# taz.de -- Olympia-Abstimmung in Hamburg: Demokratisches Ringen
> In Hamburg hat sich die Mehrheit gegen eine Olympia-Bewerbung
> ausgesprochen. Dabei hatte der Senat dafür geworben. Solche Niederlagen
> haben hier Tradition.
(IMG) Bild: Da hatte er noch Hoffnung: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher wirbt im Mai für Olympia
Von allzu großer Nachdenklichkeit, gar Selbstkritik war am Tag nach der
doch krachenden Niederlage nicht allzu viel zu spüren. Der Erste
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), die Zweite Bürgermeisterin
Katharina Fegebank (Grüne) und der Sportsenator Andy Grote (SPD) ordneten
im pompösen Kaiser-Saal des Hamburger Rathauses [1][das Nein zur
Olympia-Bewerbung im Referendum] am letzten Maisonntag ein – und waren im
Kern doch gleichermaßen der Ansicht, dass ihr zur Wahl gestellter Vorschlag
eine super Sache war.
Klar, die Niederlage tue zwar „wahnsinnig weh“, sagte die Grüne Fegebank.
„Aber über das Konzept wurde nicht gestritten“, urteilte Sportsenator Grote
über den vorhergegangenen Wahlkampf – hohe Mieten und große Bauprojekte
seien zwar von der „Nolympia“-Seite als Schattenseiten der Bewerbung
angeführt worden, aber mit dem Konzept habe man genau das verhindern
wollen. Und derlei Angst und Skepsis habe der Senat ja ohnehin täglich im
Blick, sagte Bürgermeister Tschentscher. Ergo: Richtungswechsel,
Neuaufstellungen, Schwerpunktänderungen in der politischen Arbeit des
rot-grünen Senats seien nicht nötig. Denn: Hamburg bleibe ja „die schönste
Stadt der Welt“, sagte Tschentscher zum Abschluss seiner Einordnung.
Sind die jetzt völlig abgehoben in ihrer Arroganz? [2][In München], [3][in
Kiel], in [4][Köln und weiteren 18 Städten des Rhein-Ruhrgebiets] gab es
bei Volksabstimmungen satte Mehrheiten für das, was der Senat auch für
seine Stadt wollte: die Bewerbung für die Ausrichtung Olympischer und
Paralympischer Spiele. Bloß: 55 Prozent stimmten in Hamburg dagegen. Das
Nein war nicht einmal knapp, während sich andernorts teils mehr als zwei
Drittel der Wähler:innen hinter ihre Regierungen stellten. Dabei waren
nicht nur die regierenden Sozialdemokrat:innen und Grünen für Olympia,
sondern mit der CDU auch noch die größte Oppositionspartei im Hamburger
Parlament. Zusammen haben sie mehr als zwei Drittel der Sitze in der
Bürgerschaft.
Beim Blick auf die Wahlergebnisse zeigte sich hingegen: [5][Nur in den
Stadtteilen, die als ziemlich bis besonders reich gelten, gab es eine
Mehrheit für Olympia] – in den feinen Elbvorten wie Blankenese etwa,
entlang der Alster in Harvestehude oder in den Walddörfern am nördlichen
Rand der Stadt. Die Stadtteile, die von Durchschnittsverdiener:innen oder
von Armut geprägt sind, stimmten ziemlich geschlossen und teils deutlich
gegen die Olympia-Pläne.
War das Hamburger Olympia-Konzept also besonders elitenfreundlich? Mit
Blick auf die anderen Bewerber:innen erscheint das eher abwegig. Allzu sehr
unterscheiden sich die Konzepte nicht: Alle setzen einen ähnlichen
Milliardenbetrag bei den Durchführungskosten an, alle wollen möglichst
wenig neu bauen – und alle angedachten olympischen Dörfer sollen
anschließend zur sozialen Linderung der angespannten Wohnungsmärkte
beitragen.
## Den Versprechen nicht geglaubt
Einzig in Hamburg – [6][in Berlin ist das unklar, weil dort das Volk erst
mal gar nicht abstimmen darf] – hat die klare Mehrheit diesen Versprechen
nicht geglaubt. Was weder heißt, dass Hamburgs Olympia-Pläne nicht ein
Elitenprojekt waren – noch, dass das in den anderen Städten beziehungsweise
Regionen nicht so ist.
In Hamburg hat es allerdings eine Tradition, der politischen Elite
direktdemokratisch in die Suppe zu spucken. Die Hürden der direkten
Demokratie sind hier geringer als anderswo, sodass Volksentscheide trotz
einer mehrheitlichen Zufriedenheit mit der eigenen Regierung gern genutzt
werden, um sie hier und da mal in die Schranken zu verweisen.
Schon einmal etwa dachte das versammelte liberale Establishment der Stadt,
dass Olympia eine gute Sache sei – und das eigene Bewerbungskonzept
zutiefst verantwortungsvoll. Ähnlich konsterniert wie jetzt zeigte sich der
damalige Senat unter Olaf Scholz (SPD) im November 2015, dass eine Mehrheit
dagegen war – und Hamburg seine Bewerbung wieder zurückziehen musste.
## Nicht immer nur ein Nein
Daraus abzuleiten, dass die Hamburger:innen die direkte Demokratie nur
nutzen, wenn sie gegen etwas sind, stimmt indes nicht: Zwei Jahre vor dem
ersten Olympia-Referendum warnte etwa der SPD-Senat vehement vor den
Gefahren einer Rekommunalisierung der Energienetze – er wurde dennoch von
einer Mehrheit überstimmt, die damit einer zivilgesellschaftlichen
Initiative folgte.
Und als besonders mutig, dem können nicht mal deren Kritiker:innen
widersprechen, zeigten sich die Hamburger:innen im vergangenen Jahr.
Während im Rest des Landes und vor allem auf Bundesebene der Klimaschutz
gestutzt wurde, entschieden die Hamburger:innen bei der Abstimmung über den
„Zukunftsentscheid“ – gegen drängende Mahnungen wieder von der SPD, Teilen
der Grünen und der CDU: [7][Die Stadt soll schneller, ambitionierter und
dabei sozialer mit ihrer Klimapolitik werden. Durch das Ja beim Referendum
ist der Senat dazu nun gesetzlich verpflichtet.]
Auch schon vor der seit 2011 anhaltenden Regentschaft der Hamburger SPD gab
es mehrere Referenden, die eine klare Mehrheit gegen die Senatslinie
erbrachten. Nur in einem minder relevanten Fall, bei der parallel zum
Zukunftsentscheid gestellten Frage, ob Hamburg ein zweijähriges
Versuchsmodell des Grundeinkommens für einige seiner Bürger:innen
durchführen sollte, folgte die Mehrheit der Wahlberechtigten der
ablehnenden Regierungslinie. In Abstimmungen über erhebliche Sachfragen
erhält die Hamburger Regierung also in gewisser Regelmäßigkeit eine Abfuhr.
Doch ist das so schlimm, dass man sich wie Tschentscher und Co nach der
Wahl so bockig zeigen muss?
Die Vergangenheit hat viel eher gezeigt, dass solche Klatschen fürs eigene
Fortbestehen überhaupt keine Relevanz haben. Die SPD-geführten Senate
eilten danach immer von Wahlsieg zu Wahlsieg, nicht einmal in Umfragen
sacken nach verlorenen Referenden die Zustimmungswerte zum Senat ab, ebenso
wenig die der CDU, wenn sie als Opposition auch auf Senatslinie ist.
## Kein Schaden für die Demokratie
Und auch der Hamburger Demokratie haben solche Abstimmungen bislang nicht
geschadet: Die Kritik kam fast immer aus dem linksdemokratischen Lager, die
AfD war praktisch unsichtbar in jeder solcher Wahldebatten. Direkte und
repräsentative Demokratie kommen anscheinend hier gut zusammen [8][– eine
Idee auch für die Bundesebene?]
Gelassen könnte man also mit einer solchen Niederlage umgehen. Deshalb
verwundert es, wie Teile des liberalen Establishments in den vergangenen
Tagen nun eine vermeintlich gefährliche Spaltung der Stadtgesellschaft
beklagen. Der frühere CDU-Bürgermeister Ole von Beust etwa machte als
Ursache für das Nein aus, [9][dass der „Einfluss des sich als
gesellschaftliche Elite fühlenden Teils der Stadt“ geschwunden sei.] Als
wenn das zu beklagen wäre! Und als wenn das, so von Beust, auch nebenbei
den Aufstieg der AfD erkläre!
Vielleicht erklärt sich solch Jammern und der arrogant vorgetragene Ärger
am Tag nach der verlorenen Wahl, bei der Tschentscher, Fegebank und Grote
von Selbstkritik nichts wissen wollten und der erfolgreichen
Nolympia-Kampagne auch noch manch kleine Spitze reindrücken mussten, so:
Nervig ist diese kritische Stadtöffentlichkeit, die mehr Transparenz beim
Vorhaben einforderte als anderswo. Denn weder in München noch in
Nordrhein-Westfalen sahen sich die Regierenden genötigt, vor den Wahltagen
ähnlich detaillierte Durchführungs- und Finanzkonzepte vorzulegen wie in
Hamburg. Die Hamburger Konzepte ließen sich dann umso einfacher kritisch
und ohne jede rechtspopulistische Note auseinandernehmen.
Da nun aber auch niemand aus der Opposition oder der Stadtgesellschaft mit
Verve Konsequenzen, gar Rücktritte oder grundlegende Richtungswechsel
einfordert, dürfte auch der Senat wie schon bei den vergangenen Schlappen
in Referenden wissen: Sobald es wieder zur Tagesordnung übergeht, sobald
der Senat wieder seine übliche Arbeit verrichtet, dürfte die Zufriedenheit
mit ihm wieder gewohnt hoch sein. Bis zum nächsten Referendum.
6 Jun 2026
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(DIR) [9] https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article412162393/ole-von-beust-zum-referendum-die-olympiabegeisterung-war-eine-blase.html
## AUTOREN
(DIR) André Zuschlag
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