# taz.de -- Verkehrspolitik in der Hauptstadt: Warum ich als Fahrradfahrer gegen „Berlin autofrei“ bin
> In Berlin will ein Bündnis Autos aus dem gesamten S-Bahn-Ring verbannen.
> Das ist zu radikal – und ein Geschenk an die CDU.
(IMG) Bild: Die meisten Menschen sind nicht nur Autofahrer oder nur Fahrradfahrer, sondern mal das eine, mal das andere
An diesem Wochenende könnte sich entscheiden, ob Kai Wegner die Wahl in
Berlin gewinnt – dabei findet sie erst im September statt. Bis zum Stichtag
am Freitag hat die Initiative Verkehrsentscheid Unterschriften gesammelt,
sie braucht etwa 175.000 Unterstützer. Ob sie erfolgreich war, stand erst
nach Redaktionsschluss fest. Es sah so aus, als könnte sie scheitern. Die
Initiative fordert ein weitgehendes Verbot von Autofahrten innerhalb des
S-Bahn-Rings.
Eigentlich hätte ich fröhlich klingelnd unterschreiben müssen. Jeden Tag
fahre ich 20 Kilometer mit dem Fahrrad durch Berlin. [1][Todesangst, Wut
und Abgase] sind meine ständigen Begleiter. Ich teile das Ziel einer
anderen Verkehrspolitik: weniger Platz für Autos, mehr für Fußgänger und
Fahrräder.
Trotzdem hoffe ich, dass die Initiative scheitert und es nicht zum
Volksentscheid kommt. Denn das wäre ein Geschenk an die CDU.
Es fängt schon beim Namen des Volksbegehrens an: „Berlin autofrei“ ist
mindestens irreführend. 12-mal im Jahr soll man in die Innenstadt fahren
dürfen, als vierköpfige Familie 48-mal. Ausnahmen gibt es für Härtefälle
und Gewerbe. Das klingt maximal bürokratisch. Vor allem aber stärkt es den
Kulturkampf. Und einen Kulturkampf gegen das Auto, den kann man in
Deutschland nie, nie gewinnen.
## Strategisches Problem
Dabei sind die meisten Menschen nicht nur Autofahrer oder nur
Fahrradfahrer, sondern mal das eine, mal das andere. Sie wollen, egal
welches Verkehrsmittel sie nutzen, sicher ans Ziel kommen. Es wäre schon
etwas gewonnen, wenn das Volksbegehren von Anfang an eine weniger
kulturkämpferische Ansprache gehabt hätte, „Berlin für alle“, so in die
Richtung.
Das Hauptproblem ist aber ein strategisches: Berlin wird aktuell von der
Corruptionsverdächtig Dilettantischen Union (CDU) regiert. Ein Unfall der
Geschichte, den die Berliner Franziska Giffey zu verdanken haben. Denn
eigentlich gibt es in der Stadt eine Mehrheit für linke Parteien. Man muss
sie nur nutzen.
Die Chancen stehen also gut, dass es nach der Wahl im Herbst eine Regierung
ohne die CDU gibt, die dann eine fahrrad- und fußgängerfreundliche
Verkehrspolitik machen könnte. Mit mehr Tempo 30, Einbahnstraßen, und
Fahrradwegen. Wenn es aber parallel zur Wahl zum Volksentscheid kommen
sollte, würden bei der CDU die Sektkorken knallen und die Reifen
quietschen. Dann würde die Frage „Bist du für oder gegen das Auto?“ den
Wahlkampf dominieren.
Was manche Bewohner von Innenstadtkiezen, die den eigenen Lebensstil gern
als Vorbild für andere begreifen, vergessen: Es gibt keine Mehrheit für
eine radikale Verkehrspolitik. Die Mehrheit der Berliner lebt außerhalb des
S-Bahn-Rings. Hier werden Wahlen entschieden. Aber auch innerhalb wohnen
viele Menschen, für die ihr Auto Teil des Lebens ist, Ausdruck eines
bescheidenen Wohlstands.
Kolleginnen, die unterschrieben haben, sagen, ich sollte „Berlin autofrei“
wie eine gewerkschaftliche Maximalforderung betrachten. Als einen radikalen
Anstoß, damit sich etwas bewegt. Aber ein Volksentscheid ist keine
Tarifverhandlung, bei der man sich in der Mitte einigt. Wenn es im Herbst
zum Volksentscheid kommt und er dann mit Sicherheit scheitert, würde einer
besseren Verkehrspolitik auf Jahre die Legitimation entzogen. CDU und SPD
könnten sagen: Schaut doch, die Berliner wollen das nicht. Erinnert sich
jemand an den Klima-Volksentscheid? Auch der ist gescheitert, weil er
vielen zu radikal war.
Schon klar, Autofahren muss unbequem werden. Aber hätte man in Paris vor
zehn Jahren das ganze Volk befragt, wäre die Stadt heute nicht so weit, wie
sie ist. Gute Verkehrspolitik muss auch gegen Mehrheiten durchgesetzt
werden.
8 May 2026
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(DIR) Kersten Augustin
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