# taz.de -- Vereinigung von Moldau und Rumänien: Vision, Versicherung – oder Verrat?
       
       > Für ihr Land werde es schwieriger, als demokratischer und souveräner
       > Staat zu überleben, sagt die Präsidentin der Republik Moldau. Hat sie
       > recht?
       
 (IMG) Bild: Die moldauische Präsidentin Maia Sandu in Chișinău, Moldau, am 1. November 2025
       
       Zuversicht gehört vermutlich zu den unerlässlichen Eigenschaften eines
       Staatsoberhaupts. Zuversicht macht das Amt einfacher – und mit ihr lässt
       sich Politik gegenüber der Bevölkerung besser verkaufen.
       
       Ich selbst neige eher weniger zur Zuversicht. Das heißt nicht, dass ich
       grundsätzlich pessimistisch bin, aber Präsidentin oder Regierungschefin
       werde ich – glücklicherweise – nie.
       
       Ob [1][Maia Sandu] ein zuversichtlicher Mensch ist, hätte ich sie gern
       gefragt, nachdem ich sie im britischen Podcast [2][„The Rest is Politics“]
       gehört habe. „Schauen Sie sich an, was in der Welt geschieht“, sagte die
       Präsidentin der Republik Moldau. „Für ein kleines Land wie Moldau wird es
       immer schwieriger, als Demokratie, als souveränes Land zu überleben und
       natürlich Russland zu widerstehen.“ Sollte es ein Referendum über eine
       Vereinigung mit Rumänien geben, fügte sie hinzu, würde sie dafür stimmen.
       
       Eine Präsidentin, die sich für die Auflösung ihres eigenen Landes
       ausspricht – das klingt nicht besonders zuversichtlich. Sandu aber meint es
       ernst. Denn Moldau, so ihre Diagnose, ist ein Staat, der allein schwer
       überlebensfähig ist: zu arm, zu verwundbar. Und vor allem: zu stark bedroht
       durch Russland.
       
       ## Ein Notfallplan
       
       Die Idee der Unirea, der Wiedervereinigung mit Rumänien, begleitet die
       moldauische Politik seit Jahrzehnten. Sie verweist auf die Zeit zwischen
       den Weltkriegen, als Moldau Teil Rumäniens war, bevor Stalin das Gebiet
       annektierte. Lange galt sie als [3][nationalistisches Projekt,] offen
       unterstützt auch von rumänischen Politikern; zuletzt von Präsident
       [4][Nicușor Dan] im Jahr 2025. Maia Sandu knüpft daran zwar an, verschiebt
       jedoch die Bedeutung: Für sie ist die Vereinigung keine identitätsstiftende
       Vision, sondern ein Notfallplan.
       
       Man kann es auch härter formulieren: Sandu spricht aus, was längst
       offensichtlich ist: Dass der moldauische Staat in seiner jetzigen
       Verfasstheit – demokratisch, proeuropäisch, westlich orientiert –
       Vergangenheit werden könnte, sollte das Nachbarland Ukraine der russischen
       Aggressionen unterliegen; und dass Moldaus Souveränität nur so lange gilt,
       wie Russlands Machthaber Wladimir Putin andere Prioritäten hat.
       
       Was hieße Vereinigung in dieser Logik? Weniger Verrat als
       Lebensversicherung. Lieber aufgehen in einem EU- und Nato-Mitgliedstaat wie
       Rumänien, als allein unterzugehen zwischen russischem Druck, eingefrorenen
       Konflikten wie dem abtrünnigen [5][Transnistrien] und innerer Instabilität.
       
       Maia Sandu weiß allerdings, dass diese Exitstrategie derzeit keine Mehrheit
       hat. Laut Umfragen von September 2025 befürwortet nur etwa ein Drittel der
       Bevölkerung einen Anschluss an Rumänien, mehr als 45 Prozent lehnen ihn ab.
       
       Politisch bleibt der Weg steinig: Sandu wurde 2024 zwar wiedergewählt,
       einem Referendum für einen EU-Kurs stimmten die Menschen aber nur knapp zu.
       Sandus „Partei der Aktion und Solidarität“ errang 2025 die
       Parlamentsmehrheit, doch die russische Einflussnahme war jedoch enorm. Und
       bis zur EU-Mitgliedschaft 2030 – Sandus erklärtem Ziel – ist es ein weiter,
       unsicherer Weg.
       
       Und hier bleibt der bittere Beigeschmack. Denn was sagt es über Europa,
       wenn eine prowestliche Präsidentin zu dem Schluss kommt, dass der Weg nach
       Westen unter solchen Bedingungen über die Selbstauflösung des eigenen
       Landes führt?
       
       Sandu verkauft die Vereinigung nicht als Vision. Sie verkauft sie als
       letzte Option. Als das kleinere Übel. Das ist ehrlich. Und genau deshalb so
       verstörend.
       
       Vielleicht liegt in Sandus Aussage bei aller Brutalität doch etwas
       Zuversichtliches.
       
       Sie benennt die Lage, hat einen Plan und erstarrt nicht in Angst. Und doch
       sollten die westlichen Europäer aufwachen: Greift Sandus Exitstrategie, war
       Russland stärker.
       
       22 Jan 2026
       
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