# taz.de -- Naturkatastrophen: Wenn „El Niño“ zur Bestie wird
       
       > Die Anzeichen verdichten sich, dass das Wetterphänomen El Niño dieses
       > Jahr besonders heftig wird. Das macht Klimakatastrophen noch
       > gefährlicher.
       
 (IMG) Bild: Auch in Indien nehmen die sturzflutartigen Regenfälle zu, wie hier in Kalkutta 2024
       
       Da ist es wieder, das Christkind: Die Vorhersagemodelle prophezeien in
       diesem Jahr ein besonders starkes El Niño. Das Wetterphänomen tritt
       unregelmäßig, aber durchschnittlich alle vier Jahre auf und bringt die
       Meeresströmungen im Pazifik nahe dem Äquator durcheinander. Die Passatwinde
       wehen hier normalerweise von Ost nach West, was warmes Ozeanwasser von
       Südamerikas Küsten Richtung Indonesien und Australien treibt. Im El
       Niño-Jahr schwächeln die Passatwinde aber, dann erwärmt sich der Ozean vor
       den Küsten Chiles, Perus und Kolumbiens sehr stark – und sorgt weltweit für
       Wetterextreme.
       
       Der Name dieser Wetteranomalie geht auf lange Beobachtungsreihen zurück:
       Nachweislich im 17. Jahrhundert registrierten Fischer in Peru erstmals,
       dass ihnen um die Weihnachtszeit plötzlich keine Beute mehr in die Netze
       ging, die Fischschwärme vor ihrer Küste waren verschwunden. Sie tauften
       dieses Ereignis „El Niño de Navidad“ – wie das neugeborene Christkind. Denn
       zu den fehlenden Fischen kamen einige andere Besonderheiten, die nicht nur
       die Fischer zum Beten veranlassten: heftigere Regenfälle beispielsweise,
       zerstörerische Stürme, längere, heißere Hitzewellen mit Ernteausfällen und
       Hunger.
       
       Heute ist das Wetterphänomen natürlich gut erforscht: Im Normalzustand
       liegt der Temperaturunterschied zwischen östlichem und westlichem Pazifik
       bei etwa zehn Grad. Wenn die Passatwinde Wasser Richtung Osten blasen,
       strömt aus der Tiefe des Pazifiks vor den Küsten Südamerikas kaltes,
       nährstoffreiches Wasser nach, was zu üppigen Fischschwärmen führt. Im El
       Niño-Jahr fehlt dieser kalte Zustrom aus den Tiefen allerdings, weshalb in
       den oberen Wasserschichten das Plankton abstirbt, was zum Zusammenbruch
       ganzer Nahrungsketten führt – und eben auch den Menschen trifft.
       
       Auch die Auswirkungen der Klimaerhitzung auf El Niño sind mittlerweile gut
       erforscht. In einer wärmer werdenden Welt nimmt die Heftigkeit der
       Begleiterscheinungen zu: Wetterextreme wie Hitzewellen oder Sturzfluten
       werden immer heftiger – und zwar existentiell für die Spezies Mensch.
       
       ## Der Klimawandel stärkt El Niño
       
       „Wenn diese Extremereignisse häufiger werden, hat die Gesellschaft
       möglicherweise nicht genug Zeit, sich zu erholen, wieder aufzubauen und
       anzupassen, bevor der nächste El Niño auftritt“, erklärte 2024 Pedro
       DiNezio von der Universität von Colorado. Der Ozeanforscher war damals
       einer der Autoren [1][einer vielbeachteten Studie].
       
       Für ihre Arbeit blickten die Wissenschaftler 21.000 Jahre zurück, also in
       eine Zeit, in der die letzte große Eiszeit Europa und Nordamerika mit einem
       gigantischen Gletscher bedeckte. Daten gewannen die Forschenden vom
       pazifischen Meeresgrund aus Überresten von sogenannten Foraminiferen –
       winzigen Einzellern, die eine Schale aus jenen Chemikalien bauten, die es
       damals im sie umgebenden Meerwasser gab.
       
       So konnte das Team Wassertemperaturen rekonstruieren, und wie sich El Niño
       während dieser kalten Periode verhielt. Das ermöglichte ihm auch, die
       Genauigkeit seiner eigenen Klimamodelle zu testen. Und siehe da: Es gibt
       einen direkten Zusammenhang zwischen der CO₂-Konzentration in der
       Atmosphäre und der Intensität, Extremität und Häufigkeit von El Niño.
       
       Steigt die Konzentration der Treibhausgase, werden die Auswirkungen von El
       Niño also weltweit heftiger. Beispielsweise werden dadurch die
       Niederschläge des indischen Monsuns intensiver, Regen in Ostafrika dagegen
       geringer, was dort Dürren zur Folge hat. El Niño beeinflusst die
       Strömungspumpe in der Antarktis, heizt die Arktis weiter auf, sorgte 2024
       beispielsweise für Regenfluten in der Wüste auf der arabischen Halbinsel
       und führt auch in Europa zu langanhaltenden Dürren.
       
       Seine letzte Hochphase hatte das Christkind zwischen November 2023 bis
       Januar 2024, nach Erhebung der Weltmeteorologie-Organisation das
       fünftstärkste bislang registrierte Ereignis seiner Art. Als bislang
       stärkstes El Niño gilt das aus dem Jahr 1997: Seine Extremwetter
       verursachten Schäden in Höhe von 33 Milliarden US-Dollar und kosteten mehr
       als 23.000 Menschenleben.
       
       ## DWD: „Die Signale für einen El Niño sind sehr deutlich“
       
       Im vergangenen Jahr ergab [2][eine hochauflösende
       Computermodell-Simulation], dass durch die Klimaerhitzung das
       Wetterphänomen stärker ausschlagen wird. „Eine verstärkte Kopplung zwischen
       Atmosphäre und Ozean in einem sich erwärmenden Klima, kombiniert mit
       variablerem Wetter in den Tropen, führt zu einem Übergang in Amplitude und
       Regelmäßigkeit“, fasste Malte F. Stuecker, Hauptautor der Studie, die
       Ergebnisse zusammen.
       
       Nun hat [3][die US-Klimabehörde NOAA berechnet], dass sich in diesem Jahr
       ab voraussichtlich Juni bis August mit 62-prozentiger Wahrscheinlichkeit
       ein neues Christkind vor Südamerika entwickeln und mindestens bis
       Jahresende anhalten wird.
       
       Auch der Deutsche Wetterdienst rechnet mit solch einem Ereignis. „Die
       Signale für einen El Niño sind sehr deutlich, für einen sehr starken
       El-Niño ungewöhnlich hoch“, erklärt Thore Hansen von der Vorhersagezentrale
       in Offenbach. Und so könnte das Jahr 2026 einen neuen Temperaturrekord
       weltweit bringen: 2024 war mit 1,6 Grad mehr das bislang wärmste Jahr im
       Vergleich mit der vorindustriellen Zeit, El Niño war ein zusätzlicher
       Treiber des allgemeinen Trends.
       
       10 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.nature.com/articles/s41586-024-07984-y
 (DIR) [2] https://www.nature.com/articles/s41467-025-64619-0
 (DIR) [3] https://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/analysis_monitoring/enso_advisory/ensodisc.shtml?utm_source=chatgpt.com
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nick Reimer
       
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