# taz.de -- Geheimdienste und Artensterben: „Streitkräfte tragen noch mehr zum Klimawandel bei“
       
       > Geheimdienste warnen immer häufiger vor Klimawandel und Artensterben. Der
       > Experte Doug Weir sagt: Das könnte dem Umweltschutz mehr schaden als
       > helfen.
       
 (IMG) Bild: Hier kommen Panzer schwer voran: Sumpfgebiet im Kampinos Nationalpark bei Warschau, Polen
       
       taz: Herr Weir, Geheimdienste warnen zunehmend vor den Risiken des
       Klimawandels für die nationale Sicherheit. Im Januar veröffentlichten
       britische Behörden auch noch einen Bericht darüber, wie das Artensterben
       die nationale Sicherheit bedroht. Sie befürchten, dass die Zielgruppe
       solcher Berichte – Männer in Anzügen, Männer in Uniform, wie Sie sie nennen
       – aus diesen Warnungen die falschen Schlussfolgerungen zieht. Was genau
       bereitet Ihnen Sorge? 
       
       Doug Weir: Wir beobachten, dass viele Militärs über die Risiken sprechen,
       die der Klimawandel mit sich bringt. Angefangen beim Abschmelzen des
       Meereises in der Arktis über die Auswirkungen auf Militäroperationen bis
       hin zum potenziellen Zusammenbruch von Staaten. Folglich sprechen sie dann
       über die Notwendigkeit, größere Streitkräfte aufzubauen, um sich vor diesen
       Bedrohungen zu schützen, oder neue Seewege in der Arktis sowie Mineral- und
       Ölreserven zu nutzen. Dadurch tragen die Streitkräfte aber noch mehr zum
       Klimawandel bei – der ja die eigentliche Ursache der Bedrohung ist –,
       anstatt Emissionen zu reduzieren, um den Klimawandel zu verlangsamen.
       
       taz: Passiert das zwangsläufig, weil der Klimawandel als Sicherheitsproblem
       dargestellt wird? Der deutsche Umweltminister Carsten Schneider (SPD) zum
       Beispiel [1][betont regelmäßig], dass erneuerbare Energien
       „Sicherheitsenergien“ für die Energieunabhängigkeit seien.
       
       Weir: Wenn wir uns den aktuellen Preisschock bei fossilen Energien ansehen,
       ist das völlig legitim. Was wir jedoch beobachten könnten, sind Probleme,
       die sich aus der Energiewende ergeben, zum Beispiel im Zusammenhang mit der
       Kontrolle kritischer Mineralien, die für erneuerbare Energien notwendig
       sind. Die könnten, wie bisher die fossilen Brennstoffe, zum Mittelpunkt
       großangelegter Strategien werden. Das würde dann auf der militärischen
       Kontrolle dieser Ressourcen basieren und nicht auf der Etablierung einer
       Nord-Süd-Zusammenarbeit oder anderer Systeme zur gerechten und fairen
       Nutzung natürlicher Ressourcen.
       
       taz: Sie haben die Berichterstattung über den Zusammenhang zwischen
       Sicherheit und Klimawandel als sensationslüstern [2][bezeichnet]. Was
       meinen Sie damit? 
       
       Weir: Es gab sehr oberflächliche Medienberichte über die Rolle, die der
       Klimawandel in verschiedenen Konflikten gespielt hat. In Darfur im Sudan
       und im Fall des Bürgerkriegs in Syrien behaupteten einige viel beachtete
       Stücke, dass der Klimawandel diese Kriege verursacht habe. Nur wirkt der
       Klimawandel nicht allein – das sieht man, wenn man die Zusammenhänge
       genauer betrachtet. Dann ist es aber zu spät, denn diese oberflächliche
       Darstellung, dass der Klimawandel unweigerlich Konflikte verursachen wird,
       ist bereits weit verbreitet.
       
       taz: Warum ist das gefährlich? 
       
       Weir: Weil man sich dann nicht mit den eigentlichen Ursachen befasst, warum
       Gesellschaften mit Instabilität konfrontiert sind – was zum Beispiel an
       wirtschaftlicher Ungleichheit liegen könnte. Und je lauter man den
       Klimawandel verantwortlich macht, ohne tatsächlich Beweise vorlegen zu
       können, desto weniger werden die Menschen einem in Zukunft zuhören.
       
       taz: Könnte ein größeres Bewusstsein dafür, wie der Verlust der
       Artenvielfalt die nationale Sicherheit beeinträchtigt, zu einem größeren
       Bewusstsein dafür führen, wie das Militär, Grenzschutzkräfte und bewaffnete
       Konflikte die Artenvielfalt tatsächlich schädigen? 
       
       Weir: Das muss es eigentlich. Wir haben gesehen, [3][wie riesige Teile der
       Naturschutzgebiete in der Ukraine durch den Krieg zerstört wurden]. Arten
       sind verloren gegangen, Lebensräume wurden zerstört. Aber wir sprechen
       nicht wirklich darüber. Das ist ein weiteres zentrales Problem, das wir
       historisch gesehen in der Debatte um Klimasicherheit haben: Für Deutschland
       zum Beispiel führt der Klimawandel in Syrien zu Konflikten, was zu einem
       Zustrom syrischer Flüchtlinge nach Deutschland führt, was dann wiederum
       Sicherheitsrisiken für Deutschland zu bergen scheint. Für Deutschland geht
       es also immer darum, wie sich der Klimawandel auf die nationale Sicherheit
       auswirkt. Es geht nie darum, wie Entscheidungen zur nationalen Sicherheit
       den Klimawandel beeinflussen – [4][zum Beispiel die Emissionen des
       Militärs]. Ich möchte nicht an einen Punkt gelangen, an dem wir nur über
       die Auswirkungen des Artensterbens auf die nationale Sicherheit sprechen,
       ohne darüber zu sprechen, wie Sicherheitspolitik die Biodiversität
       beeinflusst. Das kann von den Folgen des Krieges selbst bis hin zur Frage
       reichen, wie wir Biodiversität in einem Konflikt finanzieren. Wir sollten
       uns nicht engstirnig nur Sorgen wegen des Artensterbens machen, weil es
       unsere nationale Sicherheit beeinträchtigt.
       
       taz: Die baltischen Staaten und Polen denken darüber nach, Moore zu
       erhalten und wieder zu renaturieren, weil russische Panzer dort schwerer
       vorankommen. Könnte das eine produktive Debatte anstoßen? 
       
       Weir: Die Wiedervernässung von Mooren bekämpft die Klimakrise und den
       Verlust der biologischen Vielfalt. Sie trägt zur nationalen Sicherheit bei.
       Genial: eine Win-win-win-Situation. Wir sollten uns nicht scheuen, diese
       Dinge anzuschauen. Aber manchmal, wenn man es mit militärischen Akteuren zu
       tun hat, beschränken sich die Gespräche beispielsweise auf die positiven
       Auswirkungen von Übungsplätzen auf die biologische Vielfalt, und es wird
       kaum hinterfragt, ob das der beste Weg ist, diese Gebiete im Sinne der
       Natur zu pflegen.
       
       taz: Debatten werden oft weniger demokratisch, [5][wenn sie sich auf die
       Sicherheitsaspekte eines Themas konzentrieren] – das sieht man vor allem
       bei der Migrationsdebatte. Besteht diese Gefahr auch, wenn man sich bei
       Klima- und Naturschutz auf die Sicherheit konzentriert?
       
       Weir: Ja. Es stellt sich immer die Frage: Um wessen Sicherheit geht es
       eigentlich? Die Sicherheit des Staates als Ganzes, die Sicherheit von
       Gemeinschaften, ob wir unterschiedliche nationale Vorstellungen von
       Sicherheit haben dürfen oder ob es nur eine westeuropäische Version gibt,
       von der vor allem westeuropäische Länder profitieren. Wenn man mit Menschen
       in Somalia spricht, haben sie eine andere Vorstellung von diesen Themen.
       Zum Beispiel: Was kann der industrialisierte Westen tun, um die Klimakrise
       zu verlangsamen, die unsere nationale Sicherheit untergräbt?
       
       31 May 2026
       
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