# taz.de -- Volksabstimmungen: Die Krux mit dem Kreuz
> Viele Deutsche sehnen sich nach direkter Demokratie. Doch es fehlt nicht
> an Mitsprache, sondern an wirksamer Politik.
(IMG) Bild: Gutes Wetter am Tag der offenen Tür im Kanzleramt in Berlin 2025, trotzdem wächst die Distanz zwischen Regierenden und Regierten
Stellen wir uns einmal vor, es ist Volksabstimmungstag in Deutschland.
Irgendein gut gemeinter Verein – „Demokratie für alle“ oder so ähnlich –
hat ein Volksbegehren durchgefochten, das Bundesverfassungsgericht hat es
durchgewunken, und nun darf das Volk entscheiden. Worüber genau, spielt für
den Moment keine Rolle. Wichtig ist die Stimmung: Die sozialen Netzwerke
kochen seit Wochen, Bild hat eine Meinung, in den Talkshows erfinden sie
ein paar neue, und dann schleppt sich ein gespaltenes Land an die Urnen.
Also das gleiche Land, in dem sich laut Umfragen eine Partei an die
30-Prozent-Marke heranschlawenzt, die den Rechtsstaat für eine Zumutung
hält.
Man kann jetzt natürlich darauf hoffen, dass alle Seiten sich durch den
wochenlangen Abstimmungswahlkampf besser kennenlernen, die Sachargumente
siegen und das Ergebnis, wie immer es ausfällt, als demokratisch legitim
akzeptiert wird. Man kann es hoffen. Aber kann man das allen Ernstes
glauben?
Die Sehnsucht nach direkter Demokratie auf Bundesebene, die [1][an dieser
Stelle vor einer Woche formuliert] wurde, ist mehr als verständlich. Und
die Diagnose, aus der sich diese Sehnsucht speist, ist ja richtig: Das
Vertrauen in die repräsentativen Institutionen schwindet, die Distanz
zwischen Regierenden und Regierten wächst, und die AfD, die von dieser
Distanz lebt wie Schimmel von Feuchtigkeit, hat für ihren Marsch durch die
Institutionen längst die Springerstiefel gegen die Adiletten getauscht.
Wenn Menschen das Gefühl hätten, wirklich mitentscheiden zu können, so das
Argument, würden sie die etablierten Parteien nicht länger als ferne Elite
erleben. Oder anders formuliert: Mehr Mitsprache soll mehr Vertrauen
schaffen.
Das klingt zunächst plausibel. Aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass
das nicht funktioniert.
## Keine Beteiligungskrise
Die politische Krise unserer Zeit ist ja keine Beteiligungskrise. Die
Menschen beschäftigen sich intensiver mit Politik als seit Jahrzehnten. Sie
diskutieren über Migration, Klimapolitik, Heizungen, Bürgergeld und
Schuldenbremsen – in Podcasts, Talkshows und sozialen Netzwerken, rund um
die Uhr und ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen. Es fehlt also nicht an
Mitsprache, sondern an der Überzeugung, dass irgendetwas davon irgendetwas
ändert.
Wer sich von AfD-Wählern die Gründe ihrer Entscheidung erklären lässt,
bekommt einiges zu hören über die Unfähigkeit des Staates: marode
Infrastruktur, Wohnungsmangel, langsame Behörden und das diffuse Gefühl,
dass selbst Regierungswechsel die Dinge nicht verbessern. Und diese
Enttäuschung entsteht nicht, weil es zu wenige Volksabstimmungen gibt. Die
Vorstellung, mehr direkte Demokratie könne das Vertrauen in die Politik
wiederherstellen, verwechselt Ursache und Wirkung.
Mehr Mitsprache, mehr Teilhabe, mehr Transparenz, mehr Möglichkeiten: Das
war das Versprechen der letzten dreißig Jahre. Das Internet sollte die
Demokratie revolutionieren. Blogs würden den Journalismus demokratisieren,
Twitter die Öffentlichkeit, Wikipedia das Wissen, Facebook die sogenannte
Zivilgesellschaft. Außerdem flossen Milliarden in
Demokratieförderungsprogramme, in Civic-Tech-Projekte, in Bürgerdialoge, in
Partizipationsplattformen. Die Zustimmung zu autoritären Führerfiguren
wächst aber in genau jenen Gesellschaften, die am meisten in demokratische
Beteiligung investiert haben: in den USA, wo die gesamte
Civic-Tech-Industrie erfunden wurden; in Deutschland, das mehr Geld in
Demokratieförderung steckt als fast jedes andere Land; in Frankreich, das
nach den Gelbwesten-Protesten einen nationalen Bürgerdialog inszenierte.
Die Skepsis gegenüber Institutionen ist nicht trotz der
Beteiligungsrevolution gestiegen. Sie ist mit ihr gestiegen.
Nun kommt – und sie kommt an dieser Stelle immer – die Schweiz ins Spiel.
Dort funktioniert direkte Demokratie tatsächlich: Das Vertrauen in die
Institutionen ist hoch, die Partizipation ist real, das System hat
Legitimität. Kurz gesagt, die Schweiz ist ein Argument, das sich kaum
widerlegen lässt. Es hat nur einen Haken.
Die Schweiz hat damit 1848 angefangen.
## Das Schweizer System funktioniert in Deutschland nicht
Institutionen kann man importieren. Politische Kulturen nicht. Direkte
Demokratie ist kein Instrument, das man mal eben einbaut wie eine neue
Spülmaschine, weil die alte nicht mehr richtig saubermacht. Sie ist eine
politische Kultur, die über Generationen gewachsen ist, eingebettet in ein
System der Konkordanz und des föderalen Ausgleichs, getragen von
Institutionen, die ihr Gewicht halten können. In Deutschland würde man sie
in eine aufgeheizte, medial fragmentierte Gesellschaft einführen – ohne
Fundament, ohne Übung, ohne die kulturellen Dämpfer, die in der Schweiz
über anderthalb Jahrhunderte entstanden sind.
Dass in Ländern mit mehr direkter Demokratie auch das Vertrauen in die
repräsentativen Institutionen höher ist, belegt vor allem eines: Stabile
Demokratien sind stabil – nicht weil sie Volksabstimmungen haben, sondern
weil sie die Bedingungen mitbringen, unter denen Volksabstimmungen
funktionieren können. Die Kausalität läuft anders, als ihre Befürworter
glauben.
Jetzt wird es mal kurz aufzählerisch, was vor allem daran liegt, dass es
eben so irre viele Argumente gegen Volksabstimmungen gibt. Also:
Volksabstimmungen reduzieren komplexe Fragen auf zwei unterkomplexe
Antworten: ja oder nein. Wie viele Menschen soll Deutschland aufnehmen? Wie
soll die Energiewende finanziert werden? Welche Kompetenzen soll die EU
haben? Solche Fragen lassen sich nicht vernünftig mit einem Kreuz auf einem
Stimmzettel beantworten. Parlamente können verhandeln, korrigieren und
Kompromisse organisieren. Volksabstimmungen können das nicht. Der Brexit,
der dieses Jahr zehnjährigen Geburtstag, nun ja, feiert, ist dafür ein ganz
gutes Beispiel: Millionen Menschen trafen eine Entscheidung von
historischer Tragweite, aber die eigentliche politische Arbeit begann erst
danach. Das Referendum löste die Konflikte nicht, sondern verlagerte sie in
eine noch schärfere Form.
Direkte Demokratie soll die Distanz zwischen Volk und Politik überwinden.
Populistische Parteien aber leben gerade von der Behauptung, sie allein
verkörperten den wahren Volkswillen – und alle anderen verrieten ihn.
Deshalb ist keineswegs ausgemacht, dass Volksabstimmungen diese Erzählung
schwächen. Sie könnten sie sogar noch verstärken. Die Themen, mit denen
populistische Bewegungen erfolgreich sind, eignen sich besonders gut für
emotionalisierte Abstimmungskämpfe: Migration, nationale Identität und
innere Sicherheit lassen sich leichter in Ja-nein-Fragen übersetzen als
Rentenreformen oder Haushaltspolitik. Wer also glaubt, direkte Demokratie
werde der Demokratie ihre Würde zurückgeben, könnte ihr tatsächlich neue
Angriffsflächen schaffen.
## Mehr Abstimmungen bedeuten nicht mehr Diskurs
Und wer würde eigentlich die Abstimmungsfragen formulieren? Das ist keine
Formalität, sondern Macht. Denn wer den Stimmzettel schreibt, beeinflusst
das Ergebnis. Und wer am Ende abstimmt, ist ohnehin nicht zwingend das Volk
in seiner Breite: Volksabstimmungen begünstigen, wer am besten mobilisieren
kann, wer die größten Kampagnenressourcen hat, wer ein Thema am wirksamsten
emotionalisiert. Das muss nicht die Mehrheit sein. Die Forschung ist hier
eindeutig: In der Schweiz und in Kalifornien haben Volksabstimmungen
empirisch nachweisbar zu Steuersenkungen und Sozialstaatsabbau geführt –
weil die Abstimmenden überwiegend aus den Mittelschichten kommen, die auf
staatliche Transfers nicht angewiesen sind. Was als Instrument des Volkes
gedacht war, entscheidet in der Praxis eine sozial ausgedünnte
Schrumpfversion des Volkes.
Auch die Hoffnung, Volksabstimmungen würden den Menschen das Gefühl echter
Verantwortung zurückgeben, ist trügerisch. Politische Entfremdung entsteht
nicht, weil man nicht abstimmen darf. Sie entsteht, weil Niederlagen in der
modernen Öffentlichkeit kaum noch als legitim akzeptiert werden – sie
werden als Verrat gedeutet, als Manipulation, als Systemfehler. Warum
sollte ein Volksentscheid dieses Muster durchbrechen? Der Soziologe Claus
Offe hat beobachtet, dass der Abstimmungsakt das „schlechtere Ich“ der
Bürger begünstigt – weil man beim Kreuzchenmachen von diskursiven
Anforderungen und dem Zwang zur Rechtfertigung vollständig entlastet ist.
Mehr Abstimmungen bedeuten also nicht mehr Diskurs. Manchmal bedeuten sie
weniger.
Die Sehnsucht nach Volksabstimmungen suggeriert, das zentrale demokratische
Problem unserer Zeit sei ein Mangel an Mitsprache. Doch die meisten
politischen Konflikte der Gegenwart haben ihre Ursache nicht darin, dass
Bürgerinnen und Bürger zu wenig gefragt werden – sondern darin, dass
politische Entscheidungen immer häufiger als wirkungslos erlebt werden.
Seit Jahren wächst die Vermögensungleichheit. Wohnungen werden in vielen
Städten unbezahlbar. Globale Konzerne verfügen über mehr Ressourcen als
manche Staaten. Internationale Kapitalströme und europäische Vorgaben
begrenzen den Handlungsspielraum nationaler Politik erheblich. Viele
Menschen spüren diese Entwicklung, auch wenn sie sie nicht immer so
beschreiben.
Die wesentliche demokratische Frage lautet deshalb nicht nur: Wer
entscheidet? Sie lautet auch: Was kann überhaupt noch entschieden werden?
## Der banale Vorteil des Parlaments
Eine Volksabstimmung schafft keine bezahlbaren Wohnungen. Sie begrenzt
keine Marktmacht. Sie verteilt keinen Reichtum um. Sie sorgt nicht dafür,
dass Züge pünktlich fahren. Wer direkte Demokratie als Antwort auf die
Vertrauenskrise der Gegenwart präsentiert, verwechselt demokratische
Verfahren mit demokratischer Gestaltungsmacht.
Mehr Abstimmungen bedeuten auch nicht automatisch mehr Zusammenhalt. Sie
bedeuten zunächst mehr Niederlagen. Nach jedem Volksentscheid steht eine
Seite als Gewinner da – und eine andere als Verlierer, die sich womöglich
bestätigt fühlt in dem, was sie schon immer geahnt hat: dass ihre Stimme
letztendlich nichts zählt, dass „die da oben“ es ohnehin anders machen,
dass das System gegen sie arbeitet.
Und wenn der Volksentscheid sich im Nachhinein als Fehler erweist? Dann hat
man ein Problem. Das Parlament hat nämlich einen Vorteil, der ein bisschen
banal klingt, aber es nicht ist: Wer schlechte Entscheidungen trifft, kann
abgewählt werden.
Das Volk leider nicht.
7 Jun 2026
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(DIR) Matthias Kalle
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