# taz.de -- Transnistrien im Visier: Russisch wird man jetzt ganz schnell
       
       > Putin hat den Erwerb russischer Staatsbürgerschaften für Bewohner
       > Transnistriens massiv erleichtert. Worauf das hinauslaufen könnte, ist
       > leider klar.
       
 (IMG) Bild: Selbst Menschen mit moldauischem oder ukrainischem Pass können nun unkompliziert russische Staatsbürger werden
       
       Wladimir Putins Kriege beginnen selten mit Panzern. Sie beginnen mit
       Propaganda. Und oft auch mit Pässen: Zuerst verteilt Russland außerhalb
       seiner Grenzen großzügig russische Dokumente – oder erzwingt, diese
       anzunehmen. Dann erklärt der Kreml die dort lebenden Menschen zu „den
       Unseren“ – zu Russen also, die angeblich bedroht, diskriminiert oder
       schutzlos seien. Und irgendwann folgt daraus die Behauptung, Moskau müsse
       sie „schützen“. [1][Notfalls militärisch.]
       
       So lief es in Abchasien und Südossetien in Georgien. So lief es in der
       Ukraine: auf der Krim, in Donezk und Luhansk.
       
       Dass sich ein ähnliches Muster nun auch in der Separatistenregion
       [2][Transnistrien] im Osten der Republik Moldau abzeichnet, wird seit
       Jahren befürchtet. Im Westen herrscht bei solchen Themen oft entweder
       überdrehter Alarmismus oder völliges Desinteresse. Auch ich habe oft
       [3][über die Gefahren geschrieben], Meldungen eingeordnet, die als Beginn
       einer neuen russischen Eskalation interpretiert wurden. Ich will ehrlich
       sein: Man stumpft mit der Zeit etwas ab. Doch eine Nachricht der
       vergangenen Woche hat mich wieder hellhörig werden lassen.
       
       Denn Mitte Mai hat Putin per Dekret den Erwerb russischer
       Staatsbürgerschaften für Bewohner Transnistriens massiv erleichtert. Selbst
       Menschen mit moldauischem oder ukrainischem Pass können nun unkompliziert
       russische Staatsbürger werden. Beantragt werden kann die Staatsbürgerschaft
       nicht nur in Russland selbst, sondern auch in Konsulaten im Ausland,
       einschließlich eines mobilen Konsularpunkts in Tiraspol.
       
       ## Der Weg bis nach Moldau nicht mehr weit
       
       Wer in der Region lebt, besitzt ohnehin oft mehrere Pässe: einen
       moldauischen, rumänischen, ukrainischen, russischen. Je nachdem, welche
       Grenze man gerade überqueren will, wird der passende hervorgeholt. Der Pass
       ist weniger Ausdruck nationaler Identität als praktisches
       Überlebenswerkzeug. Genau das macht die Region so anfällig für
       geopolitische Einflussnahme.
       
       Noch zu Beginn der russischen Invasion 2022 war die Angst groß: Wenn
       Russland Odessa einnimmt, wäre der Weg über Transnistrien bis nach Moldau
       nicht mehr weit, hieß es damals. Doch daraus wurde – glücklicherweise –
       nichts. Gerade deshalb wäre es aber ein Fehler, nur auf Panzerbewegungen zu
       schauen.
       
       Russlands Stärke liegt nicht allein im offenen Krieg, sondern darin,
       systematisch Unsicherheit zu erzeugen: hybride Methoden,
       Einflussoperationen, politische Destabilisierung. Moldau ist dafür
       besonders anfällig. Klein, oft übersehen und durchzogen von prorussischen
       Kräften, die das Land daran hindern wollen, sich enger an Europa zu binden.
       Transnistrien bleibt dabei ein permanenter Stachel [4][im moldauischen
       Staat.]
       
       Putins Dekret muss deshalb nicht bedeuten, dass morgen russische Panzer in
       der moldauischen Hauptstadt Chișinău stehen. Aber der Kreml könnte etwas
       anderes vorbereiten: die politische und juristische Begründung für
       Ansprüche, die er irgendwann, in einer noch ungewissen Zukunft, gebrauchen
       könnte.
       
       ## Verdächtig bekannt
       
       In der Vergangenheit musste man oft nur russisches Staatsfernsehen
       einschalten oder Putins Reden zuhören, um zu verstehen, wohin die Reise
       gehen sollte. Vor allem in Westeuropa wollte man das Gesagte jedoch lange
       nicht ernst nehmen. Nach vier Jahren russischer Großinvasion in der Ukraine
       hätte sich das eigentlich geändert haben müssen.
       
       Man darf und muss also ernst nehmen, wenn Maria Sacharowa, Propagandistin
       des russischen Außenministeriums, in Bezug auf das Dekret erklärt, Russland
       werde auf jede „Aggression gegen unsere Bürger“ in Transnistrien „sofort
       und angemessen“ reagieren. Die Russische Föderation sei bereit, „alle
       notwendigen Mittel“ einzusetzen, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Mir
       kommt diese Rhetorik verdächtig bekannt vor.
       
       23 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=xZPrRgbJfY8
 (DIR) [2] /Pro-russische-Separatisten-Republik/!6179325
 (DIR) [3] /Winter-in-Transnistrien/!6059590
 (DIR) [4] /Vereinigung-von-Moldau-und-Rumaenien/!6142287
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erica Zingher
       
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