# taz.de -- Afghanische Familie abgeschoben: Eine Stadt steht auf
       
       > Eine vorbildlich integrierte afghanische Familie wurde aus Emden nach
       > Schweden abgeschoben. Viele Menschen fordern ihre Rückholung.
       
 (IMG) Bild: Wollen ihre Mitschülerin Nages zurückhaben: Berufsschülerinnen der BBS II
       
       Mitten in Emden, am Hafen, ruft uns eine Limonaden-Wandwerbung zu: „Lass
       ne' Brise Horizont und Freiheit in dein Herz!“ Horizont? Freiheit?
       
       Für die Familie Afzali ist beides so fern wie der Mond. Am 2. März wurde
       sie aus Emden nach Schweden abgeschoben. Spätabends standen unangekündigt
       Polizisten vor der Tür, eine Ärztin, VertreterInnen der Kommune, ein
       Dolmetscher. Zeit, um mehr als das Allernötigste zu packen, blieb nicht.
       
       Derzeit sind Ali Ghorban, Narges, Hanieh, Zahra, Ferishta und Lina Afzali
       im schwedischen Malmö, in einem Camp der Ausländerbehörde Migrationsverket
       untergebracht. Sie leben in einem einzigen, kargen Zimmer: der Vater, die
       schwangere Mutter, die vier Töchter.
       
       Verwaltungsgerichtlich ist die Abschiebung abgesegnet, und nach
       [1][Dublin-III–Verordnung] ist Schweden für das Asylverfahren zuständig.
       Aber das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hätte
       einen Ermessensspielraum gehabt, betont der Flüchtlingsrat Niedersachsen,
       das „Selbsteintrittsrecht“: „Deutschland kann jederzeit beschließen, einen
       Asylantrag zu prüfen, auch wenn es nach den Kriterien der Verordnung nicht
       zuständig ist.“
       
       ## Abschiebung nach Afghanistan droht
       
       2020 war Familie Afzali aus Schweden nach Deutschland gekommen, aus Angst
       vor [2][Abschiebung nach Afghanistan]. Die droht jetzt.
       
       Die Familie hat in Emden viel Rückhalt. In einem Brief hat die
       Westerburgschule, auf die Zahra und Lina gegangen sind, dem parteilosen
       Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff erklärt, warum die Abschiebung „aus
       unserer Sicht ein Fehler“ ist. Zahra und Lina würden „schmerzlich
       vermisst“.
       
       Die Berufsbildenden Schulen Frisör/Körperpflege Emden, kurz BBF II haben
       sich für ihre Schülerin Narges an Kruithoff gewandt. Sie sei „ein
       eindrucksvolles Beispiel für gelingende Integration“.
       
       Auch die Oberschule Borssum, wo Hanieh zur Schule geht, schrieb einen
       Unterstützungsbrief. Man könne die Abschiebung „nicht nachvollziehen“.
       
       Das Hilfsnetzwerk „Ankern in Emden“ hat sich gegründet. Jüngst haben Ilse
       Scheibe und Thomas Sprengelmeyer, die es leiten, Bundesinnenminister
       Alexander Dobrindt (CSU) einen offenen Brief geschrieben. Darin heißt es:
       „Die Sinnhaftigkeit, eine Familie aus unserer Stadtgemeinschaft
       herauszureißen, deren Mitglieder sich beruflich/schulisch und sozial sehr
       gut integriert haben, erschließt sich uns in keiner Weise!“
       
       Sie sprechen von der „gravierenden traumatisierenden Wirkung“ der
       Abschiebung, von „verachtender“ Behandlung, auch von Enteignung, denn der
       komplette Besitz, Auto inklusive, blieb in Deutschland. Scheibe zur taz:
       „Wir hoffen, dass sich die [3][Härtefallkommission des niedersächsischen
       Landtags] für eine Rückholung einsetzt.“
       
       Auch Kruithoff bekam Post von „Ankern in Emden“. Seine Antwort: Die
       Anteilnahme sei „bemerkenswert“ und berühre ihn sehr, aber die Kommune sehe
       sich verpflichtet, „die geltende Rechtslage umzusetzen“.
       
       Sechs der 50.000 Einwohner der Stadt fehlen jetzt. Und sie werden vermisst.
       
       ## Mitschülerinnen protestieren
       
       In der BBS II ist unübersehbar, dass Narges fehlt: Ihr Name steht an einem
       Friseurtrolley, an einem Trainingskopf. Ihr Arbeitsplatz ist unbesetzt.
       
       Und dann war da diese Aktion bei der 14. Nationalen Maritimen Konferenz,
       die bis vorvergangene Woche Emden geprägt hat: „Wir sind einfach ganz nach
       vorne gegangen“, erzählt die Schülerin Sina Büttner, „und haben ein Plakat
       hochgehalten: ‚Free Narges. Niemand gehört abgeschoben.‘“ Mitschülerin Luna
       Jetses fügt hinzu: „Das war eine ganz spontane Idee.“ Derzeit ist ein Video
       in Arbeit, über Narges und die Folgen Ihres Fehlens.
       
       „Das ist so traurig“, sagt Shakir Al-farttoosi, ein weiterer Mitschüler von
       Narges. „Als wir von der Abschiebung erfahren haben, waren wir völlig
       schockiert.“ Er fügt an: „Manchmal, in der Nacht, beim Einschlafen, denke
       ich mir jetzt: Morgen bist du vielleicht auch weg.“
       
       „Eine menschliche Tragödie!“, sagt die Lehrerin Ramona Mezger. „Wichtig ist
       doch, dass junge Menschen Vertrauen in Staat und Politik haben, vor allem
       die Zuversicht, hier sicher zu sein. Aber wie soll ich nach einer
       derartigen Abschiebeaktion diese Zuversicht vermitteln, dieses Vertrauen?“
       Dann sagt sie: „Narges' Name steht auf der Klassenliste ganz oben, auf
       ‚abwesend‘ gesetzt. Jedes Mal, wenn ich das sehe, kommen mir die Tränen.“
       
       Zorn ist spürbar in der BBS II, Ohnmachtsgefühle. Und der Drang, sich nicht
       abzufinden, erneut aktiv zu werden. Shakir sagt: „Wir bleiben da dran!“
       
       Für das Treffen mit Schülerinnen der Oberschule Borssum stellt Pastor
       Wolfgang Ritter einen Raum in der nahen Erlösergemeinde zur Verfügung. Emma
       M.* und ihre Mitschülerinnen haben an ihrer Schule für Hanieh
       Unterschriften gesammelt – 180 sind es geworden. Haniehs Bücher und Mappen
       haben sie zur Seite gelegt: „Wir hoffen, dass sie zurückkommt!“, sagen sie.
       
       Während sie erzählen, ist zu spüren, wie bewegt sie sind; manchmal bricht
       eine ihrer Stimmen weg. Am Tag nach der Abschiebung habe Hanieh eigentlich
       eine Sprechprüfung gehabt. Aber sie sei nicht gekommen. „Erst wollten wir
       nicht glauben, was da passiert ist“, sagt Emma*. „Es ist schlimm, wenn
       plötzlich eine Freundin von dir weg ist. Wir haben sehr geweint.“
       
       Mit Hanieh stehen die SchülerInnen täglich in Kontakt. Sie habe sich
       verändert: „Als sie noch hier war, war sie glücklich“, sagt Emma. „Jetzt
       spürst du, dass sie depressiv ist. Das merkt man an ihrem Gesicht. Sie will
       lachen, aber das kann sie nicht.“ Sie versuchen Hanieh abzulenken, damit
       sie für ein paar Augenblicke vergisst, wie sie jetzt leben muss. „Dann
       schauen wir uns zusammen alte Videos an, lustige Momente, unsere schönen
       Erlebnisse. Oder reden einfach nur, als wäre sie gerade bei uns. Das gibt
       ihr vielleicht ein bisschen Hoffnung.“ Wärme teilt sich mit, Zuneigung,
       Unverständnis, Empörung.
       
       Sayid Aliullah und Zakera Alizadah, selbst aus Afghanistan, sind mit
       Familie Afzali eng befreundet. „Ich war am Abend der Abschiebung selbst vor
       Ort“, sagt Sayid Aliullah Alizadah der taz, bei einem Glas Tee. „Die
       Polizei ließ nicht mit sich reden, hat mir mit Gefängnis gedroht, wenn ich
       nicht Abstand halte.“ Danach hat er die Wohnungseinrichtung seiner Freunde
       eingelagert. Ein paar ihrer Pflanzen stehen jetzt bei ihm zu Hause. „Es ist
       hart“, sagt Zakera Alizadah. „Das sind so liebe Menschen.“
       
       „In unseren Köpfen und Herzen sind die Kinder Teil unserer Klassen“, sagt
       Katrin Niehues von der Westerburgschule, über Zahra und Lina. Zum
       Ermessensspielraum des Bamf sagt sie der taz: „Wenn die Möglichkeit
       bestand, den Antrag zu überprüfen und eine tolle Familie hier zu behalten,
       finde ich es traurig und fraglich, dass dies scheinbar nicht passiert ist.“
       
       Es gebe im Camp freundliche Mitarbeitende, schreibt Narges Afzali der taz
       aus Malmö. „Aber es gibt auch viele, die uns nicht helfen wollen.“ Die
       Betreuung sei nicht gut. „Wir fühlen uns im Camp unsicher, weil es hier oft
       Schlägereien gibt, teilweise auch mit Messern.“
       
       Es stehe im Raum, Eltern und Kinder zu trennen, weil Geburtsurkunden
       fehlen, die beweisen, dass sie zusammengehören. Es stehe im Raum, Mutter
       und Kindern einen Aufenthaltstitel zu geben, dem Vater nicht.
       
       Auch die Schule sei ein Problem. „Nach den Sommerferien hätte ich mein
       Abitur begonnen und meine Schwester Hanieh die 10. Klasse. Wir haben unsere
       Noten aus Deutschland gezeigt, aber sie wurden nicht akzeptiert. Wir wurden
       drei bis vier Klassen zurückgesetzt.“
       
       Freiheit sieht anders aus.
       
       *Name geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
       
       10 May 2026
       
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