# taz.de -- Die AfD nach der Abwahl von Viktor Orbán: Der Sugardaddy ist weg – und nun?
> Nach Viktor Orbáns Abwahl steht die AfD außenpolitisch isolierter und um
> ein Vorbild ärmer da. Für die Partei ist das ein Dämpfer im
> Superwahljahr.
(IMG) Bild: Viktor Orbán und Alice Weidel (AfD) in Budapest, am 12. Februar 2025
Als am letzten Sonntag jubelnde Massen durch Ungarns Hauptstadt strömten
und die Abwahl von Viktor Orbán feierten, streifte auch ein
niedergeschlagener Maximilian Krah durch die Straßen. Er war einer der
wenigen AfD-PolitikerInnen, die sich sofort zur Abwahl von Viktor Orbán
äußerten und zwar per Video aus Budapest. Er wollte den Wahlausgang auf der
Wahlparty der rechtsextremen Kleinpartei „Mi Hazank“ feiern, die sogar
deutlich radikaler als Orbán ist und mit [1][der die AfD eine gemeinsame
Fraktion im EU-Parlament bildet].
Zu feiern gab es dann aber wenig: In seinen Videos wirkt Krah am späten
Sonntagabend wie ein bedröppelter Fußballprofi, der noch am Spielfeldrand
eine schmerzhafte Niederlage erklären muss. Mit gedämpfter Stimme spricht
er von einem schlechten Tag – im Hintergrund sind weit entfernt am
ungarischen Parlament feiernde Menschen und wummernde Bässe zu hören.
Die Abwahl Orbáns – sie ist auch eine Niederlage der AfD, daran lässt Krah
keinen Zweifel. Er postete „wir haben Ungarn verloren“, sprach von einem
„Erdrutsch“ und bewarb zugleich die rechtsextreme Kleinpartei Mi Hazank
(„Meine Heimat“), die er nun für die Zukunft Ungarns hält.
Niedergeschlagen, aber auch trotzig sprach er in die Kamera: „Für uns ist
es schlecht, das müssen wir zugeben (…) Wir stehen zu unseren ungarischen
Freunden, insbesondere zu unserer Schwesterpartei Mi Hazank.“
Die rechtsextreme Mi Hazank will den Austritt Ungarns aus der EU, die
Wiedereinführung der Todesstrafe und sie hetzt gegen Minderheiten. Der
Vorsitzende László Toroczkai, mit dem Krah auf einem Foto posiert, setzte
sich in der Vergangenheit für ein Ungarn in den Grenzen von 1920 ein.
Toroczkai freute sich schon auf das Ende der Staatlichkeit der Ukraine,
[2][um Teile der Westukraine Ungarn einzuverleiben]. Im neuen ungarischen
Parlament hat Mi Hazank gemeinsam mit Orbán weniger als ein Drittel der
Sitze.
Tatsächlich liegt die Zukunft Ungarns nun beim Wahlsieger Péter Magyar, der
versprochen hat, Demokratie und Rechtsstaat in Ungarn mit seiner
Zwei-Drittel-Mehrheit wieder hinzubiegen.
## Rammbock gegen Liberalismus
Orbáns Niederlage hat aber Folgen weit über die Grenzen Ungarns hinaus:
Tatsächlich war Viktor Orbán nicht nur Rammbock gegen den verhassten
Liberalismus der EU. Er vernetzte autoritäre Kräfte weltweit, förderte ihre
Ideologie und minderheitenfeindliche Narrative mit Thinktanks – zum
Beispiel das teils auch in Deutschland tätige „Mathias Corvinius Collegium“
(MCC), das mit einem Vermögen von über einer Milliarde Euro ausgestattet
ist und einen Jahresetat von 80 Millionen hat.
Mit seinen Thinktanks leistete Orbán autoritäre Aufbauhilfe und war Vorbild
für westliche Autokraten, die seiner „illiberalen Demokratie“ nacheiferten.
Orbans autoritärer Staatsumbau war Blaupause für Trumps Project 2025, und
auch die AfD sieht in ihm ein großes Vorbild. Im Gegenzug für seine
antiliberale Pionierarbeit unterstützten sie Orbán: AfD-Chefin Alice Weidel
leistete, ebenso wie US-Vize-Präsident JD Vance, vor kurzem noch
Wahlkampfhilfe – beim von Orbán jährlich organisierten Vernetzungstreffen
CPAC. Seinen Gegner Péter Magyar bezeichnete Weidel als eine [3][„Handpuppe
der EU“]. Genützt hat es wenig.
Nun fällt nicht nur ein wichtiger Knotenpunkt des globalen Autoritarismus
weg. Gerade die AfD verliert einen wichtigen Rückhalt: Orbán hofierte
Weidel wie einen Staatsgast und [4][empfing diese im Bundestagswahlkampf].
Der Staatschef verlieh der nach Anerkennung dürstenden Partei damit
[5][außenpolitische Legitimation]. Ein Foto, das Orbán und Weidel zwischen
riesigen Nationalfahnen beim Händeschütteln zeigt, ist auch vier Tage nach
der Wahlniederlage noch immer der Header von Weidels X-Profil. Dass
[6][Weidels Regenbogenfamilie] mitnichten in Orbáns Wunsch-Ungarn
[7][gleichberechtigt leben könnte], scheint ihr egal zu sein.
Die Aushöhlung der ungarischen Demokratie war ein positiver Bezugspunkt für
Möchtegern-Autokraten weltweit. Hinzu kommt bei vielen die Russlandnähe
sowie die Ablehnung von Ukrainehilfen, die Orbán in der EU per Veto
blockieren konnte.
Orbáns Abwahl zeigt jetzt: Der Rechtsruck lässt sich stoppen, aufhalten und
umkehren. Wie nachhaltig, lässt sich derzeit noch nicht beantworten. Fest
steht aber: Nach der PiS-Partei in Polen ist Orbáns Regime bereits die
zweite autokratische Regierung in Europa, die in den letzten Jahren wieder
abgewählt wurde.
## Katerstimmung und Augenwischerei
Innerhalb der AfD ist das ein Dämpfer im Superwahljahr. Weidels Sprecher
Daniel Tapp sagte der taz: „Da bricht natürlich ein bedeutsamer Partner
weg, mit dem man sich ausgetauscht hat und der ja unbestritten eine starke
Symbolfigur war.“ In der politischen Alltagspraxis werde das für die AfD
allerdings keine Auswirkungen haben, beschwichtigt er – eher werde die
Bedeutung der AfD unter den europäischen Rechtsparteien noch zunehmen,
glaubt er.
Unterhält man sich in den Tagen danach mit AfD-PolitikerInnen versuchen
viele, das Thema herunterzuspielen und stattdessen darauf zu verweisen,
dass Orbán ja so autokratisch gar nicht sein könne, wenn es möglich sei,
ihn abzuwählen. „Viktor Orbán hat die Wahlniederlage natürlich akzeptiert,
wie es auch ein AfD-Kanzler tun würde, wenn die Wähler einen politischen
Wechsel wollen“, sagte etwa Beatrix von Storch zur taz. Auch Weidel
behauptete: „Herrn Orbán konnte man abwählen, Frau von der Leyen können wir
nicht abwählen.“
Das ist natürlich Augenwischerei – Orbán hat seine Abwahl in den 16 Jahren
seiner Regierungszeit so schwer wie möglich gemacht. Das System war auf ihn
zugeschnitten mit ausgehöhlten demokratischen Institutionen und einer
gesteuerten Presselandschaft. Nach 16 Jahren Orbán ist Ungarn eines der
ärmsten Länder Europas. Orbáns Skandale um Korruption häuften sich
[8][derart], dass ihn der ebenfalls Konservative und Ex-Fidesz-Parteigänger
Peter Magyar schlagen konnte. Dieser versprach die Demokratie
wiederherzustellen und [9][Korruption] zu bekämpfen.
Dass Orbán zuvor das Wahlsystem so umgestaltet hatte, dass man mit 53
Prozent der Stimmen eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament erlangt, wird
nun zum Bumerang für ihn selbst. Es bietet Magyar deutlich weitreichendere
Möglichkeiten als etwa einem Donald Tusk in Polen, der bei der Reparatur
des Rechtsstaats nicht zuletzt gegen den PiS-Präsidenten [10][eher machtlos
wirkt].
## Außenpolitische Brüche
Außenpolitisch steht die AfD zunehmend isoliert da. Nach US-Angriffen auf
Venezuela und Iran waren Weidel und Chrupalla öffentlich auf Distanz zum
Maga-US-Präsidenten Donald Trump gegangen. Mit Marine Le Pen vom
franzöischen Rassemblement National kam es zum Bruch wegen der
Radikalisierung der AfD und ihrer Übernahme des rechtsextremen
Kampfbegriffs „Remigration“. Das an die italienische
Fratelli-Ministerpräsidentin Giorgia Meloni angelehnte Wort „Melonisierung“
gilt in AfD-Kreisen mittlerweile als Schimpfwort für die verweichlichte
Anpassung an den Mainstream. Und zur polnischen und antideutschen PiS waren
die Kontakte ohnehin nie sonderlich gut. Nun ist auch noch Orbán weg.
Derzeit bleiben der AfD vor allem Putin und die österreichische FPÖ – mal
abgesehen von obskuren rechtsextremen Kleinparteien, mit denen sich die AfD
in der europäischen Hooligan-Fraktion zusammengetan hat.
Entsprechend alarmiert liefen strategische Debatten innerhalb und im Umfeld
der Partei ab: So [11][warnte der rechtsextreme Ideologe Benedikt Kaiser]:
„Rechte Wähler verzeihen auf Dauer keine Korruption, keine
Vetternwirtschaft, keine Selbstbereicherung, keine vermeintliche oder
tatsächliche Verfettung der herrschenden Klasse.“
Diese Aussage zielte auch in Richtung AfD, die selbst derzeit [12][von
einem unaufgearbeiteten Vetternwirtschaftsskandal erschüttert] wird. „Eine
deutsche Rechtspartei darf von vornherein niemals auch nur den Eindruck
entstehen lassen, dass sie selbst korrupte und kleptokratische Züge dulden
würde. Eingreifen, bevor etwas außer Kontrolle gerät!“, forderte Kaiser.
Dieser ist selbst zwar kein AfD-Mitglied, arbeitet aber im Büro des
Bundestagsabgeordneten Robert Teske, einem der engsten Vertrauten des
Rechtsextremisten Björn Höcke.
Höcke selbst bedauert zwar auch Orbáns Niederlage: „Kurzfristig ist es
zweifellos eine Schwächung der patriotischen Kräfte in Europa.“ Er versucht
aber auch innerparteilich Kapital daraus zu schlagen. Das Scheitern von
Orbán sieht er in dessen Vetternwirtschaft begründet. Vetternwirtschaft
kritisieren Höcke und sein Umfeld auch in der eigenen Partei. Sie
instrumentalisieren das Thema, um ihre Machtbasis auszubauen – [13][eigene
fragwürdige Beschäftigungsverhältnisse] lassen sie dabei gerne unter den
Tisch fallen.
## Orbáns Infrastruktur bedroht?
Rechtsextremisten außerhalb Ungarns sorgen sich, dass Orbáns Thinktanks an
Einfluss verlieren. [14][Martin Sellner etwa fürchtet], dass Magyar „die
metapolitische Infrastruktur Orbáns zerstören“ könne – neben dem MCC sieht
er auch das Magazin The European Conservative, das internationale
Vernetzungstreffen „[15][CPAC Hungary]“ oder das „Danube Institute“
bedroht.
Orbáns Infrastruktur ist [16][auch in Deutschland präsent]: Vor allem gab
es immer wieder Versuche [17][mit der Union anzubandeln]. Orbáns zentraler
Thinktank MCC hat hier das „Deutsch-Ungarische Institut für europäische
Zusammenarbeit“ gegründet. Dessen Direktor war zuvor lange Jahre in
leitender Funktion bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung tätig und ist
Träger des ungarischen Verdienstkreuzes. Das als ultrakonservativ geltende
Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung bezeichnete sowohl MCC als auch
das Deutsch-Ungarische Institut als Partnerorganisationen.
Pikant ist aber: Das derzeit von der CDU besetzte Außenministerium hält das
MCC für eine [18][Orbánsche „Propaganda-Schule“] inklusive
Klimawandelleugnung und „fortgeschrittener Indoktrination“ im Kulturkampf
gegen Migration und Geschlechtergerechtigkeit.
Aber auch an der Normalisierung der extrem rechten AfD arbeitet man
beharrlich: Eine 2022 gegründete Brüsseler MCC-Niederlassung plädierte gar
direkt dafür, die AfD in eine Regierung einzubinden. Dort arbeitet auch ein
alter Vertrauter: Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der
für sein CDU-Parteibuch und als Pegida-Versteher bekannt ist.
Doch dass Orbáns NGO- und Stiftungsnetzwerk schlagartig zusammenbricht, ist
nicht zu erwarten: Orbán hatte das MCC mit zehn Prozent der Anteile des
halbstaatlichen Ölkonzerns MOL ausgestattet. Die wiederum verdienen an
russischen Ölimporten. Mit dem milliardenschweren Stiftungsvermögen hat
Orbán sich zugleich gegen einen Regierungswechsel abgesichert: Die Stiftung
ist noch immer in Fidesz-Hand und [19][der Staat hat keinen Zugriff mehr
auf dieses Vermögen].
Die Sorge bleibt dennoch groß bei Europas Rechtsextremen, dass ihr
Sugardaddy Orbán nun weg ist. Wie groß, wurde etwa bei der rechtsradikalen
Influencerin Eva Vlaar aus den Niederlanden deutlich. Sie warnte die eigene
Bubble davor, Orbáns Abwahl herunterzuspielen: „Das ist nicht nur ein
Desaster für Ungarn, sondern auch für uns in Europa.“ Orbán habe
Institutionen, Thinktanks und Organisationen aufgebaut, von denen man sonst
nur träumen könne – „Wir haben unseren stärksten Kämpfer verloren. Es ist
schwer, nicht demoralisiert zu sein.“
17 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-AfD-Fraktion-in-Bruessel/!6022937
(DIR) [2] https://www.tagesspiegel.de/internationales/erheben-anspruch-auf-ukrainisches-gebiet-afd-politiker-beim-treffen-ungarischer-rechtsextremer-11122939.html
(DIR) [3] /AfD-im-Autoritarismus-Index/!6163674
(DIR) [4] /Weidel-bei-Ungarns-Ministerpraesident/!6065409
(DIR) [5] /Die-AfD-und-der-Krieg-in-der-Ukraine/!5844230
(DIR) [6] /Rechtsextreme-und-Homosexualitaet/!6065658
(DIR) [7] https://www.siegessaeule.de/magazin/ungarn-regenbogenfamilien-sollen-denunziert-werden/
(DIR) [8] https://www.ipg-journal.de/regionen/europa/artikel/das-waehlen-der-anderen-1-8993
(DIR) [9] https://www.boell.de/de/2026/04/15/ungarn-trotz-aller-angriffe-hielten-wir-unseren-demokratischen-werten-fest
(DIR) [10] /Karol-Nawrocki-gewinnt-Praesidentenwahl/!6091162
(DIR) [11] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/was-bedeutet-die-abwahl-orbans-fuer-die-afd-und-ihr-vorfeld-163397/
(DIR) [12] /Verwandtenaffaere-in-der-AfD-Thueringen/!6161261
(DIR) [13] /Verwandtenaffaere-in-der-AfD-Thueringen/!6161261
(DIR) [14] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/was-bedeutet-die-abwahl-orbans-fuer-die-afd-und-ihr-vorfeld-163397/
(DIR) [15] /Autoritarismus/!6163672
(DIR) [16] https://www.tagesspiegel.de/internationales/kaderschmiede-des-illiberalismus-orbans-denkfabrik-wachst-immer-weiter-9829457.html
(DIR) [17] https://correctiv.org/aktuelles/lobbyismus/2025/01/30/orbans-flirt-mit-der-union/
(DIR) [18] https://correctiv.org/aktuelles/klimawandel/2024/09/11/aussenministerium-haelt-ungarischen-partner-von-berliner-elite-hochschule-fuer-propaganda-schule/
(DIR) [19] https://www.volksverpetzer.de/analyse/orbans-propagandisten-afd/
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