# taz.de -- Wohnungspolitik in Berlin: SPD entdeckt das Mietenkataster
> SPD und CDU wollen Mieten automatisch prüfen und bei Verstoß
> sanktionieren. Der Mieterverein ist vorsichtig optimistisch, die
> Opposition sieht ein Wahlkampfmanöver.
(IMG) Bild: Wem gehört die Stadt? Diese Frage soll das Mietenkataster beantworten
Wenn der SPD-Vorsitzende Raed Saleh eine „mietenpolitische Revolution“
ankündigt, darf man zu Beginn skeptisch sein. Wie oft haben die
Sozialdemokrat:innen schließlich schon vor der Wahl mietenpolitisch
links geblinkt – um dann doch nur weiter die Wohnungskrise zu verwalten.
Dabei drängt es: Angesichts drastischer Angebotsmieten von 15 Euro und mehr
sowie von struktureller Machtlosigkeit gegenüber Immobilienkonzernen müssen
Berliner:innen inzwischen überlegen, ob das Leben in dieser Stadt noch
bewältigbar ist.
Und doch – der zentrale Punkt [1][des Blumenstraußes an Vorhaben, die SPD
und CDU am Dienstag noch für diese Legislaturperiode angekündigt haben],
stimmt hoffnungsvoll: Die Parteien wollen ein Mietenkataster auf den Weg
bringen. Das heißt konkret: Im Raum steht eine umfassende Erfassung aller
Mietverhältnisse in der Hauptstadt, ihre automatische Prüfung auf
Zulässigkeit – und dann, so jedenfalls die Idee, die konsequente
Sanktionierung von Vermietern, die die Notlage ihrer Mieter:innen
ausnutzen.
Wie das genau funktionieren soll, erläuterten die Fraktionsspitzen Saleh
und sein CDU-Pendant Dirk Stettner am Mittwoch auf einer Pressekonferenz.
Demnach planen die Fraktionen eine Ergänzung des
Wohnraumsicherungsgesetzes. Dafür gibt es bereits einen Entwurf, der der
taz vorliegt. Dieser verpflichtet alle Vermieter:innen, binnen zwölf
Monaten nach Inkrafttreten detaillierte Angaben zu ihren Wohnungen und den
dortigen Mietverhältnissen und insbesondere zur Bruttowarmmiete
einzureichen. Wer die Daten nicht einreicht, soll zunächst bis zu 10.000
Euro, bei Wiederholung aber auch bis zu 100.000 Euro Strafe zahlen müssen.
## Staatsanwaltschaft soll automatisch tätig werden
Die Daten sollen zentral gesammelt und offenbar von einer KI mit dem
Mietspiegel abgeglichen werden. Bei unzulässiger Miethöhe sollen
Vermieter:innen und Mieter:innen automatisch ein Schreiben bekommen.
Mit diesem Bescheid sollen Mieter:innen befähigt werden, eine
Mietminderung einzuklagen – tätig werden müssten sie aber immer noch
selbst. Mieten sind in Berlin in der Regel nur zulässig, wenn sie nicht
mehr als 10 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Eine
mindestens 20 Prozent überhöhte Miete ist eine Mietpreisüberhöhung und eine
Ordnungswidrigkeit.
Liegen die Mieten dagegen um mindestens 50 Prozent über dem Mietspiegel,
ist die juristische Grenze zum „Mietwucher“ überschritten. Das sei dann ein
Offizialdelikt. In diesem Fall soll automatisch die Staatsanwaltschaft
informiert werden, die dann tätig werden muss. Mietwucher ist ein
Straftatbestand, der theoretisch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei
Jahren oder einer Geldstrafe belegt werden kann. Bisher [2][haben Gerichte
dazu aber kaum ein:en Vermieter:in verurteilt].
Auf die Agenda gesetzt hatte das Thema Mietwucher die Linkspartei – und
nicht etwa die SPD. Die Linke hat Mieten zum zentralen Wahlkampfthema
erklärt. Und sogar schon Ende 2024 veröffentlichte die Partei eine
Mietwucher-App, bei der Mieter:innen ihre Daten in eine App eintragen
konnten, um sie mit der Vergleichsmiete abzugleichen. Das Ergebnis: Alleine
in den ersten elf Wochen [3][wurden bei 32.000 Eintragungen in 22.700
Fällen potenziell überhöhte Mieten erfasst.] Das Ausmaß überraschte selbst
die Linkspartei.
## Linke und Grüne sehen Verschleppung
Seither ist der Senat teils sogar tätig geworden: Er richtete [4][Stellen
zur Überprüfung von Verdachtsfällen ein], auch eine [5][landeseigene
Prüfstelle für überhöhte Mieten] gibt es mittlerweile. Die stellte im
Februar in fast allen überprüften Verträgen überhöhte Mieten fest, in zwei
Drittel der überprüften Verträge gar Fälle von Mietwucher. Angesichts
dieser Zahlen darf die Bemerkung von CDU-Mann Stettner am Dienstag in der
RBB-Abendschau, Mietwucher beträfe nur „sehr, sehr wenige Vermieter“, als
naiv gelten.
In der Opposition fühlten sich am Mittwoch einige überrumpelt – schließlich
ist es doch die SPD, die beim Katasterthema seit Jahren blockiert. Und
dennoch: Eine Fundamentalkritik am Vorstoß blieb aus. „Besser spät als
nie“, hieß es etwa von der Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp. Sie verwies
auf [6][das Sicher-Wohnen-Gesetz ihrer Partei], das bereits als
Gesetzesentwurf im Abgeordnetenhaus vorliegt und ein Mietenkataster
enthält.
„Jetzt als SPD ein Wohnungskataster anzukündigen, nachdem man dies
jahrelang selbst verschleppt hat, ist purer Opportunismus“, sagte
allerdings die Grünen-Politikerin Katrin Schmidberger zur taz.
Grundsätzlich begrüße sie den Vorstoß. Sie drängte jedoch darauf, dass der
Senat dringend auch erfassen sollte, wo umgewandelte Eigentumswohnungen
oder möblierte Wohnungen auf Zeit vermietet werden. „Das sind weiter mit
die größten Verdrängungsmotoren“, sagte Schmidberger.
## Vermieter schäumen
Auch beim Mieterverein wagt man, vorsichtig optimistisch zu sein. „Das ist
ein wichtiger Schritt“, sagte Geschäftsführerin Wibke Werner der taz. Mit
dem Gesetz können „nicht nur überhöhte Mieten“, sondern auch „Verstöße
gegen das Zweckentfremdungsverbotsgesetz“ verfolgt werden.“ Werner
bemängelte nur, dass der Senat nicht noch weitere Daten systematisch
erfasst – etwa, wo Wohnungen leer stehen, wie viele Wohnungen altersgerecht
sind und wie viele Sozialwohnungen es gibt.
Auf der Vermieterseite schäumt man. Von einem „vermietendenfeindlichen
Vorhaben“ spricht der Eigentümerverband Haus und Grund sowie von einem
„ineffektiven Bürokratiemonster“. Für die Prüfung der Daten fehlten dem
Land gänzlich die Kapazitäten, heißt es in einer Mitteilung – weshalb das
Vorhaben kaum mehr als „eine hilflose Täuschung der Berliner
Stadtgesellschaft“ sei, „etwas Positives für die die Stadt unternehmen zu
wollen“.
Die Verabschiedung und Umsetzung eines Gesetzes sind tatsächlich zwei
verschiedene Paar Schuhe. Das Mietkataster einrichten muss wohl der neue
Senat nach der Wahl – der dann die schwierige Aufgabe hat, endlich Licht in
die Blackbox Wohnungsmarkt zu bringen.
22 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Klausurtagung-der-Koalitionsfraktionen/!6172919
(DIR) [2] /Urteil-zu-Wuchermiete-in-Berlin/!6148674
(DIR) [3] /App-gegen-Mietwucher/!6065703
(DIR) [4] /Kontrolleure-gegen-Mietwucher/!6137078
(DIR) [5] /Mietwucher-in-Berlin/!6155334
(DIR) [6] /Konzept-der-Linken/!6166420
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
(DIR) Stefan Alberti
## TAGS
(DIR) Mieten
(DIR) Schwarz-rote Koalition in Berlin
(DIR) Mietenprotest
(DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Mieten
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Mieten
(DIR) Mieten
(DIR) Mietendeckel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Mietrechtsnovelle von Union und SPD: Möbelabzocke schwerer gemacht
Das Bundeskabinett gibt grünes Licht für eine weitere Mietrechtsreform. Was
steht drin? Und was bringt es? Die wichtigsten Änderungen im Überblick.
(DIR) Mietenkataster in Planung: Berlin will Vermieter:innen an Recht und Gesetz binden
Überraschend kündigen CDU und SPD ein Mietenkataster für Berlin an: ein
trotz diverser offener Fragen vielversprechender Schritt für Mieter:innen.
(DIR) Berlin will Mietenkataster einführen: Erstmals pocht der Staat auf Einhaltung der Mietgesetze
Das von Schwarz-Rot geplante Mietenkataster ist so überfällig wie
revolutionär. Bei einem Erfolg wird das bundesweit Modellcharakter haben.
(DIR) Mietwucher in Berlin: Staat muss alle Register ziehen
Die Mietenprüfstelle hat in fast zwei Dritteln der Fälle Mietwucher
festgestellt. Opposition und Mieterverein fordern, Verstöße effektiver zu
ahnden.
(DIR) Mietenpolitik in Berlin: Der Deckel soll's richten
Ein SPD-Vorschlag für einen neuen Mietendeckel ist heftig umstritten. Kann
er eine Vergesellschaftung ersetzen? Oder ist er ein Wahlkampfmanöver?