# taz.de -- Kanzler beim Deutschen Gewerkschaftsbund: Spalter Merz
> Der Kanzler hat offenbar kein Interesse an Kompromiss und Integration.
> Wenn er noch Erfolg haben will, muss er den Neoliberalen in sich
> bändigen.
(IMG) Bild: Mal wieder besticht Merz im Zwietrachtsähen
Mut hat er ja. Man muss Friedrich Merz zugutehalten, dass er sich zum
Gewerkschaftskongress traut. Das ist kein Wohlfühltermin für einen, der
einst einen „an die Leistungsgrenzen gelangten Sozialstaat“ beklagte, der
2008 prophezeite, „dass unsere Form der Mitbestimmung in 10 bis 15 Jahren
keine reale Bedeutung mehr haben wird“ und der bis heute findet, dass die
Arbeitnehmer:innen in Deutschland zu wenig arbeiten und zu oft krank
machen.
Merz denkt klassisch neoliberal. Aber als Kanzler ist er eben allen
Menschen verpflichtet und nicht nur den Aktionären. Deutschland, da hat er
recht, braucht Reformen. Es ist nicht gerecht und auf Dauer auch nicht
tragbar, dass vor allem die Beitragszahler:innen die Kosten einer
alternden Gesellschaft tragen. Es ist gut, dass es dieses Netz gibt, es
macht den Faktor Arbeit aber eben auch teurer. Aber in einem
korporatistisch verfassten Land lässt sich all dies miteinander besprechen.
Wenn man will.
Aber will Merz das überhaupt? Er nahm jedenfalls nicht den Ball auf, den
ihm die wiedergewählte DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi zuwarf: Man möge
miteinander ins Gespräch kommen – ob bei Rente, Arbeitszeit oder über die
Zukunft des Industriestandortes. Stattdessen ermahnte der Kanzler die
Delegierten, sie mögen nicht auf der Bremse stehen – und war schon wieder
ganz im gewohnten Duktus des oberlehrerhaften Besserwissers.
Erst vergangene Woche fuhr die Regierung spektakulär mit ihrem
1.000-Euro-Krisenbonus gegen die Wand. Nun will man einen erneuten Anlauf
nehmen, und zwar wieder, ohne sich mit Ländern und Sozialpartnern
abzustimmen. Das Scheitern ist vorprogrammiert. Zudem treibt Merz den Keil
in die Gesellschaft, indem er mal eben den Grundsatz seines Amtsvorgängers
aufkündigt: You’ll never walk alone. Olaf Scholz versprach eine
Zeitenwende, die niemandem wehtun sollte. Vielleicht war das in der Tat zu
optimistisch. Merz kündigt nun an, Prioritäten zu setzen, jeder müsse einen
Beitrag leisten – erwähnt aber mit keiner Silbe Topverdiener:innen
oder Vermögende. Denn die sind im Merz’schen Kosmos die eigentlichen
Leistungsträger:innen – ihre Steuern will die CDU auf keinen Fall
erhöhen.
Vor dem Hintergrund der schnell wachsenden Verteidigungsausgaben befeuert
das Diskurse à la Wohnungsbau oder Raketen. Davon werden aber vor allem
jene profitieren, die finden, dass man die Ukraine schleunigst fallen
lassen und den Ausgleich mit Russlands Präsident Wladimir Putin suchen
sollte. Wenn Merz die Gesellschaft zusammenhalten und das Land stärken
will, dann muss er den Neoliberalen in sich ein Stück weit hinter sich
lassen. Zur Veränderung sollten wirklich alle bereit sein.
12 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Yasmin Fahimi
(DIR) DGB
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Bundeskanzler
(DIR) Bundesregierung
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) DGB
(DIR) DGB
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kanzlerbesuch beim DGB: Mit Pfiffen gegen erzieherische Ratschläge
Der Bundeskanzler erntet bei den Gewerkschaften lautstarke Kritik für seine
Reformagenda. Auch Arbeitsministerin Bas muss sich eine Mahnung anhören.
(DIR) DGB bestätigt Vorsitzende: Yasmin Fahimi will sich gegen Sozialabbau stemmen
Der DGB-Bundeskongress wählt Yasmin Fahimi erneut zur Vorsitzenden. Seit
ihrer ersten Amtszeit hat sich der Wind jedoch gedreht.
(DIR) Angriffe auf den Sozialstaat: DGB beklagt „vergiftete Debatte“
Die Regierung setze „falsche Prioritäten“, kritisiert der
Gewerkschaftsdachverband. Zum Jahresauftakt kündigt er Widerstand gegen
Sozialabbau an.