# taz.de -- Europas unsichtbare Festung: Die halbe Straße kannte meinen Namen
       
       > Unser Autor reist nach Brasilien und an einem Tag kennt ihn die ganze
       > Straße. Gehört die Zukunft Gesellschaften, in denen Fremde miteinander
       > sprechen?
       
 (IMG) Bild: Eine Sambagruppe bei einem brasilianischen Straßenfest
       
       Grillen dröhnen, ein Affe balanciert auf der Stromleitung. Mein Kumpel
       schlägt auf sein Pandeiro, ich fülle die Lücken mit dem Shaker. Wir sind
       drei Sekunden vom Jetzt entfernt, einen Schlag von der [1][Zukunft]. Der
       Samba-Beat, den wir spielen, ist 100 Jahre alt. Er entstammt einem Geflecht
       afrobrasilianischer Rhythmen, die über Generationen entstanden.
       
       Die Vibration der Felle zerlegt die Wirklichkeit in Einzelteile. Die Welt
       ergibt kurz Sinn. Ab und zu kommen Leute vorbei und tanzen. In Berlin, wo
       wir seit Jahren im Park trommeln, ist das noch nie passiert.
       
       In São Paulo spricht der Stadtführer wie bei einem Ted Talk. Vor 100 Jahren
       war die heutige 12-Millionen-Stadt fast noch eine Kleinstadt. Heute gibt es
       81.000 Obdachlose. Er intoniert es wie einen Fun Fact.
       
       Von ihnen ist nichts zu sehen am Museum Paço das Artes. Chico Dub, ein
       Freund hat hier ein kleines Festival organisiert. Wie oft in Brasilien ist
       der Eintritt frei – wie immer gibt es kein Szene-Gehabe. Noise der
       Musikerin Natasha Xavier, Death Metal von Kombi in Kollaboration mit der
       Tänzerin Maristela Estrela und Bossa Nova wechseln sich ab. Drei ältere
       Frauen tanzen selbstvergessen neben einem Paar in Black-Metal-Shirts zum
       experimentellem Baile Funk von Levi Keniata.
       
       Mein Kumpel steht weiter hinten und raucht mit neuen Freund*innen
       Maconha. Er kennt sie seit drei Minuten. Das passiert immer wieder.
       Einander vertrauen, ohne sich zu kennen – und ohne anschließend den
       faustischen Pakt mit dem [2][Instagram-Algorithmus] einzugehen.
       
       ## Improvisation auf dem Bürgersteig
       
       Eine Woche später sitzen wir in Recife auf dem Bürgersteig. Eine Kakerlake
       sprintet auf uns zu, als wollte sie mitmachen. Wir improvisieren mit zwei
       Musiker*innen, die wir in der Nacht zuvor auf einem Coco-Event in Olinda
       kennenlernten. Organisiert hat es Beth de Oxum, eine 62-jährige Musikerin,
       die einst dafür kämpfte, [3][dass Frauen] überhaupt trommeln dürfen.
       
       Weil wir zu früh sind, führt sie uns durch ihr Studio, wo sie kostenlose
       Trommelkurse gibt. Als wir um Mitternacht zurückkommen, begrüßt uns die
       halbe Straße beim Namen. Wir haben uns nie vorgestellt, die Nachbarn hatten
       unseren Gesprächen zugehört.
       
       Abends in einer Bar denke ich an die, die wir kennengelernt haben. An
       Bruna, die im Sommer nach Europa reisen wollte, aber ihren Flug storniert
       hat – aus Angst vor dem Krieg. Die europäische Festung scheint auch ohne
       Mauern zu funktionieren.
       
       Ich denke an João, der als Verkäufer in einem NBA-Store arbeitet und mir
       stolz Fotos vom Laden zeigt. In Deutschland sprechen Leute über Arbeit wie
       über eine Krankheit.
       
       Und an Francisco, der sich als „bekannter Trinker“ vorgestellt hatte und ab
       1 Uhr nachts lebensbejahende Wahrheiten in Schrei-Lautstärke verkündet.
       
       ## Brücke für ein paar Takte aufbauen
       
       Mein Handy vibriert. Es ist Andrea, die beim Hinflug neben mir saß und in
       Frankfurt a. M. ihren Sohn besuchte, um dessen PhD in Nuklearphysik zu
       feiern. Sie fragt, wie es mir gehe – und meinem Vater. Grotesk, dass sie
       meinen Kumpel mit meinem Vater verwechselt – auch, weil unsere Väter beide
       kürzlich gestorben sind.
       
       Auf dem Rückweg zur Pension erzählt mir ein Typ vom Mythos der Huni Kuin.
       Ein großer Alligator verband einst die Kontinente und half den Menschen bei
       der Nahrungssuche. Als sie begannen, auch seine Verwandten zu jagen, zog er
       sich zurück. Seitdem sind Menschen und Orte voneinander getrennt.
       
       Womöglich laber ich Müll, aber vielleicht ist unsere Musik der Versuch, die
       Brücke für ein paar Takte wieder aufzubauen.
       
       Ich sage meinem Freund, dass ich Andrea antworte, Papa gehe es gut, doch er
       würde gerade sehr lange schlafen. Wir lachen. Hinter den Häusern glitzert
       das Meer. Wind weht.
       
       26 May 2026
       
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