# taz.de -- „Ausländer raus“ in Schweden: Liebes Baby, dein Antrag auf Aufenthalt ist abgelehnt
> Abschiebung von Kleinkindern, Ende des Aufenthaltsrechts bei
> Volljährigkeit: Eine Welle harter Behördenentscheide gegen Migranten
> schockt Schweden.
(IMG) Bild: Es ist kalt in Schweden, wenn man mit dem falschen Pass geboren wurde
Ein acht Monate altes Baby bekommt Post von der Ausländerbehörde. Der
Inhalt, zugespitzt zusammengefasst: Hallo Emanuel, dein Antrag auf
Aufenthaltsgenehmigung in Schweden ist hiermit abgelehnt. Deine Eltern
leben und arbeiten hier zwar ganz legal, aber du wirst nach Iran
ausgewiesen. So sind die Regeln, da können wir leider nichts machen.
Dieser [1][vom schwedischen Radio SR am Freitag bekannt gemachte Fall] mag
nach eingelegtem Widerspruch am Ende glimpflich ausgehen. Selbst der darauf
angesprochene Ministerpräsident Ulf Kristersson meinte, dass das „sehr,
sehr merkwürdig“ klinge. „Wir weisen keine kleinen Kinder ohne ihre Eltern
aus“, sagte der Moderaten-Politiker der Nachrichtensendung Ekot.
Doch die Unsicherheit über Aufenthaltsrecht ist in Schweden gerade so groß,
dass der Fall nicht einfach als bedauerliches Missverständnis wahrgenommen
wird. Im Fokus der Aufregung stehen derzeit vor allem junge Menschen, die
zum 18. Geburtstag plötzlich einen Ausweisungsbescheid erhalten.
[2][Medienberichte über solche Fälle] nehmen kein Ende.
Schulabschluss, Führerschein, Ausbildung oder Studium – all das können sie
vergessen, obwohl Schweden ihr Zuhause ist, obwohl ihre Eltern und ihre
jüngeren Geschwister Aufenthaltstitel haben und bleiben dürfen.
## 3.000 Euro Monatsgehalt erforderlich
Mit 18 gelten Teenager als erwachsen. Und migrantische Erwachsene müssen
härtere Kriterien erfüllen als früher, wenn sie legal in Schweden bleiben
wollen.
Wer eine Aufenthaltserlaubnis aufgrund einer Arbeitsstelle haben will, muss
inzwischen umgerechnet rund 3.000 Euro Monatsgehalt nachweisen, ab dem
Sommer werden es 3.300 sein. Das ist ein großes Problem auch für viele
nichtschwedische Erwachsene, zum Beispiel in der Pflege – auch deren
Schicksale sorgen für Aufregung.
Unwürdig, ist der Tenor der Kritik angesichts dessen, was Teenagern derzeit
passiert. Gerade in Schweden, das sich so viel auf seine Pionierarbeit für
Kinderrechte einbilde. Aus Protest verließ am Samstag der
Politikwissenschaftler Ludvig Beckman den Ethikrat der schwedischen
Migrationsbehörde. „Es wird schwierig, in einem Rat zu bleiben, wenn die
Gesetzgebung Amok läuft“, sagte der Professor der Universität Stockholm
laut dem schwedischen Fernsehen SVT.
Nicht ein einzelnes Gesetz, sondern eine Kombination von Beschlüssen und
Veränderungen ist Ursache für die steigende Zahl von Ausweisungen, [3][sagt
das schwedische Asylrechtszentrum]. So bekommen Kinder nicht mehr
automatisch eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, wenn sie als
Familienangehörige nach Schweden kommen, sondern müssen mindestens drei
Jahre eine befristete Aufenthaltserlaubnis gehabt haben. In vielen der nun
dokumentierten Fälle warten Teenager mehrere Jahre auf die Bearbeitung
ihres Antrags – bis sie 18 sind und plötzlich andere Regeln galten.
Die normale familiäre Bindung reicht zudem für eine Aufenthaltsgenehmigung
nicht mehr aus. Es müsse schon ein ungewöhnliches Maß an Abhängigkeit
bestehen, betont das Asylrechtszentrum mit Hinweis auf ein Urteil des
Obersten Migrationsgerichtshofs. Die Regierung habe zudem die Möglichkeit
von Härtefall-Ausnahmen abgeschafft. Auch die erwähnte deutliche Anhebung
der Lohnuntergrenze spiele eine große Rolle.
## Wechsel von Asyl zu Arbeitsmigration erschwert
Im Fall des Babys Emanuel argumentiert die Behörde mit einer weiteren
Gesetzesänderung: Der sogenannte Spurwechsel wurde abgeschafft. Abgelehnte
Asylbewerber, die zum Zeitpunkt ihres Ablehnungsbescheides bereits einen
Job und ein Leben in Schweden haben, können seit April 2025 nicht mehr
unkompliziert zum Status Arbeitseinwanderer wechseln.
Den Eltern von Emanuel war dies noch möglich gewesen. Aber kurz vor
Emanuels Geburt wurde die Möglichkeit, als Familienangehöriger eines
Spurwechslers eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, abgeschafft. In
Deutschland hingegen haben Kinder von Müttern, die sich legal im Land
aufhalten, Anspruch auf einen Aufenthaltstitel.
Kristerssons Regierung in Stockholm – die von den rechten
Schwedendemokraten abhängige Koalition aus Moderaten und den kleineren
Parteien Christdemokraten und Liberale – versteckt ihr Ziel nicht. Die Zahl
der Menschen, deren Anträge auf Aufenthaltsgenehmigung rechtskräftig
abgelehnt wird, soll weiter steigen. Die Zeit zwischen Ablehnungsbeschluss
und Ausreise soll verkürzt werden, steht im öffentlich einsehbaren
[4][Auftragsbrief der Regierung an die Migrationsbehörde für das Jahr
2026].
## In Schweden ausgebildet, nach Iran abgeschoben
Die 24-jährige Darya und die 20-jährige Donya aus Göteborg konnten sich
nicht vorstellen, ihr Leben in Schweden tatsächlich verlassen zu müssen.
Doch wie die Zeitung Aftonbladet berichtet, mussten die Schwestern ihre
Pflegeausbildung abbrechen und sie wurden im Oktober ohne Familie und
Freunde nach Iran ausgewiesen. Inzwischen herrscht dorthin ein
vorübergehender Abschiebestopp, doch der kam erst danach.
Die beiden Frauen, die sieben Jahre in Schweden gelebt hatten, beschreiben
die Trennung von ihren Eltern und kleineren Geschwistern als den
schwierigsten Teil. Im Iran leben sie nun bei Verwandten.
Die schwedischen Grünen, die Linken und die Zentrumspartei im Reichstag –
keine natürlichen Kooperationspartner – haben sich inzwischen in einer
Ausschussinitiative zusammengetan, um einen eigenen Gesetzesvorschlag
vorzubereiten. Darin soll das Alter, bis zu dem eine Familienanbindung als
relevant gilt, wieder auf 21 Jahre erhöht werden. Außerdem soll die
Härtefallregelung für „besondere Umstände“ wieder eingeführt werden.
Auch die Sozialdemokraten, eigentlich längst auf dem Kurs einer „strammen“
Migrationspolitik, fordern inzwischen ein „unmittelbares Einfrieren“ der
Ausweisungen, bis die Rechtslage geklärt sei und die Regierung einen
Lösungsvorschlag unterbreitet habe. Das sagte ihre migrationspolitische
Sprecherin Ida Karkiainen der Zeitung Dagens Nyheter.
„Ich bin doch nicht gegen Einwanderer“, sagte derweil Migrationsminister
Johan Forssell (Moderate) am Samstag im schwedischen Radiokanal P1. „Ich
bin aber gegen eine Migrationspolitik, die nichts von ihnen verlangt.“ In
Sachen Teenager-Ausweisungen wolle man ein neues Gesetz erarbeiten, das
zumindest den Abschluss des Gymnasiums ermögliche. Aber das brauche Zeit.
15 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.sverigesradio.se/artikel/emanuel-riskerar-utvisning-till-iran-trots-att-foraldrarna-har-uppehallstillstand
(DIR) [2] https://www.aftonbladet.se/nyheter/a/pBWKQo/tonarsutvisningarna-iliya-hann-fylla-18-da-kom-utvisningsbeslutet
(DIR) [3] https://asylrattscentrum.se/sverige/besluten-som-ligger-bakom-tonarsutvisningarna/
(DIR) [4] https://www.migrationsverket.se/Om-Migrationsverket/Styrning-och-uppfoljning.html
## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
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