# taz.de -- Gustave-Courbet-Schau im Folkwang Essen: Auf seinen Bildern sind ihre Füße staubig
> Das Museum Folkwang in Essen zeigt jetzt in einer großen Retrospektive
> Gustave Courbet als wandlungsfähigen Künstler aus dem Frankreich
> Napoleons III.
(IMG) Bild: Pikant: Weiblicher Akt mit Hund von Gustave Courbet, Öl auf Leinwand, 1861 – 1862
Nur Rembrandt hat sich häufiger selbst gemalt als Gustave Courbet. Doch
während der Niederländer sich [1][in seinen Selbstporträts] im Laufe seines
Lebens immer schonungsloser betrachtete, sind Courbets Selbstbildnisse ein
virtuoses, verwirrendes Maskenspiel, in dem er sich immer wieder neu
inszenierte. Im Museum Folkwang bildet eine Auswahl dieser aufregenden
Selbstporträts den Auftakt der in neun Kapiteln arrangierten Retrospektive.
Sie zeigt unter dem Titel „Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“ 100
Werke aus allen Schaffensphasen des Franzosen, darunter 85 Gemälde.
Zwar fehlt das berühmteste seiner Selbstporträts – „Der Verzweifelte“ ist
im Besitz der Qatar Museums –, aber „Le Fou de peur“ (Der vor Angst
Wahnsinnige) von 1844 ist mindestens ebenso eindringlich: Es zeigt den
jugendlichen Maler mit angstgeweitetem Blick, die Linke rauft das Haar, die
Rechte greift nach vorne ins Nichts, den halb knienden Körper scheint es in
einen Abgrund zu ziehen, doch der Vordergrund wirkt unvollendet, nur grob
schraffiert in Weiß, schmutzigem Grau und Braun.
Zwei Jahre zuvor malte er sich in altmeisterlicher Manier mit bravem
Scheitel und schwarzem Hund, fünf Jahre später stellte er sich dar als
Bohemien mit Pfeife und lässig-überlegenem Gesichtsausdruck, 1866
präsentierte er sich als „L’Homme blessé“ (Der Verwundete), 1867 als
Cellist, dessen Fingerhaltung am Instrument verrät, dass er das Instrument
gar nicht beherrschte. Höhepunkt dieses provozierenden Spiels mit
Identitäten: „Autoportrait sous forme d’une pipe“ – ein Selbstporträt in
Gestalt einer Pfeife von 1858, das an einer grob verputzten Wand lediglich
eine schwarze Pfeife zeigt, die wiederum an einer roten Schnur baumelt.
Sollte das ein Witz sein? Oder den Leuten zeigen: Ihr kriegt mich nicht zu
fassen? Rechts unten prangt selbstbewusst in roten, leicht nach links
geneigten, sorgfältig wie in Druckschrift gemalten Lettern „Gustave
Courbet“, mit extra großem C.
## Wer war er, dieser Courbet?
So hat er es bis zuletzt gehalten und seine Bilder stets mit diesen exakten
Buchstaben signiert wie mit einem Stempel. Seine Schreibschrift, die man in
ausgestellten Briefen sehen kann, neigte sich stark nach rechts und hatte
nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner Signatur. Wer war er, dieser
Courbet?
Eine der größten Qualitäten der fulminanten Essener Schau, die in
Zusammenarbeit mit dem Wiener Leopold Museum entstand, ist, dass sie diese
Frage nicht beantwortet. Sondern Courbet als multiple
Künstlerpersönlichkeit zeigt, die man sowohl in der Wahl der Sujets als
auch stilistisch als enorm wandlungs- und entwicklungsfähig begreifen
lernt.
Geboren 1819 in Ornans im Franche-Comté, ging Courbet 1839 nach Paris, ab
1844 stellte er im Salon aus und sorgte für Kontroversen, da er sich
konsequent akademischen Konventionen widersetzte und sich vom Idealismus
und von der Historienmalerei abwandte. Banale Alltagsszenen, für die zuvor
bestenfalls kleinere Formate üblich waren, bannte er in XXL. Das galt
damals als skandalös, erregte aber zugleich Aufmerksamkeit. Besonders
eindrucksvoll das Großformat „L’Après-dînée à Ornans“ (Nach dem Abendessen
in Ornans) von 1849, das eine in Brauntönen gehaltene Szene mit
schweigenden Männern an einem Tisch zeigt, so unspektakulär und
stimmungsvoll, dass man sich dazusetzen möchte.
Er malte soziales Elend, ohne zu moralisieren, aber er hatte auch ein
Faible für das Sujet der Jagd, die nun nicht mehr ein feudales Privileg
war. Das dramatische Riesenformat „Le Cerf à l’eau ou Le Cerf forcé“ (Der
Hirsch am Wasser oder Der getriebene Hirsch) ist eines der Glanzstücke der
Schau. Man glaubt den Schrei des todgeweihten Zwölfenders zu hören, der im
Sprung ins Wasser den Kopf verzweifelt in den unheilvoll düsteren Himmel
streckt.
## Ihre Füße sind staubig, müde von langen Wegen
Revolutionär war Courbet auch als Aktmaler, auch [2][sein Skandalbild
„L’Origin du monde“ (Der Ursprung der Welt)] von 1866, das lange im Besitz
des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan war, ist in Essen zu
sehen und verblüfft noch immer in seiner ungeschönten Genauigkeit.
Hinreißend auch „La Bacchante“ (Die Bacchantin) von 1850, die keine
mythologische, idealisierte Figur ist, sondern sinnlich direkt und enorm
lebendig wirkt. Auffallend bei Courbets Frauenakten sind die Füße, die er
nicht porzellanweiß wie im Klassizismus malt, sondern staubig, müde von
langen Wegen.
Weitere Kapitel der Ausstellung widmen sich Courbets Landschaftsbildern
vorzugsweise aus dem heimatlichen Ornans, den großartigen Meerbildern mit
brechenden Wellen und den berühmten Felsen von Étretat, den immer pastöser
gemalten Bilder von Grotten und Quellen und schließlich dem Spätwerk, das
im Schweizer Exil entstand. [3][Sein politisches Engagement während der
Kommune] hatte ihm eine Verurteilung eingebrockt, vor der er an den Genfer
See entkam. In diesem letzten Kapitel wird Melancholie spürbar, der
Rastlose malte mit ungebrochener Schaffenskraft betörende Sonnenuntergänge.
Bei denen beginnt die Farbe als Vorahnung des Impressionismus zu vibrieren.
18 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Regine Müller
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