung singen und rappen,
von Situationen erzählen, aus denen sie sich kaum anders befreien konnten –
und im Gefängnis zu neuer Solidarität finden konnten.
Unter „divers und inklusiv“ werden beim Sommerblut-Festival viele gezählt,
nicht nur Menschen mit Behinderung, die hier natürlich moderieren,
dolmetschen oder inszenieren. Auf der Bühne stehen auch Menschen mit
Abhängigkeitserkrankung, mit Fluchterfahrung oder ohne Obdach. Auch
Jugendliche treten auf und viele weitere „Experten ihrer Lebenswelt“, wie
sie Festivalleiter Rolf Emmerich nennt. [4][Immer wieder wird mit neuen
Formaten von Inklusion experimentiert].
## Der Blick eines Toten
Etwa in „EchoTrace“: Hier hat die Künstlerin Anna Hepp alte Menschen im
Seniorenheim sogar als Avatare inszeniert, denen man mit VR-Brille
hinterherspürt – besonders beeindruckend ist das, weil einer der Männer,
den man unter der Brille in seinem Wohnzimmer besucht, schon gestorben ist.
Ausgerechnet zu seinem Jubiläum ist das Festival jedoch in Gefahr geraten.
Nicht nur wurde die traditionelle Förderung durch die Stiftung Aktion
Mensch hart gekürzt. Kurz vor Festivalbeginn erhielt Emmerich einen Anruf
vom NRW-Kulturministerium. Zur Förderung eines der zentralen
Theaterprojekte, „Generation Widerstand“ mit rund 20 Jugendlichen, gebe es
„rechtliche Bedenken“.
Der Antrag widerspreche „dem Gebot der parteipolitischen Neutralität“, er
könne nicht genehmigt werden. Das Festivalteam fiel aus allen Wolken. Das
Geld war fest eingeplant. Schnell wurde klar: Es war vor allem die Nennung
des Parteinamens der AfD, die in Düsseldorf Probleme machte.
## Düsseldorf dient Kulturkämpfern
„Das Projekt reagiert auf die wachsende Präsenz der AfD im öffentlichen
Diskurs“, hatten sie in den Antrag geschrieben, oder: „Mit kleinen Anfragen
blockiert die AfD auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene schon jetzt die
Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen.“
Faktisch war das richtig, und auch erfahrungsbasiert. Denn bei der
Festivalausgabe davor hatte die AfD mehrere Kleine Anfragen zur
Finanzierung von Festivalprojekten im NRW-Ministerium lanciert.
Dieses Gebaren gehört klar zum Muster des bundesweiten rechtsextremen
Kulturkampfs. Der bindet viel Arbeitskraft und Mittel. „Angst vor Rechten
und vorauseilender Gehorsam scheinen nun ganz konkret demokratische
Institutionen zu lähmen“, befürchtet Emmerich – und er [5][weiß nach Ende
der Jubiläumsausgabe nicht mehr, ob es im nächsten Jahr weitergehen kann].
27 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sport-im-Ukrainekrieg/!6091676
(DIR) [2] /LGBTIQ-in-der-Ukraine/!6094243
(DIR) [3] https://ukraine-veteranen.nrw/de
(DIR) [4] /Allianz-der-Heuchler/!285088&s=Sommerblut&SuchRahmen=Print/
(DIR) [5] /Theaterfestival-im-Netz/!5686678
## AUTOREN
(DIR) Dorothea Marcus
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