# taz.de -- Modellversuch im Kreuzberger Graefekiez: Wenn selbst Autofahrer weniger Parkplätze wollen
       
       > Reduzierte Parkmöglichkeiten stoßen im Kiez auf große Akzeptanz und
       > führen zu geändertem Mobilitätsverhalten. Mutige Politik gegen das Auto
       > zahlt sich aus.
       
 (IMG) Bild: Das Auto – Modell von gestern
       
       Die Macht der Autos ist ungebrochen. Man sieht dies nicht nur an dem
       aktuellen Vorhaben der Bundesregierung, Autofahrer:innen angesichts
       der hohen Spritpreise mit einem [1][Tankrabatt] zu entlasten. In Berlin ist
       die unter dem vorigen, rot-grün-roten Senat zaghaft begonnene
       Verkehrswende, die den Platz für Autos vor allem zugunsten des Radverkehrs
       umverteilen wollte, von der aktuellen schwarz-roten Regierung abgewürgt
       worden. Aktuell hat die CDU die Stadt mit Plakaten gegen den
       [2][Volksentscheid Berlin autofrei] plakatiert, der angesichts geringer
       Beteiligung zu scheitern droht.
       
       Ist eine Politik, die Dominanz des Autos im öffentlichen Raum zu brechen,
       also zum Scheitern verurteilt? Die Ergebnisse des [3][Modellversuchs im
       Kreuzberger Graefekiez], in dem seit 2023 hunderte Parkplätze umgenutzt und
       zum Teil entsiegelt wurden, sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen: Eine
       mutige Politik, die nicht mehr die Interessen von Autofahrer:innen
       prioritär behandelt, ist möglich und kann auf Akzeptanz stoßen. Klare
       politische Rahmensetzungen können zu veränderten Einstellungen führen.
       
       Das geht aus einer Studie von zwei Forscher:innen des
       Wissenschaftszentrums Berlin hervor, Andreas Knie und Theresa Pfaff, die
       Auswirkungen des Wegfalls von mehr als 700 Parkplätzen in dem eng
       begrenzten Raum untersucht haben. Die Zufriedenheit der Anwohner:innen
       mit dem neuen Straßenbild, mit neuen Beeten und Jelbi-Mobiltätsstationen
       vor allem in der Graefe- und der Böckhstraße ist hoch. Und das, obwohl der
       Kiez schon lange verkehrsberuhigt war, und die Maßnahmen kaum als Gewinn
       für Sicherheitsempfinden und Lärmbelastung wahrgenommen werden.
       
       Knie und Pfaff haben fast 5.000 Menschen aus dem Viertel angeschrieben und
       viele Antworten erhalten. 54 Prozent der Befragten schätzen die Situation
       besser als zuvor ein, nur 20 Prozent sehen eine Verschlechterung. Auch eine
       Mehrheit der Menschen mit einem Auto stehen den Maßnahmen positiv
       gegenüber. Positiv bewertet wird vor allem die Kinderfreundlichkeit der
       inzwischen autoarmen Straßen.
       
       ## Mobilitätsverhalten verändert
       
       40 Prozent haben aufgrund der Maßnahmen ihr Mobilitätsverhalten verändert.
       Statt auf das Auto setzen sie zunehmend auf den öffentlichen Nahverkehr.
       Gerade dieser muss oft als Argumentation gegen eine Verkehrswende
       herhalten. Nach dem Motto: Ohne attraktives Gegenangebot darf der Raum für
       Autos nicht beschnitten werden. Nur: Das Angebot der BVG zumindest in der
       Innenstadt ist flächendeckend und gut. Im Graefekiez hat seit 2023 fast
       jeder und jede Zehnte das Auto abgeschafft.
       
       Womöglich wären es sogar mehr, wenn die Maßnahmen so radikal ausgefallen
       wären, wie einst angedacht. Ursprünglich wollte der Bezirk mit 2.000
       Parkplätzen etwa dreimal so viele streichen, wie letztlich geschehen –
       stieß jedoch auf rechtliche Grenzen. Dennoch gibt der Graefekiez, das
       größte Modellprojekt zur Autoreduzierung des Landes, Hoffnung, dass sich
       auch im Autoland etwas tun kann. International ist man da schon weiter. In
       Paris stößt eine Politik von deutlich mehr Fußgängerzonen und
       Fahrradstreifen bei weniger und teureren Parkplätzen auf hohe Akzeptanz;
       [4][zuletzt wählten die Pariser:innen einen neuen Bürgermeister, der
       für die Kontinuität der Anti-Auto-Politik steht]. Auch in Berlin muss die
       Verteidigung des Autos kein politisches Gewinnerthema bleiben.
       
       17 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Geplanter-Tankrabatt-Industrievertreter-und-Umweltverbaende-enttaeuscht/!6170183
 (DIR) [2] /Volksbegehren-Berlin-autofrei/!6171110
 (DIR) [3] /Wohnen-ohne-Parkplaetze-in-Berlin/!5922274
 (DIR) [4] /Franzoesische-Kommunalwahlen/!6165144
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erik Peter
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Parkplätze
 (DIR) Verkehrswende
 (DIR) Kreuzberg
 (DIR) Auto
 (DIR) Friedrichshain-Kreuzberg
 (DIR) Flächenversiegelung
 (DIR) Friedrichshain-Kreuzberg
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Verkehrsplanung in den Berliner Bezirken: Langsam rollt die Wende an
       
       Friedrichshain-Kreuzberg treibt den Umbau seiner Straßen voran – aus den
       großen Plänen für den Bergmannkiez wird so schnell aber nichts.
       
 (DIR) Berlin hat zu wenig entsiegelte Flächen: Unterm Pflaster ist es zu trocken
       
       Alle reden von der „Schwammstadt“. In Friedrichshain-Kreuzberg wollen
       BürgerInnen selbst eine Straße teilentsiegeln. Doch so einfach geht es
       nicht.
       
 (DIR) Wohnen ohne Parkplätze in Berlin: Nur ein kleines bisschen beruhigt
       
       Das Experiment, den Kreuzberger Graefekiez parkplatzfrei zu machen, ist
       beim Zusammenstoß mit der rechtlichen Realität massiv geschrumpft.