# taz.de -- Pressefreiheit in Ungarn: Der lange Weg aus der Propaganda
> Péter Magyar hat die Wahl gewonnen und verspricht, Ungarns
> Medienlandschaft zu befreien. Doch er wäre nicht der Erste, der an einer
> Reform scheitert.
(IMG) Bild: Peter Magyar am 12. April in Budapest: Wird er seine Reform-Versprechen halten?
Szabolcs Panyi gewöhnt sich noch an die neue Normalität. Keine Sorgen mehr,
wer das Treffen mitverfolgt, kein Blick aufs Telefon mit dem Gedanken, ob
es gerade jemand abhört. Der ungarische Journalist, der für die
Rechercheplattform VSquare arbeitet, war in den Wochen vor der Wahl vom
Regierungslager als ukrainischer Spion bezeichnet und mit einer
Strafanzeige wegen Spionage überzogen worden. In früheren Jahren wurde er
mit der Software Pegasus abgehört. Wirklich überrascht haben ihn die
Anfeindungen nicht, belastet haben sie ihn sehr wohl. Diese Last ist nun
abgefallen.
[1][Nach der Abwahl Viktor Orbáns] stellt sich in Ungarn eine Frage
besonders laut: Wie baut man ein Mediensystem wieder auf, das über 16 Jahre
systematisch zerstört wurde?
Der Hintergrund: Orbán hatte nicht im klassischen Sinne zensiert, sondern
ein fast allumfassendes eigenes Medienökosystem aufgebaut. Der Druck kam,
wie András Földes vom Wochenmagazin HVG beschrieb, nie direkt: kein Verbot,
kein Anruf. Stattdessen verschoben sich Eigentümerstrukturen im
Verborgenen, Chefredakteure mussten gehen, Werbekunden zogen sich zurück.
Das Kesma-Konglomerat ist das organisatorische Herzstück des
Orbán-Medienimperiums. Unter dieser Stiftung sind Hunderte Zeitungen,
Onlineportale und Lokalmedien zusammengefasst. Betrieben wurden sie nicht
aus publizistischer Überzeugung, sondern weil staatliche Werbegelder
flossen. Sobald diese versiegen, wird ein Großteil dieser Strukturen in
sich zusammenbrechen.
## Große Herausforderungen
Der künftige Regierungschef Péter Magyar fordert deshalb ein Moratorium für
staatliche Werbung, solange kein transparentes, marktbasiertes System
existiert. Marius Dragomir, Direktor des Media and Journalism Research
Center, lässt keinen Zweifel daran, dass dies erst der Anfang ist. „Die
Fragen sind so viele und die Herausforderungen so groß“, sagt er, „dass ich
manchmal völlig sprachlos bin, wenn ich daran denke, wie dieses Chaos
behoben werden kann und wie lange das dauert.“
Damit meint er insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rundfunk MTVA, ein
Konglomerat aus Fernsehen, Radio und Nachrichtenagentur, das Orbán zum
zentralen Propagandainstrument ausbaute. Magyar kündigte an, die dortigen
Nachrichtensendungen solange zu suspendieren, bis ein neues Modell
aufgebaut ist. Auch eine neue Medienbehörde ist vorgesehen, da dort aktuell
nur Personen arbeiten, die Orbáns Fidesz nahestehen.
Dragomir äußert gewisses Verständnis für die angekündigte Sendepause, sieht
aber erhebliche Risiken: „Wenn man bei der Reform des ÖRR einen Fehler
macht, kann man sein Publikum und seine Popularität für sehr lange Zeit
zerstören.“ Menschen hätten heute Zugang zu so vielen Nachrichtenquellen,
dass ein falsch kommunizierter Umbau das Publikum dauerhaft vertreibe. Als
warnendes Beispiel nennt der Medienexperte Rumänien: Der
öffentlich-rechtliche Sender TVR verlor nach jahrelangen politischen
Einmischungen und Skandalen massiv an Reichweite.
Ein weiteres Problem: Strukturen lassen sich relativ leicht ändern, doch
was macht man mit den Menschen, die in dieser Sendeanstalt arbeiten? Panyi
urteilt hart: Die Menschen, die dort über die vergangenen eineinhalb
Jahrzehnte tätig waren, seien keine Journalisten gewesen. „Oder wenn doch“,
sagt er, „sind sie so schwer kompromittiert, dass sie in keiner echten
Redaktion arbeiten könnten.“
## Reformen sind nicht einfach
[2][Polen ist das nächstgelegene Beispiel und eine ernüchternde Warnung.]
Das öffentlich-rechtliche TVP war jahrelang das Sprachrohr der illiberalen
PiS-Regierung. Nach dem Machtwechsel setzte die Tusk-Regierung 2023 eine
neue Führung ein und stellte TVP vorübergehend in Liquidation, ein
juristisch umstrittener Prozess. Jetzt ist die Berichterstattung kaum
ausgewogener: Unabhängige Faktenchecker stellten fest, dass der Sender
regierungskritische Informationen oft ausspart.
Das ist ein grundlegendes Problem in vielen Ländern Europas, sagt Dragomir:
Jede Partei behandle den ÖRR wie persönliches Eigentum. Man reformiere ihn
nicht wirklich, man übernehme ihn. Das Problem zeigt sich aktuell auch in
Tschechien, der Slowakei und Österreich.
Kein Modell lässt sich einfach importieren. Aber es gibt Ansätze, die man
sich vom Ausland abschauen könnte. Dragomir verweist auf Litauen, wo der
Haushalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks automatisch als fixer
Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts berechnet wird. Die Regierung kann
ihn deshalb weder kürzen noch aufstocken, was eine gewisse Unabhängigkeit
ermöglicht. Abschauen könnte man sich laut Dragomir auch etwas aus
Deutschland, wo die Rundfunkräte von einem breiten Spektrum
gesellschaftlicher Gruppen organisiert werden: Parteien, Kirchen,
Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen. Das schafft keine
totale Unabhängigkeit, aber es verhindert, dass eine einzige politische
Kraft die volle Kontrolle übernimmt.
Auch für die verbliebenen unabhängigen Medien, vor allem online zu finden,
gibt es Herausforderungen. Denn ihre Monetarisierung bleibt prekär.
Monatelange Recherchen lassen sich kaum über Werbeanzeigen oder Abos
finanzieren.
## Hält Magyar sein Versprechen?
Beide Experten sind daher überzeugt, dass eine Art Medienförderung nötig
ist, um Bestehendes abzusichern und Neugründungen zu erleichtern.
Für die unabhängigen Journalisten, die Spyware, Verleumdungskampagnen und
wirtschaftliche Auszehrung überstanden haben, hängt daran sehr viel.
Geschlossene Redaktionen entstehen nicht neu, weggegangene Kollegen kommen
nicht zurück. Aber wenn staatliche Werbung aufhört, als Druckmittel zu
funktionieren, und es stattdessen transparente Förderschienen gibt, dann
wäre das eine gänzlich neue Ausgangslage.
Die entscheidende Frage bei alledem bleibt, ob Magyar das, was er
verspricht, auch in der Medienpolitik durchhält – und mit seiner
Zweidrittelmehrheit nicht der Macht verfällt wie seinerzeit Orbán. Panyi
nennt sich vorsichtig optimistisch, betont aber, die neue Regierung ebenso
kritisch zu begleiten wie die alte. Medienexperte Dragomir sieht es
ähnlich: „Wir müssen abwarten, was Magyar in den nächsten sechs Monaten
tut. Das wird viel über seine wirklichen Absichten verraten.“
Was bereits auffällt: Magyar war im Wahlkampf sehr darauf bedacht,
Angriffsflächen zu vermeiden. Auf Kritik reagierte er manchmal ungestüm
oder persönlich. Am Tag nach seinem Wahlsieg stellte er sich jedoch drei
Stunden den Fragen der nationalen und internationalen Presse – und lud
ausdrücklich jene unabhängigen Journalisten ein, denen Orbán jahrelang den
Zutritt verweigert hatte.
Wenige Tage später gab Magyar seine [3][ersten Interviews im ÖRR seit
anderthalb Jahren]. Im gesamten Wahlkampf bekam er dort keine Bühne.
Eingriffe in die laufende Berichterstattung werde es unter ihm nicht geben,
erklärt er. Ob das Versprechen hält, wird sich zeigen, wenn die ersten
unbequemen Berichte erscheinen.
2 May 2026
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## AUTOREN
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