# taz.de -- Kanzlerbesuch beim DGB: Mit Pfiffen gegen erzieherische Ratschläge
       
       > Der Bundeskanzler erntet bei den Gewerkschaften lautstarke Kritik für
       > seine Reformagenda. Auch Arbeitsministerin Bas muss sich eine Mahnung
       > anhören.
       
 (IMG) Bild: Daumen runter für Friedrich Merz: Protest während der Rede des Bundeskanzlers beim DGB-Kongress
       
       Für den Kanzler gab es Buhrufe und Pfiffe, für die Arbeitsministerin
       mahnende Worte und demonstrativen Applausentzug: Auf dem Kongress des
       Deutschen Gewerkschaftsbunds mühten sich erst Friedrich Merz (CDU) und dann
       Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) ab, die geplanten Sozialreformen den
       Arbeitnehmer*innen irgendwie schmackhaft zu machen. Doch beide
       Politiker*innen drangen am Dienstag kaum zu den Delegierten durch, die
       [1][wegen der geplanten Aufweichung des 8-Stunden-Tags] und [2][Merz'
       Äußerungen zur Rente] ohnehin schon in Wallung waren.
       
       Der Bundeskanzler trug sein Redemanuskript trotz des Pfeifkonzerts stoisch
       vor und ging auch nicht auf die lauten Zwischenrufe aus dem Saal ein. Merz
       hüllte seine Grundaussage, dass in Krisenzeiten nun mal alle den Gürtel
       etwas enger schnallen müssen, in eine lehrerhafte Rhetorik. „Ich erwarte
       eine Offenheit für Veränderungen“, sagte der CDU-Chef in die
       zwischenzeitlich eisige Stimmung des Kongresszentrums in Berlin. Denn die
       Gewerkschafter*innen sahen sehr wohl, dass Merz bei den
       Arbeitnehmer*innen und Arbeitslosen den Gürtel am engsten schnallen
       will. „Alle werden etwas geben müssen“, sagte der Kanzler, sprach dann aber
       vor allem Einsparungen auf der Seite der Arbeitnehmer*innen an.
       
       Auch Bas befand sich in ihrer Rede merklich in der Defensive; der mit der
       SPD eng verflochtene Gewerkschaftsbund verweigerte der Parteichefin über
       lange Strecken ihrer Rede den Applaus. Grund für die Stille im Saal war,
       dass ausgerechnet Bas den Entwurf für eine Reform präsentieren soll, mit
       der die Gewerkschaften um einen wichtigen Teil ihres politischen Erbes
       fürchten: Den hart erkämpften 8-Stunden-Tag. „Wir bitten dich, dass die
       Regierung von dem Vorhaben abrückt“, mahnte [3][die frisch wiedergewählte
       DGB-Präsidentin Yasmin Fahimi] die Arbeitsministerin noch.
       
       ## Zerknirscht und opferbereit
       
       Doch Bas wusste es in ihrer Rede gekonnt, das alte Lied der
       Sozialdemokratie zu spielen, in der man gleichsam zerknirscht wie
       opferbereit auf die Notwendigkeiten realpolitischer Macht verweist. „Wenn
       es nach der SPD und auch mir persönlich geht, würden wir das Thema
       Arbeitszeit gar nicht erst anfassen“, sagte sie unter Applaus der
       DGB-Delegierten. Und dann: „Aber es steht im Koalitionsvertrag.“ Danach
       wurde es still während ihrer restlichen Redezeit.
       
       Das macht das Spannungsfeld deutlich, in dem sich Schwarz-Rot bewegt, wenn
       das Bündnis am Dienstagabend erneut zu einem Koalitionsausschuss
       zusammenkommt. Union und SPD wollen bei dem Treffen Einigungen für ihre
       geplanten Sozialreformen erzielen. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD)
       hatte bereits am Montagabend bei dem mehrtägigen DGB-Kongress erneut
       Entlastungen für diejenigen gefordert, die zwischen 2.500 und 4.000 Euro
       verdienen. Dafür brachte er auch die Reformpläne der SPD für die
       Erbschaftsteuer ins Spiel, [4][die er sich zunächst nicht zu eigen gemacht
       hatte]. „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, dafür kämpfen wir“, sagte
       der SPD-Co-Chef unter Applaus.
       
       ## Merz gibt ein Versprechen seines Vorgängers auf
       
       Ganz anders sah es der Chef der Unionsfraktion, Jens Spahn. Er gilt in der
       Koalition als deutlichster Gegenspieler Klingbeils und soll bei einem
       Treffen der Regierungsparteien vor einem Monat eine frühzeitige Einigung
       bei der geplanten Steuerreform verhindert haben. In einem Podcast des
       Mediums „Table Briefings“ forderte Spahn [5][eine pauschale Kürzung aller
       Subventionen] und Steuervergünstigungen um fünf Prozent zur Finanzierung
       der Steuerreform.
       
       Merz ging in seiner Rede beim DGB auf keine dieser konkreten Forderungen
       ein und blieb auch sonst eher im Allgemeinen. Gleichzeitig kündigte er
       jedoch das Versprechen des ehemaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) von
       vor vier Jahren auf, der in der Folge des Ukrainekriegs angekündigt hatte,
       die Menschen mit den gestiegenen Energiepreisen und Lebenshaltungskosten
       nicht allein zu lassen. „Auch wenn es schwierig ist, diese Zusage war zu
       optimistisch“, sagte Merz nun. „Niemand kann sich heute den Veränderungen
       entziehen.“
       
       Als größte Herausforderung gab er aus, dass die Sozialabgaben im Land nicht
       auf mehr als 50 Prozent steigen dürften. [6][Mit den Kürzungen bei den
       gesetzlichen Krankenkassen] habe die Regierung schon etwas dagegen
       unternommen, nun folgten mit den Reformen bei Rente und Pflege weitere
       Schritte. „Die Kosten in diesem Land sind zu hoch“, sagte Merz und betonte,
       dass es ihm nicht um die Nettolöhne der arbeitenden Menschen gehe. „Es sind
       die Steuern und Abgaben, es sind die Bürokratie- und Energiekosten.“
       
       ## Ergreift der Kanzler die Hand der Gewerkschaften?
       
       Jeder, der es sehen wolle, könne feststellen, dass die Bundesregierung die
       Dinge anpacke. Hämisches Gelächter erntete Merz dann vor allem für seine
       Aussage, dass die Reformen „keine Bösartigkeit“ von ihm seien. Die
       Gewerkschafter*innen haben also zumindest ihre Zweifel daran.
       
       [7][DGB-Vorsitzende Fahimi] hatte zur Begrüßung von Merz betont, die
       Gewerkschaften sähen sich nicht in der Rolle des Verhinderers und seien
       offen für den Dialog. Es müsse aber eine gerechte Lastenverteilung in der
       Sozialpolitik geben. So plädierte sie auch dafür, bei den Reformplänen für
       die Rente die Ergebnisse [8][der Expertenkommission] nicht „zu hektisch“ in
       Gesetze zu überführen, sondern sie vorher mit den Gewerkschaften
       „abzugleichen“. Die Hand der Arbeitnehmer*innen ist also ausgestreckt
       – offen ist, ob die Regierung sie tatsächlich ergreift.
       
       12 May 2026
       
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