# taz.de -- Zwei Jahre Bezahlkarte für Geflüchtete: Die Rechnung geht nicht auf
       
       > Die Bezahlkarte für Geflüchtete kostet Geld, Aufwand und den Betroffenen
       > ein Stück gesellschaftliche Teilhabe. Eine Bilanz zum zweijährigen
       > Jubiläum.
       
 (IMG) Bild: In vielen Bundesländern kann man mit der Bezahlkarte nur 50 Euro im Monat abheben
       
       Zwei Jahre Bezahlkarte für Geflüchtete haben vor allem eines gebracht:
       Hürden im Alltag der Betroffenen. Der Wocheneinkauf, ein Handyvertrag,
       Anwaltskosten oder ein Dauerauftrag können mit den eingeschränkten
       Funktionen der Bezahlkarte schnell zum Problem werden. Zugleich schafft die
       guthabenbasierte Debitkarte für Asylbewerber:innen neue Bürokratie und
       kostet viel Geld.
       
       Entsprechend schlecht fällt das Fazit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zum
       zweijährigen Bestehen der umstrittenen Karte aus. „Erschwerte Teilhabe,
       verfehlte Wirkung“, lautet der Titel eines [1][Praxisreports], den der
       Verband am Freitag veröffentlicht hat. Auf Grundlage von Erfahrungen aus
       Beratungsstellen im ganzen Bundesgebiet dokumentiert die AWO die Probleme
       im Alltag mit der Bezahlkarte für Geflüchtete.
       
       So wird die Karte auf vielen Wochenmärkten, Flohmärkten oder in
       Second-Hand-Shops nicht akzeptiert. Nutzer:innen müssen auf teurere
       Supermärkte und Kaufhäuser ausweichen – dabei liegen die Sozialleistungen
       nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) mit 455 Euro im Monat
       ohnehin weit unter dem Existenzminimum. Überweisungen müssen die Behörden
       genehmigen, ins Ausland sind sie verboten. In 13 Bundesländern gilt zudem
       ein Abhebelimit von 50 Euro im Monat, für Kinder sogar noch weniger.
       
       „Da ist das Bargeld oft schon Anfang des Monats aufgebraucht“, sagt Thomas
       Heser, Referent für Flüchtlingssozialarbeit bei der AWO. Vor allem Kinder
       und Jugendliche litten unter den Einschränkungen: Geld für die
       Klassenkasse, Schulausflüge oder den Sportverein würde meist bar
       eingesammelt. Das Abhebelimit steht im Zentrum der Kritik des Verbands.
       „Symbolpolitik“, nennt Heser das, „mit fatalen Auswirkungen auf die
       gesellschaftliche Teilhabe“.
       
       ## Neue bürokratische Prozesse
       
       Startschuss für die flächendeckende Einführung der Bezahlkarte für
       Geflüchtete war eine Änderung des AsylbLG, die am 16. Mai 2024 in Kraft
       trat. Inzwischen wird die Karte in allen Bundesländern außer Berlin
       genutzt, [2][dort soll sie aber noch in diesem Jahr eingeführt werden.] Die
       Ampelregierung versprach sich von der Bezahlkarte weniger Bürokratie.
       Außerdem wollte sie verhindern, dass Sozialleistungen ins Ausland
       überwiesen oder an Schlepper weitergegeben werden. So sollte die Karte
       angebliche Anreize für Flucht und Migration nach Deutschland senken. Für
       diese Abschreckungslogik gibt es bis heute keine Daten.
       
       Die AWO lehnt die Bezahlkarte ab. Laut Report hat sie auch „keine
       erkennbare Reduzierung“ des Verwaltungsaufwands gebracht. „Denn die
       Bezahlkarte schafft neue bürokratische Prozesse“, erklärt Heser. Etwa durch
       die Einrichtung von sogenannten Black- und Whitelists, die zwischen
       erlaubten und verbotenen Überweisungen unterscheiden. Oder durch
       Anhörungsverfahren und Einzelfallentscheidungen, wenn Nutzer:innen
       Überweisungen außerhalb dieser Listen beantragen.
       
       Vorreiter bei der Bezahlkarte war das Land Hamburg, dort zieht die
       Verwaltung eine positive Bilanz. Die Karte habe in Hamburg zu „spürbaren
       praktischen Verbesserungen“ geführt, teilt das zuständige Sozialamt der taz
       mit. „Insbesondere die Umstellung auf ein einheitlicheres und stärker
       digitalisiertes Auszahlungsverfahren hat sich bewährt“, so eine Sprecherin.
       Auch für Nutzer:innen würden sich Vorteile ergeben, etwa durch das
       Wegfallen von Wartezeiten bei der persönlichen Auszahlung vor Ort.
       Grundlegende Funktionsstörungen bei der Nutzung der Karte seien der
       Verwaltung nicht bekannt.
       
       In Potsdam wiederum entschied sich eine Mehrheit im Parlament gegen die
       Bezahlkarte – die Stadt ist heute die einzige Kommune in Brandenburg ohne
       die Karte. „Wir wollen damit Sicherheit für Betroffene schaffen und
       gleichzeitig ein politisches Signal senden“, sagt Amanda Palenberg,
       Integrationsbeauftragte der Stadtverwaltung Potsdam. Einen Mehrwert sehe
       sie in der Bezahlkarte nicht, dafür aber zahlreiche neue Hürden im Alltag
       der Betroffenen.
       
       In Potsdam werden Sozialleistungen nach dem AsylbLG also weiterhin bar
       ausgezahlt, sobald die Betroffenen ein Bankkonto haben dann per
       Überweisung. Die Verwaltung der Auszahlungen klappe gut, von der
       Bezahlkarte verspreche sie sich keine Erleichterung, sagt Palenberg. Im
       Gegenteil: Aus umliegenden Kommunen habe sie mitbekommen, dass bei den
       Whitelist- und Blacklistsystemen erhebliche technische Komplikationen
       auftraten. In Berichten des Landes Brandenburg sei das allerdings „zu
       unkritisch dargestellt worden“.
       
       ## Teures Kontrollinstrument
       
       Die Finanzierung des AsylbLG ist Sache der Länder und Kommunen – und die
       neuen technischen Systeme und Verwaltungsprozesse kosten Geld. In
       Nordrhein-Westfalen waren im Haushalt 2025 rund 12,5 Millionen Euro für die
       Bezahlkarte vorgesehen. [3][Berlin rechnet mit jährlichen Kosten von etwa
       10 Millionen Euro], weit teurer als das bisherige System.
       
       Der Verein „Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender“ kam
       2025 in einer Hochrechnung auf Basis solcher Zahlen auf geschätzte
       Gesamtkosten von 68 Millionen Euro pro Jahr für die Länder. Noch höher
       verortete der Verein die Kosten für die überlasteten Kommunen durch
       personellen Mehraufwand in den Verwaltungen: auf rund 86,5 Millionen Euro
       jährlich.
       
       Für Heser sind das vermeidbare Ausgaben. Das Geld solle lieber Maßnahmen
       fließen, die Inklusion vorantreiben, etwa [4][Sprachkurse], Kinderbetreuung
       oder Beratungsstellen. Auch ein schneller Zugang zum Arbeitsmarkt sei
       entscheidend, damit Asylbewerber:innen ihren Lebensunterhalt selbst
       bestreiten können. „Die Bezahlkarte hingegen erschwert Menschen die ersten
       Schritte in Deutschland“, sagt Heser. Nutzer:innen könnten nicht frei
       über ihr Geld verfügen, alltägliche Zahlungen seien häufig kompliziert oder
       unmöglich. Und das während Asylverfahren, die mitunter mehr als zwei Jahre
       dauern.
       
       Die AWO sieht die Überwachung und Einschränkung von Ausgaben durch die
       Bezahlkarte für Geflüchtete als einen Eingriff in grundlegende
       Selbstbestimmungsrechte. Der Verband warnt, dass Kontrollinstrumente im
       Sozialstaat für bestimmte Gruppen normalisiert werden könnten. Ganz
       unbegründet ist die Sorge nicht: Hamburg arbeitet wohl an einem weiteren
       Pilotprojekt, [5][das die Bezahlkarte auf Jugendliche in der Grundsicherung
       ausweiten soll.]
       
       Damit verfehle die Bezahlkarte den Sinn des Sozialstaats, so die AWO. Im
       Praxisreport betont der Verband: „Sozialleistungen müssen sich weiterhin am
       Ziel orientieren, ein menschenwürdiges Existenzminimum zu sichern und
       gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.“ Und zwar „unabhängig vom
       Aufenthaltsstatus“.
       
       15 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://awo.org/pressemeldung/bezahlkarte-verfehlt-ihr-ziel-awo-kritisiert-neue-huerden-statt-gesellschaftlicher-teilhabe/
 (DIR) [2] /Bezahlkarte-fuer-Gefluechtete/!6102374
 (DIR) [3] /Verschaerfte-Fluechtlingspolitik/!5994678
 (DIR) [4] /Einigung-bei-Integrationskursen/!6178578
 (DIR) [5] /Staatliche-Kontrolle/!6100439
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jule Frank
       
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